Wer NOMADLAND von Chloe Zhao gesehen hat, wird schnell eine Vorstellung...
... davon entwickeln können, wie HAMNET wirkt. Inhaltlich könnten die beiden Filme kaum weiter auseinanderliegen, doch ihr Zugang ist verwandt. Beide erzählen leise, beobachtend und mit einem ausgeprägten Sinn für Atmosphäre. Der naturalistische Stil, die Nähe zur Natur und zu den Gesichtern der Figuren sowie die allgegenwärtige Melancholie verbinden die Werke.
Zugleich erinnert Zhaos Inszenierung an das Kino von Terrence Malick – allerdings weniger fragmentarisch, erzählerisch stringenter und in der zweiten Hälfte deutlich emotionaler, wenn die unvermeidlichen Traumata des Lebens in den Vordergrund treten.
Das harte Leben
Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert. Agnes, eine unabhängige, eigensinnige Frau mit feinem Gespür für Natur und Menschen, heiratet den Lateinlehrer Will. Die Ehe beginnt innig, fast idyllisch, doch schon bald fühlt sich Will von der Enge des kleinen Ortes erdrückt. Die Provinz erscheint ihm wie ein Käfig, der seinen Ambitionen und seiner Neugier im Weg steht. Agnes erkennt diese Unruhe und bestärkt ihn darin, nach London zu gehen, wo er Arbeit, Anerkennung und eine Zukunft finden soll. Er verspricht, sie und die gemeinsamen Kinder bald nachzuholen – ein Versprechen, das sich immer weiter in die Ferne verschiebt.
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Will kehrt zwar regelmäßig zurück, doch jeder Abschied vertieft die Distanz zwischen ihm und seiner Familie. Während er sich zunehmend in der Metropole etabliert, bleibt Agnes zurück, verwurzelt in der ländlichen Gemeinschaft, umgeben von Misstrauen, Aberglauben und harter Arbeit. Als die Beulenpest das Land heimsucht und einen hohen Tribut fordert, wird die fragile Ordnung endgültig zerstört. Ein Verlust trifft Agnes mit voller Wucht und verändert ihr Leben unwiderruflich.
Eine Studie über Trauer
Von diesem Punkt an ist der Film weniger historische Erzählung als Studie über Trauer. Agnes muss nicht nur den Tod verarbeiten, sondern auch die Einsamkeit, die Leere und das Gefühl, von der Welt – und von ihrem Mann – zurückgelassen worden zu sein. Die Zeit heilt hier keine Wunden, sie legt sie vielmehr immer wieder neu offen.
Die literarische Vorlage stammt von Maggie O’Farrell, die gemeinsam mit Chloe Zhao auch das Drehbuch verfasst hat. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger an Handlung interessiert ist als an Stimmungen, Empfindungen und inneren Zuständen. HAMNET zeichnet ein eindringliches Bild vom Elend jener Epoche, von einer Zeit, in der Krankheit, Tod und Verlust allgegenwärtig waren und das Leben ungleich zerbrechlicher erschien als heute.
Im Zentrum steht dabei Agnes. Während Paul Mescal als Will – dem späteren Shakespeare – blass bleibt und kaum Gelegenheit erhält, eine eigene Kontur zu entwickeln, dominiert Jessie Buckley den Film vollständig. Ihre Darstellung ist außergewöhnlich: feinfühlig, zurückgenommen und zugleich von enormer emotionaler Kraft. Buckley gelingt es, Trauer nicht nur zu spielen, sondern spürbar zu machen – in Blicken, Gesten und Momenten der Stille. Sie beweist einmal mehr, dass sie zu den eindrucksvollsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Eine Leistung, die durchaus preiswürdig erscheint, so wie auch der Film insgesamt den Anspruch erhebt, großes, ernsthaftes Kino zu sein.
Das Problem: die elegische Erzählweise
Doch genau hier liegt auch das Problem. Wie schon bei NOMADLAND erzählt Zhao sehr elegisch, sehr bedacht und mit einem gleichmäßigen Rhythmus, der kaum Ausschläge kennt. Das ist konsequent und künstlerisch stimmig, wird aber auf Dauer zur Geduldsprobe. Man kann die Bilder bewundern, die Atmosphäre aufsaugen und die schauspielerische Leistung anerkennen – und sich dennoch dabei ertappen, dass Langeweile aufkommt.
Zhao ist keine Regisseurin, die ihr Publikum emotional an die Hand nimmt. Man bleibt stets Beobachter, steht außerhalb des Geschehens, schaut auf Leid und Schmerz, ohne wirklich hineingezogen zu werden. Das Gefühl von Unterhaltung, das selbst ein anspruchsvoller Film braucht, stellt sich kaum ein. Stattdessen entsteht der Eindruck einer Pflichtübung: eines Films, den man bewundern soll, vielleicht sogar muss, ohne ihn wirklich lieben zu können.
Fazit
HAMNET ist ein Film, der objektiv vieles richtig macht und dennoch seltsam unberührt lässt. Er erfüllt die gängigen Kriterien für bedeutungsvolles Kino, erzählt aber mit einer Distanz, die emotional trennt. Zwar trägt er den Anspruch in sich, die Entstehungsgeschichte von Shakespeares „Hamlet“ zu beleuchten, doch letztlich ist er vor allem das Porträt einer Frau, die immer aneckte, die geliebt wurde, wie sie war, und schließlich erleben musste, wie ihr dieses Leben – und dieser Mann – entglitten.
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