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La Gomera - Kinostart: 13.02.2020

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Worum geht es in Iggy Pops „The Passenger“ eigentlich? Und besteht ...
 
... nicht die Hälfte des Textes aus „la la la la“? Ist das nicht ein bisschen wenig? Und worum geht es in Corneliu Porumboius‘ neuem Film? Und warum wird darin so viel gepfiffen?
 
I am the passenger …
 
Cristi ist ein korrupter Polizist. Daheim in Bukarest ermitteln seine Kollegen gegen ihn. Auf La Gomera soll er die Sprache „El Silbo“ erlernen, die nicht gesprochen sondern gepfiffen wird. Damit soll er im Auftrag eines Gangsters dessen Geldwäscher zur Flucht verhelfen. Nur der weiß nämlich, wo 30 Millionen Euro Drogengeld versteckt sind. Also muss Cristi schnell richtig pfeifen lernen. Unterstützt wird er bei seinen Studien von der undurchsichtigen Schönheit Gilda, in die er sich bereits in Bukarest verliebt hat. Aber die Femme fatale hat eigene Pläne …
 
Bereits die erste Szene vermittelt einen Ausblick auf das, was dieser Film zu bieten hat. Wir sehen Cristi, wie er mit der Fähre in La Gomera ankommt. Die Küstenlinie dieser Insel ist nicht nur wunderschön. Sie bildet auch eine Kulisse, wie wir sie nicht bereits in Hunderten anderer Filme gesehen haben. Regisseur Corneliu Porumboius („Police, Adjective“) zeigt uns aber auch geschmacklose Neubauten, die Fremdkörper in dieser wunderschönen Landschaft darstellen. Um der Schönheit Willen muss man auch brutale Hässlichkeit in Kauf nehmen.
 
Aber der gute Eindruck dieser ersten Szene wird durch die Musikauswahl getrübt. Zu „The Passenger“ habe ich bereits Pogo getanzt als der Präsident von Rumänien noch Ceausescu hieß. Die Ankunft eines Passagiers einer Fähre mit diesem Lied zu untermalen, ist ungefähr so originell wie jemanden zu zeigen, der zu den Klängen von „I feel good“ gut drauf ist. Wichtiger Tipp an alle Filmemacher: wenn ein Lied bereits in mehreren Spielfilmen und auch noch Werbekampagnen zu hören war, ist es ein für alle Mal durch. „The Passenger“ ist cool, gar keine Frage. Aber es gehört zur langen Liste von Liedern, die bereits zu oft in Filmen zu hören waren, wie z.B. „I feel good“, „Spirit in the Sky“, „Voodoo Chile“, „Wild One“, „Bad to the bone“ und so weiter und so fort.
 
And I ride and I ride …
 
Und wie diese erste Szene funktioniert der ganze Film. Regisseur und Drehbuchautor Porumboius lässt immer wieder nette, kleine Einfälle erkennen. Aber er lässt auch erkennen, dass er zwar eine Vorstellung hat, wo er hinmöchte, aber nicht genau weiß wie er dort hinkommen soll. So ist sein Film nicht witzig genug für eine Komödie. Und nicht spannend genug für einen Krimi. Und für ein Drama fehlt der Handlung ein echter Konflikt.
 
Und so originell die Idee mit der (übrigens tatsächlich existierenden) nur aus Pfiffen bestehenden Sprache auch ist, so lächerlich ist die Vorstellung, ein Gangsterboss würde sich die Mühe machen, einen korrupten Polizisten nach La Gomera bringen und dort wochenlang in dieser Sprache unterrichten zu lassen während sein Geldwäscher in der Haft vielleicht längst alles Mögliche ausplaudert. Und wozu der ganze Aufwand? Nur damit Cristi später im Film eine Information weitergeben kann, die er auch mit jedem Prepaid-Handy simsen könnte.
 
