Die Ältern - Kinostart: 12.02.2026

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Das Ergebnis sollte immer in einem gesunden Verhältnis zum Aufwand stehen. Das gilt für alle ...
 
... Lebensbereiche, also auch für die Kunst des Filmemachens …
 
Du riechst wie ein Vater
 
Hannes ist Anfang 50 und steckt in der Krise. Die eigene Frau und die eigenen Kinder, aber auch sein Agent, die Direktorin der Schule seines Sohnes, die neue Bekanntschaft, das Leben, das Universum und der ganze Rest wollen ihn einfach nicht verstehen. Das beruht auf völliger Gegenseitigkeit. Aber weil Hannes sonst keinerlei echte Sorgen hat, findet 104 elendslange Minuten später alles ein gutes Ende und Sönke Wortmann hat wieder einen typischen Sönke Wortmann-Film gedreht.
 
Eigentlich sollte ich mich von Sönke Wortmanns neuem Film angesprochen fühlen. Wie der Held des Films bin ich Anfang 50 und habe zwei fast erwachsene Kinder. Wie Hannes schreibe ich und lebe nicht in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin (was man bei mir wie bei Hannes auch hört). Wie Hannes verstehe ich vieles nicht. Aber im Gegensatz zu Hannes ist mir klar, dass das an mir liegt, nicht an allen anderen und auch nicht am Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.
 
In der Hinsicht geht es mir besser als Hannes, der an allem verzweifelt, weil er weder seine Kinder, seine Frau noch sonst jemanden in seiner Umwelt versteht. Ich muss nicht verzweifeln, sondern kann nüchtern feststellen, was ich nicht verstehe. Zum Beispiel, dass Leute einen VW Golf kaufen, auf Kreuzfahrten gehen, in Reihenmittelhäusern wohnen oder Filme von Sönke Wortmann-Filme sehen. An einem VW Golf ist nichts verkehrt, an dem Auto ist aber auch nichts wirklich gut genug, das den Preis rechtfertigen würde. Auf Kreuzfahrten betreibt man enormen ökonomischen und vor allem ökologischen Aufwand, um wenige interessante Orte jeweils für wenige Stunden zu sehen. In einem Reihenmittelhaus wohnt man in einer teuren, aber schmalen Wohnung, die über drei Etagen geht.
 
Vielleicht ist das Verbindende zwischen diesen drei Phänomenen und einem Film von Sönke Wortmann der beträchtliche Aufwand mit dem man Mittelmäßiges schafft. Man könnte statt eines VW Golf ein Auto kaufen, das bei vergleichbarer Ausstattung sehr viel günstiger ist, oder ein gleich teures Auto, das dann wenigstens cool ist. Man könnte selbstständig an die Stationen einer Kreuzfahrt reisen und tatsächlich ein Gefühl für Land und Leute entwickeln, statt den größten Teil seines Urlaubs in einer Art Einkaufszentrum auf dem Wasser zu verbringen. Und man könnte für den Preis eines Reihenmittelhauses eine gemütliche Wohnung in einer interessanten Gegend kaufen und hätte statt des handtuchgroßen Gartens hinterm Haus vielleicht einen wunderschönen Park oder einen Biergarten in der Nähe, in dem man viel gemütlicher mit anderen zusammensitzen kann.
 
Auch bei Filmen von Sönke Wortmann bekommt man seit vielen Jahren für den Preis einer Kinokarte und jeder Menge Filmförderung nicht viel mehr, als einem jede x-beliebige Sitcom bietet. Ja, vor mehr als dreißig Jahren hat Wortmann uns „Der bewegte Mann“ beschert (und dafür gesorgt, dass seither 90% aller deutschen Filmkomödien dem gleichen Muster folgen), und vor mehr als zwanzig Jahren „Das Wunder von Bern“. Aber seither liefert er verlässlich aufwendige, gefällige Mittelmäßigkeit nach bereits bewährten Vorlagen, wie etwa „Die Päpstin“, „Schoßgebete“ oder „Der Vorname“ mit all seinen cameronesk-überflüssigen Fortsetzungen, wie „Der Nachname“, „Der Spitzname“, „Der zweite Vorname“ und „Der Doppelname“ (Untertitel: „Mit oder ohne Bindestrich?“).
 
Du wiederholst Dich nur noch
 
Und auch „Die Ältern” erfüllt das bewährte Muster: nach einem Beststeller von Jan Weiler wird hier mit nicht unerheblichem Aufwand das Weltbild und der Unterhaltungswert einer beliebigen alten Sitcom geboten. Kinder, Ehefrau und tatsächlich auch jede andere Figur im Film begegnen dem Helden sowohl verständnis- als auch respektlos. Sogar die neue Schuldirektorin kommt dem armen Hannes gleich mal quer. Und genauso nimmt doch jeder mittelalte, weiße Mann in der Krise die Welt war: niemand versteht ihn, niemand respektiert ihn. Es ist zum Verzweifeln.
 
