Die Odyssee - Kinostart: 16.07.2026

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Christopher Nolan hat einen Film gedreht, wie er ihn noch nie gedreht hat …
 
A time of apparent magic …
 
Die Story ist bekannt. Odysseus lässt sich von seinem alten Freund Menelaos zu einem Strandurlaub in Troya überreden, damit der wiederum seine Frau überreden kann, sich das mit dem Trennungsjahr nochmal zu überlegen und wieder heimzukommen. Nach einer langen und vor allem langweiligen Zeit am Strand schenkt Odysseus den Trojanern etwas Selbstgebasteltes, damit sie ihn und seine Kumpels in die Stadt lassen. Auf der Partymeile von Troya lassen die Burschen dann mal so richtig die Sau raus. Und weil der Rückreiseverkehr immer das Schlimmste an jedem Urlaub ist, biegt Odysseus auf der Heimfahrt mehr als einmal falsch ab. Derweil geht es daheim in Ithaka drunter und drüber …
 
So! Genug gescherzt! Hefte raus! Klassenarbeit! Seit gut einem Vierteljahrhundert ist Christopher Nolan einer der besten und interessantesten Regisseure unserer Zeit. Einige seiner Filme sind echte Meisterwerke. Und auch wenn manche seiner Filme durchaus Schwächen haben (die Schurken in „The Dark Knight Rises“ sind zu viele und zu langweilig, die Szene am Krankenbett in „Interstellar“ hätte niemand gebraucht und was bitteschön war eigentlich mit der Tonspur von „Tenet“ los?) so hat Christopher Nolan doch immer Filme gedreht, die homogen und wie aus einem Guss wirken.
 
„Die Odysse“ ist da ganz anders. Eines vorweg: Der Film ist zum größten Teil sehr gut gemacht. Betrachtet man die Summe seiner Einzelteile fällt der Film durchaus gelungen aus. Aber es sind einige gravierende Fehlentscheidungen, die diesen Film immer wieder aus dem Gleichgewicht bringen und ihn an mehr als einer Stelle beinahe zu Fall bringen. Und jede einzelne dieser Entscheidungen lässt sich direkt auf den alleinigen Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion zurückführen.
 
Nolans Filme haben immer vor allem visuell beeindruckt. Sowohl die Heimatstadt als auch die Ausrüstung des „Dark Knight“ wirkten immer ebenso stylish wie stimmig. Die Traumwelten in „Inception“ waren ebenso bizarr wie stilbildend. In „Interstellar“ sahen wir fremde Welten, die sich uns immer sofort erschlossen haben und so weiter. Daher ist es merkwürdig, wenn wichtige visuelle Details in „Die Odyssee“ einfach nicht recht funktionieren.
 
Man kann es nicht anders sagen: das Trojanische Pferd in diesem Film ist einfach zu schön und ergibt auch sonst wenig Sinn. Natürlich sieht es atemberaubend aus, wenn es, von einem einsamen Soldaten bewacht, im Sand der fremden Küste steckt. Aber Kopf, Brust und Beine dieses, wohlgemerkt von Soldaten aus Schiffsplanken zusammengezimmerten Holzpferdes sehen aus, als hätte ein Renaissance-Künstler das Tier in Bronze gegossen. Ich kann mir schon vorstellen, wie sich Christopher Nolan in das Bild verliebt hat, wie diese wunderschöne Skulptur über den Sand und in die Stadt gezogen wird. Leider ergibt weder der Fundort, noch die Position, noch die Art des Transportes noch die ganze Konstruktion innerhalb der Geschichte irgendeinen Sinn. All das sieht sehr schön aus. Sinn ergibt es keinen.
 
Auch andere Entscheidungen der visuellen Gestaltung verwirren den Betrachter eher, als dass sie einen echten Mehrwert bieten. An einer Stelle wirkt es, als müsse Circe die Körper der von ihr vergifteten Soldaten manuell in Schweineform drücken. Eine Erklärung oder ein Grund dafür ist nicht zu erkennen. Ebenso ist nur schwer nachzuvollziehen, warum die Sirenen nur in wenigen kurzen Einstellungen aus der Ferne zu sehen sind. Die ganze Episode rund um diese Fabelwesen ist viel zu schnell vorbei, um richtig interessant zu werden. Es wirkt, als hätte Nolan sie bloß abgehakt. So verkommt eine Sequenz die einen Höhepunkt des zweiten Akts hätte bilden müssen, zu etwas, das bloß die Laufzeit streckt.
 
