Steven Spielbergs neuer Film hat mich zum Nachdenken gebracht und lässt mich hoffen …
Is this our memory or real?
Soll ich zu Beginn wirklich wieder die Handlung des Films zusammenfassen? Ich würde lieber darauf verzichten. Dieses Mal kann ich leider nicht einmal einfach die Einladung zur Pressevorführung zitieren, weil sogar die Herrschaften von der Pressestelle des Verleihs schon vor Filmstart aufgegeben und keine geliefert haben. Mhm, … ich glaube, ich weiß, wie ich anfange. Ich schreibe einfach wieder erstmal über etwas ganz anderes als über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“, den neuen Film von Steven Spielberg. Da stehen die Leser*innen drauf.
Das größte Problem der neueren Bücher von Stephen King sind die vielen alten Bücher von Stephen King. Es ist nämlich gar nicht so, als wären „Under the Dome“ oder „Sleeping Beauties“ nicht wirklich sehr gute Bücher über das Ende unserer Zivilisation. Es ist bloß so, dass King bereits vor bald fünfzig Jahren mit „The Stand“ eines der besten Bücher aller Zeiten über das Ende unserer Zivilisation geschrieben hat. „Das Institut“ ist ein spannender Roman, über ein übersinnlich begabtes Kind in den Fängen einer geheimen Regierungsbehörde. Aber das war „Firestarter“ bereits vor mehr als vierzig Jahren. „The Outsider“ und „If it bleeds“ sind interessante Geschichten über das reine Böse, aber „It“ ist vier Jahrzehnte alt und die ultimative Geschichte über das reine Böse und so weiter.
An der Stelle wollte ich jetzt darüber schreiben, dass Steven Spielberg nun leider auch schon vor bald 50 Jahren mit „Close Encounters of the Third Kind“ ein Meisterwerk über den Besuch Außerirdischer auf der Erde gedreht hat, bevor er dann wenige Jahre später einen der erfolgreichsten Filme aller Zeiten über den Besuch Außerirdischer auf der Erde gedreht hat („E.T.“ steht inflationsbereinigt noch immer auf Platz 5 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten), bevor er dann vor auch schon wieder mehr als zwanzig Jahren mit „War of the Worlds“ vielleicht kein Meistwerk aber doch einen wirklich sehr guten, sehr spannenden Blockbuster über den Besuch Außerirdischer auf der Erde gedreht hat, aber irgendwie habe ich an der Stelle die Lust verloren, Entschuldigungen dafür zu finden, warum jemand der jahrzehntelang zu den besten und mit weitem Abstand erfolgreichsten Regisseuren der Welt gehört hat, seine und die Zeit des Publikums mit so einem unterdurchschnittlichen Film verschwenden konnte.
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https://cinepreview.de/index.php/item/1291-disclosure-day-der-tag-der-wahrheit-kinostart-11-06-2026#sigProId924f1303bc
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„Disclosure Day“ hat sicher deutlich mehr als 100 Millionen Dollar gekostet. Und nichts an diesem Film ist diesen Betrag wert. Der Film dauert mehr als zwei Stunden und keine 30 Minuten davon sind unterhaltsam. Wie konnte ich auf die Idee kommen, diesen Film mit Spielbergs früheren Meistwerken zu vergleichen (oder bloß mit neueren Büchern von Stephen King)? Wenn überhaupt, muss man „Disclosure Day“ mit „1941“ vergleichen, Spielbergs erstem Flop von 1979. Damals meinte Spielberg, wenn er nur genug teure Schauspieler und knallbuntes Spektakel auf Zelluloid bannen würde, wäre das bereits unterhaltsam und würde vom allgemeinen Mangel an Substanz ablenken. Und mit einem ganz ähnlichen Ansatz hat er seinen neuesten Film gedreht.
Das bisschen Story seines neuen Films stammt von Spielberg selbst und wurde von David Koepp in etwas umgearbeitet, das mit einem echten Filmdrehbuch nur oberflächliche Ähnlichkeit hat. So wie Spielberg vor langer Zeit mal hervorragende Filme inszeniert hat, hat auch David Koepp vor langer Zeit mal hervorragende Drehbücher zu Filmen wie „Death becomes her“ und „Jurassic Park“ geschrieben. Koepp hat aber auch das Drehbuch zur hanebüchenen Fortsetzung „The Lost World: Jurassic Park“ von 1997 geschrieben. In diesem Jahrtausend hat er solche Kracher wie „Indiana Jones, der Kühlschrank und die Aliens“, „Die Mumie“ (auch bekannt als „Aus dem Weg! Tom Cruise hat’s eilig“), „Indiana Jones und die saublöde Zeitreise“ oder „Jurassic World: Die Nachgeburt“ verfasst. Und an der Stelle frage ich mich, ob ich der einzige bin, der hier ein Muster erkennt, von alten Männern, die mal etwas draufhatten, aber jetzt leider nicht mehr?
