Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke - Kinostart: 29.01.2026

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Im Film ebenso wie am Theater stellt sich nicht nur die Frage, welche Geschichte man erzählt, ...
 
... sondern auch aus welchem Blickwinkel und wie man diese Geschichte erzählt …
 
Tainted Love
 
Nach dem Unfalltod seines Bruders wird Joachim 1989 an der renommierten Otto Falckenberg Schauspielschule angenommen und zieht für die Dauer des Studiums zu seinen Großeltern. Anschließend braucht es anderthalb Stunden und sehr viel Geduld seitens des Publikums bis Joachim seine für ihn ach so schlimmen und tatsächlich recht banalen Probleme halbwegs auf die Reihe bekommt …
 
Ich habe Joachim Meyerhoffs Romanvorlage zum neuen Film von Simon Verhoeven nie gelesen. Und zwar nicht nur, weil ich autobiografische Bücher meide, die klassische Zitate im Titel tragen (Boris Beckers Autobiografie trägt den Titel „Augenblick verweile doch …“, damit ist alles gesagt). Nachdem der aktuelle Film auf der Grundlage des dritten Teils der Autobiografie Joachim Meyerhoffs dem Film „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ aus dem Jahr 2023 auf der Grundlage des zweiten Teils der Autobiografie Joachim Meyerhoffs teilweise widerspricht, darf man wenigstens einen Teil der Verantwortung für die im Film erzählte Geschichte wohl bei Drehbuchautor Simon Verhoeven suchen.
 
Denn die darin erzählte Geschichte stellt eines der Hauptprobleme dieses Films dar. Sie ist zum einen nicht besonders interessant, weil der Protagonist einfach nicht besonders interessant ist. Wir erfahren im Film nicht, wie alt Joachim sein soll. Aber Meyerhoff war 1989 22 Jahre alt und es gibt nun mal kaum etwas uninteressanteres als die Nabelschau junger Menschen. Denn wenn wir hier schon mit Zitaten großer Denker um uns werfen, muss man doch festhalten, „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut …“ aber nicht der Mensch im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, denn der ist egozentrisch, ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und doof. Und auch was Descartes über den Menschen meinte, „Er kann denken. Er hat Bewusstsein seiner selbst.“ muss im Lebensjahrzehnt nach Einsetzen der Pubertät leicht variiert werden: „Er kann an nichts außer sich selbst denken. Er hat kein Bewusstsein für irgendetwas außerhalb seiner selbst.“
 
Was hat einen intelligenten, begabten Filmemacher wie Simon Verhoeven also bewogen, uns „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“ nur und ausschließlich aus der Sicht eben dieses jungen Mannes zu zeigen? Dieser Joachim ist ein doofer, kleiner Egozentriker. Das sehen wir bereits früh im Film, wenn er im Anschluss an die Beerdigung des Bruders ausrastet und sich dann selbstmitleidig im Bett verkriecht. Natürlich erwartet man von einem jungen Menschen Anfang Zwanzig nichts anderes. Aber von einem Filmemacher in den Fünfzigern könnte man doch erwarten, dass er sich daran erinnert, dass hier auch ein weiterer Bruder seinen Bruder und eine Mutter und ein Vater ihr Kind verloren haben. Doch Verhoeven erzählt mehr als zwei Stunden konsequent und ohne jede Differenzierung die Geschichte eines unreifen Egoisten ausschließlich aus dem Blickwinkel eben dieses unreifen Egoisten. Dieser Joachim schafft es nicht einmal, in Verlauf der Geschichte etwas zu lernen. Veränderung und Besserung seiner Situation entstehen nicht durch Einsicht, sondern nur wenn die verständnislose Umwelt sich endlich auf die Sensibilität des armen unverstandenen Jünglings einstellt.
 
Dabei kann es uns gleichgültig sein, dass das ja alles den Erinnerungen von Joachim Meyerhoff entspringt. Schlimmer als Filme „based on a true story“ (wie z.B. „Blind Side”) sind nur Filme “based on a true story” nach literarischer Vorlage verfasst vom Protagonisten selbst (z.B. „Der Salzpad“), weil dann noch die alte russische Redewendung, „Er lügt wie ein Augenzeuge“ zum Tragen kommt. Wenn weder der Autor der Vorlage noch der des Drehbuchs Distanz zu dieser spätpubertären Nabelschau zeigen wollen oder können, erinnert das an ganz andere Filme.
 
Auch wenn der Habitus des Protagonisten natürlich (vor allem in seiner eigenen Wahrnehmung) ein anderer ist und auch das Setting mit Münchner Villa und Schauspielschule ein ganz anderes ist, so kann der aufmerksame Betrachter durchaus Parallelen zwischen „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ und manchen frühen und teilweise gar nicht so frühen Werken Adam Sandlers erkennen. So wie „Happy Gilmore“ seine mangelnde Frustrationstoleranz nie in den Griff bekommt, sondern nach Erreichung all seiner Ziele und Wünsche einfach nur keinen Anlass mehr zur Frustration hat, so muss sich auch Joachim nie zusammenreißen weil die Lehrer irgendwann akzeptieren, dass er die Schauspielschule als Therapiestätte missbraucht.
 
