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Minari: Wo wir Wurzeln schlagen - Kinostart: 15.07.2021

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Minari ist eine Art koreanische Petersilie. Der gleichnamige Film ...
 
... von Lee Isaac Chung ist eine ganz besondere Pflanze …
 
„Wir haben kein Wasser mehr“
 
Irgendwann in den 1980er-Jahren: Jacob und Monica sind beide in Korea geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Heirat sind sie in die USA gezogen. Mit ihren Kindern, der elfjährigen Anne und dem siebenjährigen David, ziehen sie von Kalifornien ins ländliche Arkansas. David will hier seinen Traum von einer eigenen Farm verwirklichen. Aber Monica sieht keine Farm, nur einen Wohnwagen fernab von allem in der tiefsten Provinz. Weil die Eltern tagsüber ihren schlechtbezahlten Jobs in einer Hühnerzucht nachgehen müssen, zieht Monicas Mutter Soon-Ya bei der Familie ein …
 
Wir sehen im Kino immer wieder Filme, die kein echtes Thema haben. Filme, in denen sich Superhelden oder haushohe Monster bekriegen, können unterhaltsam sein. Aber in diesen Filmen geht es tatsächlich um nichts. Doch selbst anspruchsvolle Dramen haben oft nur ein einziges Thema, mit dem sich der Film dann zwei Stunden beschäftigt. „Minari“ von Lee Isaac Chung ist diesbezüglich anders. Ebenso wie im Leben, geht es in diesem Film um eine Vielzahl von Themen. Manche Themen sind groß und alles bestimmend, während andere klein und nebensächlich erscheinen. Manche Themen sind offensichtlich, andere erschließen sich nur langsam. Und manche bleiben fast ganz unter der Oberfläche.
 
Wenn David mit seiner eigenen Farm Erfolg haben möchte, geht es um Stolz und Sehnsüchte. Es geht aber auch um Familie und um klassische Geschlechterrollen. Wenn der junge Mann aus Korea die Zigaretten aus der Hemdtasche seines karierten Hemdes holt und mit seiner roten (!) Baseballmütze wie eine Ikone des amerikanischen Farmers aussieht, geht es auch um Integration. Wenn er auf die Dienste eines Wünschelrutengängers verzichtet, geht es um das Misstrauen des Einwanderers.
 
Um Vertrauen geht es auch in der Beziehung zwischen David und seiner Frau. Aber auch um Verantwortung und wie man diese versteht und um noch viel mehr. Die Spannungen in dieser Ehe beschränken sich nicht bloß auf unterschiedliche Prioritäten. Wo David ein einfacher, leicht zugänglicher Charakter ist, zeigt die Figur der Monica viele verschiedene Facetten. Sie spricht weniger gut Englisch als ihr Mann, aber doch nicht so schlecht, um ihre Zurückhaltung gegenüber den Einheimischen vollständig zu erklären. Sie möchte in einer Stadt leben, nicht in der Provinz. Ihre Haltung wirkt immer würdevoll. Drehbuchautor Chung erläutert es nicht, lässt aber erahnen, dass Monica vielleicht einer anderen sozialen Schicht entstammt als ihr Mann.
 
Tornado-Beobachtung
 
Der Regisseur Chung kennt seine Vorbilder. Und die reichen von John Ford über Peter Weir zu Terrence Malick. Aber Chung weiß auch wo er seinen eigenen Weg zu gehen hat. Man muss den Film mehr als einmal gesehen haben, um zu erkennen, wie mutig er mit Film-Konventionen bricht. Das gesundheitliche Problem einer Figur nimmt nicht den für Filmdramen typischen Verlauf. Dafür muss eine andere Figur ohne Vorwarnung ins Krankenhaus, wie das im Leben auch manchmal passiert. Manche Handlungsfäden werden oft erst nach geraumer Zeit wieder aufgenommen, weil im Leben auch nicht immer alle Themen in den gleichen Intervallen wieder auftauchen. Und das Ende des Films fällt ebenso realistisch wie ausgewogen aus.
 