Aufgelockert wird diese Geschichte, die sich – weil Verlässlichkeit doch einen wichtigen Wert darstellt – natürlich am Ende zum Guten wendet, mit lauen Scherzchen, die ebenso zur Verlässlichkeit wie zur Mittelmäßigkeit beitragen. Kostprobe gefällig? „Du wolltest doch immer einen Mann, der Dich zum Lachen bringt.“ „Ja, aber nicht unfreiwillig.“ Ein Brüller! Noch ein Beispiel? Gern! Nachdem der Held von einer Polizistin erfährt, dass die Jugend „Pott“, also Gras, mittlerweile als „Ott“ bezeichnet, fragt er die Beamtin, ob die jungen Leute auch „Olizei“ sagen. Auf diesen Kracher war man beim Verleih so stolz, dass man ihn in voller Länge im Trailer zum Film darbietet. Verständlich, so haben wir seit der siebenundzwanzigsten Wiederholung von „Eine schrecklich nette Familie“ nicht mehr gelacht.
 
Nach diesen beiden Paradebeispielen deutschen Humors will ich fairerweise den einzigen wirklich witzigen Gag des Films nicht für mich behalten. Ich gebe zu, es hat mich amüsiert, dass der Sohn des Helden sein Abi am Uwe-Seeler-Gymnasium macht (obwohl man in Hamburg natürlich gar nicht sicher sein kann, ob der Name der Schule tatsächlich witzig gemeint ist). Davon abgesehen, bietet der Film kaum Witziges oder Interessantes. Leider wird das bisschen Handlung nicht nur im Dialog immer und immer wieder erklärt, sondern auch noch vom Helden aus dem „off“ kommentiert. Redundanter „Voice Over“ ist nicht erst seit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ der Fluch uninspirierter Literaturverfilmungen.
 
Damit das Publikum zusätzlich zu den lauen Scherzchen und einem absolut nicht funktionierenden pseudo-romantischen Handlungsstrang auch was zu sehen bekommt, hat man den Film verlässlich mittelmäßig produziert. Die Familie wohnt in einer dieser Villen in Hamburg, die sich kein normaler Mensch leisten kann. Und natürlich fährt man über die Köhlbrandbrücke nach Hamburg hinein, obwohl man im normalen Leben den Elbtunnel nehmen würde. Im Laufe der zum verlässlich versöhnlichen Ende dahinplätschernden Handlung sehen wir immer wieder gefällige Bilder der Hansestadt. So bekommen die Ticketkäufer etwas für ihr Geld und Hamburg etwas für seine Fördermittel.
 
Weiteren Aufwand zur verlässlichen Mittelmäßigkeit betreibt die Besetzung, allen voran Sebastian Bezzel, den das Publikum aus „Laugenbrezn-Walzer“, „Obazda-Hiphop“, „Radi-Rock’n’Roll“ oder ähnlichen Beiträgen zu einer viel zu langen Serien von Regionalkrimi-Verfilmungen kennt. Bezzel wirkt als Erfolgsschriftsteller leider komplett fehlbesetzt, aber nicht so sehr wie als fürsorglicher Vater und Ehemann. Dafür sorgt er mit seinem trägen Timing und seinem apathischen Spiel für das Scheitern jedes einzelnen Gags. So richtig Wirkung erzeugt Bezzel nur als selbstmitleidiger, sich unverstanden fühlender Mann in mittleren Jahren.
 
Gleichermaßen wenig sympathisch wirken in diesem Film Anna Schudt („Das Boot“) als verständnislose Ehefrau, Nilam Farooq („Freibad“) als zickige Direktorin und Thomas Loibl („Konklave“) als Agent. All diese Darsteller*innen konnten in vielen anderen Produktionen durchaus andere Wirkung zeigen. Die begabte Theaterschauspielerin Judith Bohle wirkt in diesem Film allerdings nicht unsympathisch. Sie wirkt einfach gar nicht. Sowohl die Rolle als auch Bohles Darstellung tragen noch nicht einmal zur allgemeinen Mittelmäßigkeit des Films bei. Sie tragen einfach gar nichts bei.
 
 
Fazit
 
Mit beträchtlichem Aufwand erreicht Sönke Wortmann wieder verlässlich die beliebige Mittelmäßigkeit eines Volkswagen Golfs, einer Kreuzfahrt oder eines Reihenmittelhauses. Den finanziellen Aufwand einer Kinokarte ist das alles nicht wert.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Sönke Wortmann
  • Drehbuch: Robert Gold
  • Besetzung: Sebastian Bezzel, Anna Schudt