Was uns Adam Sandler bisher zum Glück erspart hat, sind elendslange egozentrische Betrachtungen des Helden aus dem „off“ gesprochen. „Voice over“ mag in alten Krimis der schwarzen Serie funktioniert haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte waren minutenlange aus dem „off““ vor sich hin erzählte Betrachtungen der Figuren meistens Anzeichen für Hilflosigkeit und Überforderung seitens der Filmemacher (oder findet irgendjemand die Ur-Version von „Blade Runner“ sei späteren Fassungen überlegen?).
 
Lange Zeit hielt ich „Intrigo: Tod eines Autors“ für den schlimmsten Fall von „Voice Over“ in der Geschichte des Films. Aber dann kam 2022 „Amsterdam“ in die Kinos, in dem gleich mehrere Figuren kommentieren durften, was auf der Leinwand zu sehen war. In letzter Zeit hat sich „Mickey 17“ eine lobende Erwähnung verdient. Aber so wie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ hat schon lange kein Film mehr unsere Nerven mit einem Übermaß an überflüssigem „off“-Kommentar belastet.
 
Froh zu sein, bedarf es wenig …
 
Was also kann Simon Verhoeven bewogen haben, uns ausgerechnet diese recht banale und oft klischeehafte Geschichte in Form einer spätpubertierenden Nabenschau zu erzählen? Warum konnte er sich nicht wenigstens zeitweise den anderen, sehr viel interessanteren Figuren des Films zuwenden? Warum konnte er nicht ein bisschen mehr Vertrauen in seine Besetzung zeigen? Diese Fragen wiegen doppelt schwer, weil eben diese Besetzung wirklich sehr gut arbeitet. Und weil sich darunter nicht nur eine der bekanntesten und interessantesten Darstellerinnen des deutschen Sprachraums befindet, die ganz nebenbei bemerkt auch noch Verhoevens Mutter ist.
 
Senta Berger hat bereit in einem ihrer ersten Filme neben dem unsterblichen Hans Moser gespielt. Sie hat mit Christopher Lee gespielt und mit O.W. Fischer, mit Sir Alec Guiness und Curd Jürgens, mit Charlton Heston, Max von Sydow, John Wayne und Dean Martin. Sie hat mit so unterschiedlichen Regisseur*innen wie Willi Forst, Sam Peckinpagh und Doris Dörrie gearbeitet. Diese Frau ist eine lebende Legende, sie ist ein Stück Kinogeschichte. Und sie spielt auch mit mittlerweile deutlich über … ähm, … naja, bei einer Dame spricht man nicht übers Alter, aber Frau Berger spielt immer noch jeden und jede Kolleg*in spielend an die Wand.
 
Aber auch wenn man bei Damen nicht übers Alter spricht, kann man doch vorsichtig andeuten, dass Senta Berger wohl mehr interessante Filmprojekte hinter sich als vor sich hat. Und so ist es ein doppeltes Versäumnis, wenn ihr eigener Sohn, der überaus interessanten Figur der Großmutter und ihrer noch viel interessanteren Darstellerin nicht die eine oder andere Szene gönnen konnte, in der sie mehr zu tun bekommt, als der Figur des Enkelsohns die Handlung zu erklären. Überflüssig zu erwähnen, dass Senta Berger trotzdem brilliert, etwa wenn sie die Wahl ihres Sitzplatzes erläutert, und den Film alleine wegen ihrer Leistung sehenswert macht.
 
Ähnliches gilt für Bergers Co-Star Michael Wittenborn, wenngleich nicht im gleichen Maße. Der verdiente Bühnenschauspieler konnte auch in so unterschiedlichen Filmen wie „Toni Erdmann“ oder „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ überzeugen. Sowohl seine Figur als auch seine Leistung sind zu wertvoll, um hier als Stichwortgeber verschwendet zu werden.
 
Auch Bruno Alexander zeigt in seiner ersten Hauptrolle in einem Kinofilm viel zu viel Talent, als dass man ihn seine Darstellung ständig aus dem „off“ erklären lassen müsste. Wie konnte Simon Verhoeven nicht erkennen, dass sein dauernder „Voice over“ Alexanders Leistung schmälert und in ihrer Wirkung beschneidet? Warum konnte er diesen begabten Darsteller seine Figur und das was sie erlebt nicht einfach „darstellen“ lassen?
 
 
Fazit
 
Simon Verhoeven erzählt eine etwas banale Geschichte aus einem uninteressanten Blickwinkel und erzählt sie dann noch auf uninspirierte Art und Weise. Gerettet wird dieser Film von einer hervorragenden Besetzung, leider nicht angeführt aber doch dominiert von der großartigen Senta Berger.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Simon Verhoeven
  • Drehbuch: Simon Verhoeven
  • Besetzung: Bruno Alexander, Senta Berger