 
Dieser unaufdringliche Realismus lässt uns alles mühelos aus der Sicht der Protagonisten erfahren. Chung gelingt das Kunststück, uns die amerikanische Provinz der Reagan-Ära mit koreanischen Augen sehen zu lassen. Wir fühlen uns dem religiösen Fanatiker nicht überlegen, weil er als einziger bereit ist, uns zu helfen. Wir empören uns nicht über den ahnungslosen Rassismus von Kindern, weil sie gleichzeitig unsere Freunde sein wollen. Wir teilen die Sorgen der Großmutter, die Wrestler im Fernsehen könnten sich verletzten. Und eine koffeinhaltige Limo ist auch für uns „Wasser aus den Bergen“.
 
Diese für uns fremde Welt präsentiert uns Lee Isaac Chung in hervorragend komponierten Bildern. Manche sind wunderschön, wie die bereits erwähnte koreanische Petersilie. Manche sind furchtbar, wie der Schornstein in einer Hühnerzucht. Manche erfüllen uns mit Hoffnung, wie die Familie, die zusammen auf dem Boden schläft.
 
Und manche Bilder sind wirklich allerliebst, wie der kleine David in seinen Cowboystiefeln. Musikalisch untermalt werden diese Bilder von den wunderbaren Klängen eines Klaviers, das vielleicht mal gestimmt werden sollte, aber bitte nicht jetzt gleich.
 
„Du weinst schon wieder?“
 
Steven Yeun kennen wir aus „The Walking Dead“. Hier spielt er mit absoluter Glaubwürdigkeit einen Mann zwischen Träumen und Verantwortung.
 
Han Ye-ri hat bisher vor allem in südkoreanischen Filmen mitgewirkt. Andere, erfahrenere Schauspielerinnen wären wohl gescheitert, wenn sie versucht hätten, eine Frau sympathisch darzustellen, die sich für zu gut für die Pläne ihres Mannes hält. Die junge Koreanerin vermittelt uns die Angst und Unsicherheit, die hinter der ablehnenden Haltung ihrer Figur stecken.
 
Yoon Yeo-jeong ist in ihrer Heimat seit Jahrzehnten ein Star, außerhalb Südkoreas war sie bis vor kurzem kaum bekannt. So wie Ihre Figur der Großmutter das Leben der kleinen Familie verändert, so hebt diese Darstellung den ganzen Film auf eine höhere Stufe. Ihre Leistung wurde zu Recht mit einem Oscar ausgezeichnet.
 
Neben den großartigen Darstellungen der erwachsenen Darsteller sollte man die Leistung der jungen Noel Kate Cho nicht übersehen. Sie spielt die Tochter Ann mit einer stillen Ernsthaftigkeit als Kind zwischen zwei Welten.
 
Der kleine Alan S. Kim ist ein Naturtalent. Er vermittelt uns die Entschlossenheit eines Siebenjährigen, der seine beiden Eltern liebt, seiner Oma nicht traut und ein echter Amerikaner sein will.
 
Der großartige Charakterdarsteller Will Patton hat seit „Silkwood“ in über hundert Filmen mitgewirkt und war oft das Beste an Filmen wie „Armageddon“ oder „Nur noch 60 Sekunden“. Hier brilliert er in einer Rolle, die anderen Darstellern sicher lächerlich geraten wäre.
 
 
Fazit
 
Großartige Darsteller erzählen eine berührende Geschichte von Träumen und Verantwortung, Ängsten und Verzicht und noch vielem mehr. Dieser Film über eine koreanische Familie in den ländlichen USA der Achtziger Jahre behandelt so viele wichtige Themen, dass er uns alle anspricht.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Lee Isaac Chung
  • Drehbuch: Lee Isaac Chung
  • Besetzung: Steven Yeun, Han Ye-ri