This is all rather disappointing
Das Drehbuch zu „Disclosure Day“ ist lächerlich. Die Handlung ergibt hinten und vorne keinen Sinn. Warum muss eine Figur erstmal einen Spannungsbogen aufbauen, bevor sie eine andere Figur informiert? Was sollen die pseudophilosophischen Diskussionen, wenn sie ohnehin nirgendwohin führen? Wozu muss ein ganzes Haus nachgebaut werden, wenn die Erinnerungen an das, was dort geschehen ist, doch von einem außerirdischen Mehrzweckwerkzeug ausgelöst werden? Warum dauert das alles so lange? Wieso beschäftigt die Geheimorganisation die inkompetentesten Handlanger der Filmgeschichte? Was soll die minutenlange Slapstickeinlage an einer Stelle, an der endlich mal Handlung stattfinden könnte? Und wer braucht im Jahr 2026 ein Fernsehstudio (!) um Daten an die Öffentlichkeit zu bringen? Dieser letzte Punkt ist nicht der einzige, aber sicher einer der deutlichsten Hinweise auf das fortgeschrittene Alter der Macher dieses Films.
Ich würde gerne schreiben, das Ganze ist, wie von Spielberg gewohnt, hochwertig inszeniert und produziert. Aber ist es das wirklich? Ja, Spielbergs langjähriger Stamm-Kameramann, der Oscarpreisträger Janusz Kamiński zeigt in einer langen Einstellung in einem Fernsehstudio, was er kann. Aber davon abgesehen, beeindruckt uns wenig vom Gezeigten. Eine Figur lässt im strömenden Regen das Seitenfenster des Autos offen, damit wir besser sehen können, was im Auto vorgeht. Bei einer Verfolgungsjagd mit Schießerei wird wieder mal der linke Außenspiegel weggeschossen. Computergenerierte Tiere wirken teilweise wirklich nicht überzeugend (und weil mir jeder Vorwand recht, Leser*innen auf die großartige Serie „Fleabag“ aufmerksam zu machen: Der CGI-Fuchs in dieser vergleichsweise billigen britischen Produktion von 2019 sieht realistischer aus als der Fuchs in diesem neuen Blockbuster von Steven Spielberg).
Warum die erste Einstellung des Films ein POV-Shot während eines Wrestling-Matches sein musste, ist unklar. Und das elendslange, enttäuschende Ende des Films (man kann hier nicht von einem „Finale“ sprechen) wird künftig an Filmhochschulen als Negativbeispiel gelehrt werden. Ganz allgemein schaffen es Spielberg und sein Team in keiner Minute des Films, uns davon abzulenken, dass wir gerade einen Film sehen. Man sieht nie Menschen in Krisen. Man sieht Schauspieler dramatische Szenen darstellen. Man sieht keine Charaktere in gefährlichen Situationen. Man sieht Stuntmen und CGI bei der Arbeit. Der Mann, der uns vor langer Zeit mit einem verzweifelten Polizeichef mitfiebern ließ, uns die Emotionen eines watschelnden Aliens vermitteln konnte oder uns beim Anblick eines Brachiosaurus staunen ließ, schafft es mehr als zwei Stunden lang nicht, sein Publikum emotional oder sonst irgendwie mitzunehmen.
In „Disclosure Day“ sehen wir keine begabten Künstler*innen Charaktere darstellen. Wir sehen Schauspieler*innen bei der Arbeit. Colin Firth („The King‘s Speech“) darf ein böses Klischee vorführen. Bonos Tochter Eve Hewson („Robin Hood“) darf ein braves Klischee vorführen. Und Colman Domingo darf ein Klischee vorführen, dass vom Drehbuchautor so wenig ausgearbeitet wurde, dass es weder böse noch brav ist, sondern einfach nur ein Klischee. Wyatt Russel („Night Swim“) wirkt viel zu nett für das dumme, alte Klischee vom verständnislosen Boyfriend der Heldin. Der junge Herr Russel sollte übrigens dringend seinen Agenten anrufen. Nicht-Rollen wie diese hier spielt man üblicherweise BEVOR man im MCU Erfolg hatte; DANACH bringt das der Karriere rein gar nix mehr.
Josh O’Connor („Challengers“) spielt eine Figur, die in einem besseren Drehbuch vielleicht ein Held hätte sein können. Er entwickelt als Darsteller leider nicht genug Wirkung, um über dieses Rudiment einer Rolle hinausspielen zu können. Die großartige Emily Blunt („Oppenheimer“) hat mehr darstellerische Wirkung im kleinen Finger als Josh O’Connor in seinem ganzen schmächtigen Körper. Aber auch sie kann diese Wirkung nur in einzelnen Szenen erkennen lassen, weil auch sie hier keine „Rolle“ im herkömmlichen Sinne des Wortes zu spielen bekommen hat, sondern eben leider nur einzelne Szenen. In diesen zeigt sie dann gelegentlich etwas, das vage an ihre frühere Leistungen erinnert. Und das ist mehr als man von den alten Männern hinter der Kamera behaupten kann.
Fazit
Steven Spielbergs neuer Film hat mich zum Nachdenken gebracht, wie es sein wird, wenn ich mal alt bin und das, was ich früher konnte, einfach nicht mehr draufhabe. Und lässt mich hoffen, dann von lieben Menschen umgeben zu sein, die zu mir sagen: „Was war, ist vorbei. Lass es doch einfach bleiben, alter Mann.“.
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