Wer nach BAD APPLES noch immer mit dem Gedanken spielt, ...
... Lehrer zu werden, verfügt entweder über ein außergewöhnlich dickes Fell oder hat den Film nicht verstanden. Schließlich muss man sich in diesem Beruf mit Schülern herumschlagen, die jede Unterrichtsstunde sabotieren und eine ganze Schule an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben.
Pädagogen, die solche Kinder aus eigener Erfahrung kennen, dürften diese bitterböse Komödie deshalb als ausgesprochen wohltuend empfinden. Denn hier bekommt ein besonders renitenter Störenfried auf höchst fragwürdige Weise die Quittung für sein Verhalten präsentiert.
Im Keller
Maria hat ihre Klasse kaum noch unter Kontrolle. Dafür ist vor allem Danny verantwortlich, der permanent dazwischenruft, seine Mitschüler einschüchtert, Drohungen ausstößt und den Unterricht praktisch unmöglich macht. Keine Maßnahme scheint bei ihm zu wirken. Nachdem er schließlich ein Mädchen verletzt, ist die Grenze endgültig überschritten: Danny soll vorübergehend von der Schule verwiesen werden.
Maria versucht daraufhin, seinen Vater zu erreichen, doch der Mann ist nicht an einem Gespräch interessiert und entzieht sich ihr konsequent. Wenig später begegnet die Lehrerin Danny nachts auf der Straße. Der Junge demoliert mit einer Metallstange parkende Wagen und macht auch vor Marias Auto nicht halt. Sie greift ein, die Situation eskaliert, und plötzlich hat Maria ihre Hände um Dannys Hals. Als der Junge das Bewusstsein verliert, steht sie vor einem gewaltigen Problem. Danny kündigt an, sie bei der Polizei anzuzeigen. In ihrer Panik verfrachtet Maria ihn kurzerhand in ihr Haus und schließt ihn im Keller ein. Dort, so ihre reichlich naive Hoffnung, soll er zur Vernunft kommen.
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Seine Abwesenheit hat in der Schule erstaunliche Folgen. Zum ersten Mal können die anderen Kinder ungestört lernen. Die Stimmung verändert sich, die Klasse lebt auf, und auch Maria entdeckt wieder, warum sie diesen Beruf überhaupt ergriffen hat. Eigentlich könnte nun alles wunderbar sein – wäre da nicht der Schüler in ihrem Keller.
Erziehung
BAD APPLES weckt Erinnerungen an zwei andere Filme. Der offensichtlichere Vergleich ist die britisch-polnische Produktion GOOD BOY, in der eine Familie einen jugendlichen Unruhestifter verschleppt, ankettet und nach ihren eigenen Vorstellungen erziehen möchte. Weniger unmittelbar, letztlich aber ebenso passend ist EDEN LAKE. Auch dieser britische Thriller beschäftigt sich mit der Gewalt Jugendlicher und bleibt nicht zuletzt wegen seines konsequenten Endes im Gedächtnis.
Genau dort liegt eine der großen Stärken von BAD APPLES: Der Film lässt sich nur schwer berechnen. Lange sieht es so aus, als steuere die Handlung auf ein ziemlich erwartbares Finale zu. Dann schlägt das Drehbuch einen Haken und entwickelt die Geschichte in eine Richtung, die zugleich grotesk, überraschend und auf verdrehte Weise folgerichtig erscheint.
Moral
Im Zentrum steht eine unangenehme moralische Frage: Darf das Schicksal eines Einzelnen gegen das Wohlergehen einer ganzen Gemeinschaft aufgerechnet werden? Wenn ein Mensch allen anderen das Leben zur Hölle macht, wäre es dann nicht besser, ihn aus dieser Gemeinschaft zu entfernen? Ganz so einfach macht es sich der Film allerdings nicht. Maria will Danny keineswegs nur bestrafen, sondern versucht tatsächlich, sein Verhalten zu verändern. Damit berührt BAD APPLES auch die Frage, was eine Gesellschaft mit Kindern anfangen soll, die durch jedes pädagogische Raster fallen.
Saoirse Ronan trägt diese Geschichte mit beeindruckender Leichtigkeit. Ihre Maria ist zunächst erschöpft, hilflos und kurz vor dem Zusammenbruch. Ohne Danny gewinnt sie ihre Sicherheit zurück und kann endlich so unterrichten, wie sie es sich immer vorgestellt hat. Ronan zeigt einmal mehr, wie mühelos sie zwischen Verzweiflung, Entschlossenheit und trockenem Humor wechseln kann.
Dabei degradiert der Film Danny nicht zum bloßen Monster. Einige Szenen lassen erkennen, dass der Junge selbst unter seinen unkontrollierbaren Wutausbrüchen leidet. Dadurch gewinnt die Geschichte eine dramatische Ebene, ohne ihre komödiantische Bosheit einzubüßen. Im Gegenteil: BAD APPLES findet immer neue Möglichkeiten, die Schraube noch ein wenig weiter anzuziehen.
Fazit
BAD APPLES ist eine herrlich finstere Komödie, die ihr Publikum lange in Sicherheit wiegt, nur um ihm anschließend den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Man glaubt zu wissen, wohin die Reise geht – und liegt damit gleich mehrfach daneben.
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