Noch ein Action-Thriller mit Liam Neeson? Und der tausendzwölfundsiebzigste Film ...
... über eine Infektion, die Menschen in Zombies verwandelt? Ernsthaft …?
You want my part of the job or yours?
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Für Teacake (Joe Keery) und Naomi (Georgina Campbell) beginnt die wildeste Nachtschicht ihres Lebens, als in dem Self-Storage-Laden, in dem sie arbeiten, ein mysteriöser Pilz-Parasit ausbricht (…) – ein Relikt geheimer US-Experimente, das jahrzehntelang unter Verschluss war. Doch jetzt breitet es sich rasend schnell aus und verwandelt Menschen wie Tiere in Zombie-ähnliche Kreaturen. Die Zeit läuft ab – und es liegt nun an Teacake und Naomi mit Hilfe eines in die Jahre gekommenen Anti-Bioterror-Agenten (Liam Neeson), die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren.“
In der Einladung zu „Cold Storage“ wird der Film als „Action-Thriller“ bezeichnet. Und ehrlich gesagt, war ich „less than thrilled“ wieder mal einen „Action-Thriller“ mit Liam Neeson sehen und rezensieren zu müssen. Und Regisseur Jonny Campbell hat im Laufe seiner mehr als fünfundzwanzigjährigen Karriere bisher fast ausnahmslos fürs Fernsehen gearbeitet. Doch seinen einzigen Spielfilm, „Alien Autopsy“, einen feinen, kleinen, praktisch vergessenen Film von 2006 habe ich in bester Erinnerung (Nur zur Erinnerung: wenn Filmkritiker „feine, kleine, praktisch vergessene Filme“ erwähnen, wünschen sie sich heimlich, dass sich möglichst viele Leser*innen diese Filme anschließend ansehen).
Drehbuchautor David Koepp, der mit „Cold Storage“ seinen eigenen Roman adaptiert hat, hat im Laufe einer noch längeren Karriere, die Drehbücher zu feinen, kleinen, praktisch vergessenen Filmen wie „Dark Angel“ (Dolph Lundgrens bester Film nach „Rocky IV“), „Death Becomes Her“ (nie war Bruce Willis witziger), „Carlito’s Way“ (einer der 4 besten Filme mit Al Pacino als Gangster), „Snake Eyes“ (Nicolas Cage, als sein „overacting“ noch zu den Rollen passte), „Premium Rush“ (ein knallharter Thriller über Fahrradboten) verfasst, aber auch zu Blockbustern wie „Indiana Jones, der Kühlschrank und die Aliens“ (jeder kann mal daneben liegen), „The Mummy“ (Aber der mit Tom Cruise, nicht mit Brendan Fraser), „Indiana Jones und die saublöde Zeitreise“ (okay, jetzt wird’s unangenehm) und erst letztes Jahr „Jurassic World: Die Nachgeburt“ (Ach Du Sch..e!). Ich war also gespannt, was „Cold Storage“ zu bieten haben würde.
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Um die Spannung rauszunehmen: „Cold Storage“ ist cool, witzig, spannend und anderthalb Stunden pure Unterhaltung. Der Film erinnert angenehm an die originale „Evil Dead“-Serie oder an „A Nightmare on Elm Street“ oder ähnliche Filme von vor gut vierzig Jahren, als Filmemacher wie Sam Raimi oder Wes Craven mit neuen kreativen Ideen das Horrorgenre mit dringend benötigtem Humor revitalisierten.
Wie auch die genannten Beispiele der Vergangenheit, ist „Cold Storage“ ein viel intelligenterer Film als man zunächst meinen möchte. Die Erklärungen, wie der „mysteriöse Pilz-Parasit“ auf die Erde gelangt ist und was er alles anstellt und wie er das Verhalten seiner Wirte beeinflusst, um schnelle Verbreitung zu erfahren, ergibt ebenso Sinn, wie das Verhalten jeder einzelnen Figur im Film. Die junge Heldin hat ganz andere Gründe, einer Spur nachzugehen als der junge Held und gerade deshalb wirkt es stimmig, wenn beide immer weiter in den Keller der ehemaligen Militärbasis hinabsteigen, sie begeistert, er zögerlich. Auch das alte Klischee vom Haudegen im Ruhestand, der noch einmal in die Schlacht zieht, wird hier ebenso erfrischend logisch wie unterhaltsam variiert.