Das Gleiche gilt im besonderen Maße für die Episode auf der Insel des Zyklopen. Ich möchte diese 15 Minuten Film nicht direkt als „langweilig“ gestaltet bezeichnen. Spannend war an der Sequenz aber praktisch nichts. Erschwerend kommt die Gestaltung des Zyklopen selbst hinzu, dessen einzelnes Auge aus keinem erkennbaren Grund um 90 Grad gedreht ist, während seine Nase um 45 Grad gedreht ist und der ganz allgemein eher an Filme der Achtzigerjahre wie „Goonies“ oder „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ erinnert als an einen der visuellen Höhepunkte eines 250 Millionen Dollar teuren Filmepos aus dem Jahr 2026.
 
Verschiedene weitere Fehler der visuellen Gestaltung tragen zum uneinheitlichen Eindruck bei, den dieser Film beim aufmerksamen Betrachter immer wieder erwecken wird. So tragen Soldaten ihre Rüstungen sogar, wenn das Schiff mitten auf dem offenen Meer treibt und nirgendwo Land in Sicht ist. Keinem der Darsteller der glücklosen Freier, aber auch nicht Matt Damon selbst hat irgendjemand jemals gezeigt, wie man den Bogen für die berühmte Abschlusssequenz richtig spannt. Und Christopher Nolan hat ganz offensichtlich nie kapiert, dass Odysseus seinen Pfeil durch die „Augen“ der Äxte (also den Teil in dem üblicherweise der Axtstiel steckt) hindurch geschossen hat.
 
Aber „Die Odyssee“ wirkt nicht nur visuell unausgewogen, sondern auch akustisch. In der englischen Originalversion erkennt man gut, wie sich Drehbuchautor Nolan nie entscheiden konnte, ob er seine Figuren nun eine Art höfischer Hochsprache oder eher moderne Umgangssprache sprechen lassen sollte. So klingen die Dialoge stellenweise erhaben (oder eher gespreizt), aber nur bis Odysseus’s Sohn wieder mal von seinem „Dad“ spricht oder der Held selbst die Jahre verflucht, die er „on this fucking beach“ verbringen musste.
 
Die Filmmusik von Ludwig Göransson, der für „Sinners“ zurecht mit einem Oscar ausgezeichnet wurde und der bereits in „Tenet“ und „Oppenheimer“ manchmal ein bisschen arg dick aufgetragen hat, klingt interessant, fällt aber stellenweise etwas plump aus.
 
Nach dieser doch recht langen und tatsächlich noch unvollständigen Liste von Defiziten, wäre es nur fair, die gelungen Teile des Films zu betonen. Die sind aber kaum in der visuellen Gestaltung zu finden. Einige der vielen Drehorte, von Marokko über Griechenland, den Ägadischen und den Liparischen Inseln, Schottland und sogar Island sind malerisch in Szene gesetzt, andere kommen kaum zur Geltung und man fragt sich, ob das den Aufwand in jedem Fall wert war. Ebenso wirken einige der Bauten zwar sehr stimmungsvoll, andere sind leider unschwer als reine Filmdekos erkennbar.
 
Fortune favours the brave
 
Nein die stärksten Aspekte dieses Films liefert dann doch das Drehbuch. Ohne die Geschichte unnötig modernisiert zu haben, bietet uns Nolan hier Parallelen zwischen der Odyssee des berühmten Veteranen des Trojanischen Kriegs mit an posttraumatischen Belastungsstörungen leidenden Soldaten moderner Zeit an. Es ist eine universelle Wahrheit, dass es viel Zeit braucht, man einen langen Weg zurücklegen und viele Mühen auf sich nehmen muss, ehe man das Trauma des Krieges hinter sich lassen kann.
 
