Killers of the Flower Moon - Kinostart: 19.10.2023

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Martin Scorsese hat einige zeitlose Meisterwerke geschaffen. Selbst seine ...
 
... vergleichsweise schwächeren Filme sind immer noch sehenswert. Mit seinem neuen Film hat er sich in mancher Hinsicht beinahe selbst übertroffen …
 
Money flows freely here now
 
Kurz nach dem ersten Weltkrieg: Nachdem auf Ihrem Stammesgebiet reiche Ölvorkommen gefunden wurden, sind die Osage der mit Abstand reichste Stamm amerikanischer Ureinwohner. Viele weiße Amerikaner wollen etwas von diesem Reichtum abhaben. Der Geschäftsmann William Hale (Robert De Niro) verheiratet deshalb seine männlichen Verwandten mit Osage-Frauen. Auch sein Neffe Ernest (Leonardo DiCaprio) heiratet die Ureinwohnerin Mollie. Dann geschehen die ersten Morde …
 
Jeder einzelne Film von Martin Scorsese ist etwas ganz Besonderes. Seine ersten beiden Filme, „Wer klopft den denn da an meine Tür“ und „Boxcar Bertha“, wirken heute grobschlächtig, fast primitiv aber trotzdem bewegend. „Taxi Driver“ zeigt wie gering der Unterschied zwischen einem Wahnsinnigen und einem Helden sein kann und ist nicht nur deshalb ein Klassiker. Die Meisterwerke „Wie ein wilder Stier“, „Good Fellas“ und „Casino“ haben Generationen von Filmemachern beeinflusst und werden diese weiter beeinflussen. Für „The Departed“ erhielt Scorsese spät aber doch einen Oscar.
 
Selbst seine weniger bekannten Filme wie „The King of Comedy“, „Bringing Out the Dead“ oder „Hugo Cabret“, stehen weit über dem Einheitsbrei dessen, was Jahr für Jahr im Kino zu sehen ist. Scorsese ist ein echter Künstler. Er ist der Kunst verpflichtet. Bei jedem seiner Projekte will, ... nein muss er einen Film machen, der so gut und so schön als möglich ist. Ob dieser Film am Ende gefällt oder nicht, ist nicht von Belang.
 
„Killers of the Flower Moon“ ist Scorsese sicher sehr gut und sehr schön geraten. Darüber sind sich die Kritiker weltweit bereits einig. Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Oktoberwoche und aktuell hat der Film 97% Zustimmung auf Rotten Tomatoes. Und ich kann meinen Kollegen links und rechts vom Atlantik nur zustimmen. Fast alles an „Killers of the Flower Moon“ ist großartig. Der Film ist wunderschön anzusehen.
 
Die Kameraleute unter der Leitung von Rodrigo Prieto liefern makellose Bilder. Dabei arbeiten sie so unaufdringlich und gelassen, dass man eine Weile braucht, um erst erkennen und dann würdigen zu können, wie großartig die angenehm ruhige Bildsprache des Films zum Thema und zum Setting passt.
 
Und so wie man ein aufmerksames Auge für die Kameraarbeit braucht, sollte man seine Ohren für die beste Filmmusik spitzen, die wir dieses Jahr im Kino zu hören bekommen werden. Robbie Robertson begleitete bereits als Teenager den Sänger Ronnie Hawkins, bevor er Mitglied von „The Band“ wurde. Seither war er als Musiker, Komponist und Produzent tätig. Vom Rolling Stone Magazine wurde er auf Platz 59 der größten Gitarristen aller Zeiten (noch vor Lindsey Buckingham, Buddy Holly oder Bruce Springsteen) und auf Platz 45 der größten Songwriter aller Zeiten gewählt (noch vor Björn Ulvaeus und Benny Andersson, Ashford and Simpson, Elton John und Bernie Taupin oder Neil Diamond).
 
Robertson schrieb auch Filmmusik. Mit Scorsese arbeitete er unter anderem an „Die Farbe des Geldes“ und „The Irishman“ zusammen. Leider ist Robbie Robertson im August 2023 im Alter von Achtzig Jahren verstorben. Man darf also davon ausgehen, dass die Filmmusik zu „Killers of the Flower Moon“ seine letzte vollendete Arbeit war.
 
1969 schrieb Robertson „The Night, They Drove Old Dixie Down“, in dem der Fall der Südstaaten am Ende des Sezessionskrieges so eindrücklich und bewegend beschrieben wird, dass heute noch selbst Musikkenner das Lied für einen Klassiker der amerikanischen Folkmusic halten. Mit seiner letzten Arbeit ist ihm wieder ein ähnliches Kunststück gelungen. Robertsons, selbst indigener Abstammung, hat für den Film Musik der Ureinwohner, amerikanische Klassiker wie „Bull Doze Blues“ und Eigenkompositionen zu einem wunderschönen Ganzen zusammengefügt, das die wunderschönen Bilder ganz sanft und unaufdringlich untermalt und bereichert.
 