 
And everything looks good tonight …
 
Porumboius kennt seine Vorbilder. Das zeigt er uns, wenn er ein Treffen zwischen zwei Verschwörern in einem Kino stattfinden lässt in dem John Fords „The Searchers“ gezeigt wird. Aber wozu findet das Gespräch dort statt? Und wieso sehen wir später minutenlang einen alten rumänischen Krimi im Fernsehen? Und warum treibt Porumboius so einen Aufwand mit dem Soundtrack? In dem anderthalb Stunden langen Film sind sicher ein Dutzend verschiedene Musikstücke zu hören. Und wieso zeigt er in diesem kurzen Film so viele verschiedene schräge Figuren wie den Rezeptionisten, den Filmemacher, die Mutter und den Priester? Kennen wir vielleicht einen international erfolgreichen Filmemacher, in dessen Werk immer wieder Popkultur und schräge Figuren vorkommen?
 
Dürfte ich ein Interview mit Corneliu Porumboius führen, wäre meine erste Frage, welche Filme von Quentin Tarantino er wie oft gesehen hat. Aber seine Vorbilder zu kennen, ist eine Sache. Ihnen nahe zu kommen eine ganz andere. Tarantinos Filme sind voller Witz und interessanter Figuren. Beides fehlt „La Gomera“ fast völlig.
 
Wie der Held dieses Films, agiert auch der Filmemacher ein bisschen zu stoisch, zu vorhersehbar. Wie der Polizist fast nur dann spricht, wenn er gefragt wird und sonst nicht viel zu sagen hat, so sind die meist witzlosen Dialoge in diesem Film nur dazu da, die Handlung zu erklären. Und wie wir über Cristi zu wenig erfahren um echtes Interesse an seinem Schicksal zu entwickeln, so lässt uns der ganze Film leider kalt. Da hilft auch die Femme fatale nicht und die vielen schrägen Nebenfiguren, von denen Porumboius eine urplötzlich zum Killer werden lässt, damit nicht alles komplett vorhersehbar bleibt.
 
Singin‘ la la la, la la la la la …
 
Vlad Ivanov kennt das deutsche Publikum vielleicht als Illiescu in „Toni Erdmann“. Als Cristi nimmt er tapfer alles Mögliche auf sich um dem Gangster Paco bei der Umsetzung seines schrägen Plans zu helfen. Und ebenso tapfer spielt Ivanov diese nicht fertig ausgearbeitete Figur um seinem Regisseur und Drehbuchautor bei der Umsetzung seiner schrägen Filmidee zu helfen.
 
Das ehemalige Modell Catrinel Marlon spielt die mysteriöse Gilda. Der Name der Figur kommt nicht von ungefähr, hat doch Rita Hayworth in Charles Vidors gleichnamigen Klassiker die Mutter aller Femme fatales gespielt. Wir wollen die Leistung der jungen rumänischen Darstellerin nicht mit der von Rita Hayworth vergleichen. Das wäre unfair. „Put the Blame on Mame“ kann hier nicht gelten. Dazu ist die Rolle dieser Gilda leider zu nachlässig geschrieben.
 
Sabin Tambrea kennt man vielleicht aus „Ludwig II.“, für den er 2012 mit dem bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Auch er darf eine Rolle spielen, die von Drehbuchautor Porumboius nie fertig geschrieben wurde. Entsprechend wenig Eindruck hinterlassen seine und die Leistungen der anderen Darsteller dieses Films.
 
 
Fazit
 
Es ist egal, worum es in Iggy Pops „The Passenger“ geht und ob der Text dünn ist. Das Lied ist cool, weil es cool ist. Punkt. Bei einem Film ist es aber nicht egal, worum es darin geht. Und wenn die Dialoge dünn sind, braucht der Film eine fesselnde Handlung, originelle Charaktere oder sonst etwas, um cool oder zumindest interessant zu werden. „La Gomera“ hat davon leider nur wenig zu bieten.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Corneliu Porumboiu
  • Drehbuch: Corneliu Porumboiu
  • Besetzung: Vlad Ivanov, Catrinel Marlon