Ebenso lassen die starken Frauenfiguren überaus moderne Interpretationen ihrer Geschichten zu. Circe ist eine weitere Überlebende des Krieges, die auf ihre eigene Art weitere von Männern ausgehende Gewalt verhindert. Kalypso ist hier viel mehr Therapeutin als verzweifelte Liebhaberin. Helena und Klytaimnestra sind zwei Versionen einer Frau, die Selbstbestimmung sucht. Und die stärkste Figur des Films ist nicht Odysseus, sondern Penelope, die Frau, die auch deshalb so viel Zeit in Einsamkeit verbringt, weil sie so viel klüger und weiser ist als sämtliche Männer um sie herum, ihr Ehemann und ihr Sohn nicht ausgenommen.
 
Es sind auch die weiblichen Darstellerinnen, die mit den besten Einzelleistungen des Films überzeugen. Nachdem Zendaya bereits in Teil Eins von „Die schönsten und längsten Wüstenaufnahmen der Filmgeschichte“ (auch bekannt unter seinem kürzeren Verleihtitel „Dune“) immer wieder dem Helden erschienen ist, spielt sie hier eine Frauengestalt, die immer wieder dem Helden erscheint. Bloß mit dem Unterschied, dass Ihre Rolle hier sehr viel mehr Sinn ergibt und Zendaya dieser kleinen Rolle sehr viel mehr Gewicht verleiht als der in dem Sand-Film. Samantha Morton vermittelt als Circe die entschlossene Kraft einer Überlebenden. Lupita Nyong’o hätte sich in ihrer Doppelrolle zusätzliche Szenen verdient. Und Charlize Theron wirkt als Kalypso verständnisvoll, weise und gütig. Ach ja, und sie sieht dabei echt heiß aus.
 
Die beste Leistung zeigt aber Anne Hathaway als Penelope. Völlig uneitel spielt sie die Mutter von Tom Holland (der gerade mal 13 Jahre jünger ist als Hathaway). Aber ihre Penelope ist nicht bloß Mutter und trauernde Ehefrau, sondern eine wahre Königin und eine Kämpferin, die auf ihre eigene Art und mit einer Stärke und Ausdauer kämpft, die sie jedem Mann weit überlegen macht. Was wir in diesem Film im Gesicht der wunderschönen Anne Hathaway sehen, sind keine Falten, sondern wunderschöne Linien der Erfahrung und eindrucksvolle Furchen der Verantwortung.
 
Die männlichen Darsteller haben dem praktisch nichts entgegenzusetzen. Tom Holland kann nicht gegen das Drehbuch anspielen, das seine Figur lange Zeit dumm und unreif und dann plötzlich klug und weise agieren lässt. Robert Pattinson hätte seine Schurkenrolle entweder viel subtiler anlegen oder einfach noch deutlich mehr aufdrehen müssen. So wie er sie hier spielt, trägt sie nur zur allgemeinen Unausgewogenheit des Films bei.
 
John Leguizamo spielt nach „John Wick“ wieder die Nebenfigur, die wichtige Entwicklungen im Dialog erklärt. Jon Bernthal spielt einen König von Sparta, der weder spartanisch noch königlich wirkt. Sein Menelaos erinnert mehr an Bernthals frühere Nebenrollen in Filmen wie „Nachts im Museum 2“ oder „Fury“. Elliot Page vermittelt in leider nur wenigen Szenen eine entschlossene Würde.
 
Matt Damon hat in kaum einem seiner Filme jemals eine wirklich schlechte Leistung gezeigt. Aber er hat uns auch kaum jemals tief beeindruckt. In seiner Rolle als Odysseus macht er wieder nichts falsch. Leider IST er nie ein Krieger, ein König, ein verzweifelter Reisender oder ein liebender Ehemann. Er SPIELT eben immer nur den Krieger, den König, den verzweifelten Reisenden oder den liebenden Ehemann. Das alles macht Damon definitiv nicht schlecht. Aber wir sehen leider immer den Schauspieler bei der Arbeit. Damit trägt auch Matt Damon leider ein bisschen zum unausgewogenen Gesamteindruck des Films bei.
 
 
Fazit
 
Christopher Nolan hat zum ersten Mal in seiner Karriere einen sehr uneinheitlichen, unausgewogenen Film gedreht. Natürlich überwiegen in Summe die Stärken des Films. Seine vielen Schwächen sind aber nicht zu übersehen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Christopher Nolan
  • Drehbuch: Christopher Nolan
  • Besetzung: Matt Damon, Tom Holland