You’ve got to take controll of your home
 
Nun habe ich bereits gute sechshundert Wörter geschrieben, ungefähr zweihundert davon bloß über die Arbeit des großartigen Robbie Robertson. Und dabei habe ich noch kaum ein Wort über Scorseses Regiearbeit verloren. Ich habe noch nicht über das Drehbuch geschrieben, das Scorsese zusammen mit Eric Roth verfasst hat. Ich habe die Arbeit der Schauspieler noch nicht kommentiert. Und ich habe noch nicht über die Schnittarbeit von Thelma Schoonmaker berichtet. Scheint so, als würde das eine der längeren Rezensionen auf cinepreview.de werden. Das wäre dann ja nur passend.
 
Kommen wir zur Arbeit der großen Thelma Schoonmaker: Kann mir bitte jemand verraten, warum Martin Scorsese seiner Cutterin offensichtlich während der gesamten Post-Production die Schere versteckt hat? Man kann bei „Killers of the Flower Moon“ gar nicht von Schnittarbeit sprechen, weil ein „Schnitt“ im herkömmlichen Sinne des Wortes offensichtlich gar nicht stattgefunden hat. Benutzen wir lieber den schönen altmodischen Begriff „Montage“. Denn „geschnitten“ hat die mehrfache Oscarpreisträgerin ("Wie ein wilder Stier“, „Aviator“, „Departed“) vermutlich gar nichts. Sie hat das von Scorsese gedrehte Material „montiert“. Und das hat sie, wie immer, meisterhaft bewerkstelligt.
 
„Killers of the Flower Moon“ hat eine Laufzeit von 206 Minuten! In Worten: zweihundertsechs! Das sind fast dreieinhalb Stunden! Das Drehbuch von Eric Roth und Scorsese ist zum großen Teil wirklich hervorragend geschrieben. Die Dialoge geben großartig wieder, wie viel langsamer und auch weniger die Menschen in der amerikanischen Provinz des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gesprochen haben. Das hilft uns, in diese fremde Welt und diese unvertraute Zeit einzutauchen und die handelnden Figuren richtig kennenzulernen.
 
Aber David Granns Sachbuch, das die Vorlage zum Drehbuch lieferte, hat gerade mal 350 Seiten. Das war also kein besonders umfangreiches Buch. Wenn Scorsese irgendwann Victor Hugos „Die Elenden“ verfilmt, muss ich mir für die Pressevorführung Brote schmieren. Sollten er und Eric Roth jemals Musils „Mann ohne Eigenschaften“ in die Finger bekommen, nehme ich meinen Schlafsack mit.
 
 
Hier eine unvollständige Liste von Filmen, für die Eric Roth die Drehbücher auf der Grundlage bestehenden Ausgangsmaterials verfasst hat: „Postman“ (177 Minuten), „Der Pferdeflüsterer“ (170 Minuten), „München“ (157 Minuten), „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ (159 Minuten) und „Dune“ (155 Minuten).
 
Was haben all diese Filme gemeinsam? So unterschiedlich auch die Qualität dieser Filme ist, sie sind alle kein bisschen spannend. Und zwar auch, weil sie alle viel zu lang sind. „Postman“ ist die Einheit, in der man zu lange Filme misst. Niemand braucht zwei Stunden und fünfzig Minuten, um festzustellen, dass Robert Redford heißer ist als Sam Neill. Bei „München“ muss man sich fragen, wie lange der Film gedauert hätte, wenn er seine Geschichte nicht komplett einseitig erzählt hätte. Die Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald hat vielleicht 40 Seiten. Damit altert Benjamin Button im Film nicht nur rückwärts sondern auch deutlich langsamer als in der Vorlage. Und in den 155 Minuten von „Dune“, wird nur ungefähr knapp die Hälfte der Buchvorlage erzählt.
 
Die Geschichte der Osage-Morde ist nicht wirklich kompliziert. Scorsese und Roth mussten nicht die verwickelten Ränke eines genialen Meisterverbrechers vor uns entflechten. Die Morde konnten einfach deshalb jahrelang stattfinden, weil von offizieller Seite kein Interesse an diesen Verbrechen und ihrer Aufklärung bestand. Die Hauptfiguren machen keine besondere Entwicklung durch. Der Drahtzieher ist zu Beginn der Handlung selbstgefällig und gewissenlos und bleibt es bis zum Schluss. Die Hauptfigur ist von Anfang an egozentrisch und amoralisch und auch daran ändert sich nichts.
 
Martin Scorsese hat uns vor langer Zeit in bloß 124 Minuten Aufstieg und Fall eines Boxweltmeisters gezeigt. Er hat uns den Lebenslauf eines Gangsters in weniger als zweieineinhalb Stunden und den Erfolg und das spätere Scheitern der Mafia in Las Vegas in weniger als drei Stunden vermittelt. Er hat kaum mehr als zwei Stunden für die Jugend des Dalai Lama und weniger als drei Stunden für das Leben Jesus Christi gebraucht. Wenn man mich fragt, warum einer der besten Regisseure aller Zeiten nun fast dreieinhalb Stunden für diese recht überschaubare Geschichte braucht, lautet meine Antwort: weil er’s kann. Aber muss man alles machen, was man kann, nur weil man es kann?
 