You are very chatty
Die Dialoge alleine sind den Preis einer Kinokarte wert. Hier erklären einander nicht Schauspieler*innen gegenseitig die Handlung. Hier sprechen echte Menschen so miteinander, wie echte Menschen eben miteinander sprechen. Und das klingt hier wirklich witzig, obwohl keine der Figuren ständig coole one-liner und geschliffene Bonmots abliefert wie ein Hippster-Oscar Wilde auf Speed (und ja, ich spreche auch von Filmen mit Ryan Reynolds).
Auch der Gore-Faktor des Films bewegt sich im grünen Bereich. Grün wie der Pilz, der sich in der Blutbahn und im Gehirn seiner Wirte breitmacht. Grün wie das viele Erbrochene mit dem der Wirt Verbreitung sucht. Und teilweise bewegt sich die Nadel auch in den roten Bereich. Rot wie sehr, sehr viel Blut, das vergossen wird. Rot wie das Feuer, das es braucht, um Infizierte zu verbrennen. Rot wie die Leuchtziffern auf dem Timer einer Atombombe. Gerade an diesem Timer wird deutlich, welchen Spaß Regie und Drehbuch am Spiel mit alten Filmklischees haben. Und dieser Spaß überträgt sich ganz wunderbar auf das Publikum.
Dafür sorgt auch die erstklassige Besetzung. Liam Neeson ist eigentlich ein großartiger Charakterdarsteller mit einem feinen Gespür für Comedy. In den letzten zwanzig Jahren seiner Karriere hat er das aber nur selten gezeigt („Silence“, „Ted 2“), weil er gemerkt hat, wie viel Geld er damit machen kann, möglichst vielen Leuten mit Akzent in den Kopf zu schießen. Hier lässt man ihn herrlich unterhaltsam mit eben diesem Image spielen, das er sich im Lauf der letzten Zeit aufgebaut hat. Neeson sollte den Machern des Films dafür mindestens so dankbar sein wie das Publikum.
Neben Neeson brilliert die erfahrene britische Bühnen- und Filmdarstellerin Lesley Manville (Oscarnominierung für „Der Seidene Faden“) in einer Rolle, die geringere Filmemacher an irgendeine beliebige Chargendarstellerin vergeben hätten. Und es gibt ein Wiedersehen mit Leinwandlegende Vanesse Redgrave in zwei kleinen Szenen, von denen eine unser Herz berührt und die andere unser Zwerchfell erschüttert. Vielleicht braucht es nicht wirklich siebzig Jahre Bühnenerfahrung, um einen einzelnen Satz so pointiert zu bringen, wie Lady Vanessa in diesem Film. Aber ist es nicht großartig, wie die Macher dieses Films mit den Pointen kein Risiko eingehen?
Die junge Georgina Campbell („They See You”) vermittelt genau die richtige Mischung aus „street smart“ und tatsächlich smart, aus Neugier und Erfahrung, aus Herz und Hirn. Dass sie dabei bezaubernd aussieht und einen feinen Sinn für Comedy-Timing erkennen lässt, gibt Anlass zur Hoffnung, Frau Campbell noch in vielen weiteren Rollen zu sehen.
Ich gebe zu, ich habe „Stranger Things“ nie gesehen. Daher kenne ich Joe Keery nur aus Nebenrollen in Filmen wie „Free Guy“, in denen er ebenso kompetent wie sympathisch wirkte. In „Cold Storage“ empfiehlt auch er sich, mit seinem natürlichen Charme und seiner mühelos und stets nachvollziehbar wirkenden Art zu spielen, für weitere Hauptrollen.
Fazit
Nicht einfach noch ein Film wie so viele andere. Die Macher von „Cold Storage“ wissen genau was sie tun. Sie spielen mit den Klischees des Genres, mit dem Image ihres Stars und haben dabei jede Menge Spaß, der sich herrlich auf das Publikum überträgt.
Warnung: Nichts für empfindliche Gemüter! Wer über den grausamen Selbstmord einer Zombiekatze, brillant getimte Kopfschüsse oder Dialogzeilen wie „I want to throw up in your mouth“ nicht lachen kann, kauft sich lieber eine Karte für „Wuthering Heights“.
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