Oder besser, muss man alles machen, was einem das Studio finanziert, nur weil es das Studio finanziert? „Killers of the Flower Moon“ läuft, nachdem alles gesagt und geklärt wurde, noch knapp eine Stunde weiter. Sehr spät im Film sehen wir eine Dialogszene zwischen Leonardo DiCaprio und Robert De Niro in einem Gefängnis, die sicher sehr gut gemacht ist. Aber diese Szene trägt rein gar nichts mehr zum Film bei. Wir wissen zu dem Zeitpunkt alles über diese beiden Figuren und ihre Handlungen. Diese und viele weitere Szenen des Films sind absolut redundant.
 
Irgendwann dauert „Killers of the Flower Moon“ so lange, dass man gar nicht anders kann, als Schwächen zu bemerken. Die falschen Archivbilder werten den Film nicht auf, sie wirken teilweise irritierend. Die Gerichtsverhandlung wäre auch vor hundert Jahren niemals so abgelaufen, wie im Film beschrieben. Und irgendwie schafft es der Film nie richtig, uns ein Gefühl für die während der Handlung verstrichene Zeit zu vermitteln. Plötzlich steht ein Schulkind neben einer der Hauptfiguren. Ist es das Kind dieser Figur? Wieso wirken diese und andere Figuren dann kein bisschen älter als in früheren Szenen? Und was soll diese alberne Einlage mit der Radio-Show?
 
I do love that money, sir
 
Scorsese ist mittlerweile einfach eine Legende. Er hat vor 10 Jahren drei Stunden gebraucht, um zu zeigen, wie leichtverdientes Geld korrumpiert und wie großartig diese junge, unbekannte Australierin ist. Vor wenigen Jahren hat er Netflix dann gute 150 Millionen Dollar zahlen lassen, damit seine ältesten Freunde wieder jung aussehen können ... oder so ähnlich. Das hat dann auch knapp dreieinhalb Stunden gedauert. Und nun haben Paramount und Apple zusammen knapp zweihundert Millionen Dollar locker gemacht, damit Scorsese mal wieder mit Leonardo DiCaprio und Robert De Niro zusammenarbeiten kann.
 
Und natürlich arbeiten diese Könner ganz hervorragend zusammen. DiCaprio ist großartig in der Rolle eines durch und durch egozentrischen, unreifen Mannes, der nicht annährend so schlau ist, wie er meint. Wie sein Ernest Burkhart immer wieder die eigene moralische Verkommenheit zu ignorieren versucht, ist fantastisch anzusehen.
 
Robert De Niro ist Robert De Niro ist Robert De Niro. Aber trotzdem kann man nicht ignorieren, dass er viel zu alt für diese Rolle ist, die für ihn auch keine echte Herausforderung dargestellt haben kann. Sein William „King“ Hale ist einfach ein selbstgerechter, rücksichtsloser Opportunist und bleibt das bis zum Schluss. De Niro hat in Filmen wie „Meine Braut, ihr Vater und ich“ oder „Dirty Grandpa“ differenziertere Entwicklungen dargestellt.
 
Sehenswert ist der Film vor allem wegen der Leistung der noch recht unbekannten Lily Gladstone als Mollie Burkhart. Wie sie DiCaprios Figur von Anfang an durchschaut und sich trotzdem in ihn verliebt, wie sie die Intelligenz und die Ängste ihrer Figur vermittelt, ist tief beeindruckend. Ihr Spiel ist zurückhaltend und doch ausdrucksstark. Ihre feinen Reaktionen sind es, die uns die „Weißen“ zunächst als „Fremde“ und dann als Bedrohung wahrnehmen lassen. Lily Gladstone bildet nicht nur deshalb das emotionale Zentrum des Films.
 
Tantoo Cardinal („Der mit dem Wolf tanzt“), Jesse Plemons („Antlers“, Jungle Cruise“), Brendan Fraser (“The Whale”) und John Lithgow (“Friedhof der Kuscheltiere”) sind nur einige der vielen hervorragenden Nebendarsteller*innen dieses Films.
 
 
Fazit
 
Natürlich ist Martin Scorseses neuer Film absolut sehenswert. Und noch mehr. Leider ist der Film zu lang geraten. Viel zu lang. Wenn die Studios Scorsese nicht mehr einschränken, täte er gut daran, das in Zukunft selbst zu übernehmen. Man muss nicht alles machen, was man kann, nur weil man es kann.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Martin Scorsese
  • Drehbuch: Eric Roth
  • Besetzung: Leonardo DiCaprio, Robert De Niro