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Spencer - Kinostart: 13.01.2022

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Diana Spencer war eine schwierige, schwer zu verstehende Person.
 
Da ist es nur passend, wenn der neue Film über sie auch schwierig und schwer zu verstehen ist.
 
All I need is a miracle …
 
Heiligabend 1991, Diana ist ganz allein auf dem Weg nach Sandringham House, einem der Schlösser der britischen Königsfamilie. Dort soll sie die Weihnachtsfeiertage mit der gesamten Royal Family verbringen, so will es die Tradition. Aber diese drei Tage voller Zwänge und Konventionen werden für Diana zur traumatischen Belastung ...
 
Ich muss zugeben, dieser Film hat sich mir nicht leicht erschlossen. Schon der zu Beginn des Films eingeblendete Text „A fable from a true tragedy“ war mir zu prätentiös. Und bereits in den ersten Szenen sehen wir Diana (Kristen Stewart), wie sie unfähig ist, den Weg zu einem Schloss zu finden, das vermutlich den größten Teil der Fläche der umliegenden Grafschaft ausmacht. Die Frau ist also praktisch nicht alltagsfähig. Sie belehrt ihre Söhne, die sie offensichtlich längere Zeit nicht gesehen hat, Antworten auf schwierige Fragen müssten bis nach Weihnachten warten, wiegelt die armen Kinder aber gegen den Rest der Familie auf.
 
Alles belastet die arme Diana. Ein altes Weihnachtsritual, die Vorgabe pünktlich zum Essen zu erscheinen, ja selbst die einfach Aufgabe, sich bloß umzuziehen, scheint sie zu sehr anzustrengen. Keiner der Anwesenden scheint ihr auch nur das geringste bisschen Freundlichkeit entgegenzubringen. Selbst Angestellte behandeln die Princess of Wales schroff und richtiggehend unhöflich. All diese Zumutungen werden im Film untermalt von den Klängen volltönender Streicher, die sich gelegentlich steigern um von dissonanten Blechbläsern unterstützt zu werden.
 
Als während einer Dinnerszene, die nun wirklich gar keinen Sinn mehr ergeben wollte, ein anwesendes Streichquartett die Musik passend zur Stimmung der Heldin veränderte, wollte ich den Film schon abschreiben. Aber dann, nach einer halben Stunde Laufzeit, war mir plötzlich klar, wir erleben hier die Wahrnehmung einer verwirrten, zutiefst neurotischen und egozentrischen Person. Hier muss nichts Sinn ergeben. Natürlich ist hier alles und jeder gegen die Heldin gerichtet. Natürlich dreht sich alles um sie. So und nicht anders nehmen neurotische Egozentriker nun mal ihre Umwelt wahr.
 
Drehbuchautor Steven Knight („Allied – Vertraute Feinde“) und Regisseur Pablo Larraín („Jackie: Die First Lady“) haben hier nicht wirklich die Geschichte von Diana Spencer verfilmt. Und daher darf man auch nicht erwarten, diese Person im Laufe des Films besser kennen oder gar verstehen zu lernen. Es geht hier keine Sekunde darum, wie Diana so geworden ist, wie sie war. Wir erfahren nicht, was zu ihren Problemen geführt hat.
 
So funktioniert die rein subjektive Wahrnehmung einer neurotischen, egozentrischen Person einfach nicht. So eine Person hinterfragt das eigene Handeln nicht. Sie sieht nur, was ihre Umwelt ihr antut und zumutet. Sie sieht nur Schmerz und fragt nicht, woher der Schmerz kommt und welchen Anteil sie daran hat. Wenn Charles seine Frau erst in der Mitte des Films zum ersten Mal anspricht und dann gleich barsch zurechtweist, dann weil Diana die Gespräche mit ihrem Noch-Ehemann wohl als selten und barsch empfunden hat. Wenn während des zweiten von gerade mal zwei Gesprächen ein gigantischer Snookertisch zwischen den Eheleuten steht, dann weil Diana die Distanz zwischen ihnen als unüberwindbar wahrnimmt. Wenn die Geografie des Anwesens im Film keinen Sinn ergibt, dann weil Diana sich dort wohl nicht zurechtfinden konnte.
 
 
Wenn die Queen, der ganzen Welt als Muster an vornehmer Haltung bekannt, beim Essen sardonisch lächelt, dann weil Diana ihre Schwiegermutter als boshaft wahrgenommen haben muss. Wenn jede einzelne Figur in diesem Film die Heldin entweder quält oder vorbehaltlos liebt, dann weil Diana die Menschen wohl nur in diese zwei Gruppen einzuteilen wusste: Menschen die sie quälen und solche die sie lieben.
 
Dieses ungewöhnliche und mutige Konzept der Filmemacher wird „Spencer“ vielleicht nicht nur für mich anstrengend und schwer zugänglich machen. Würde es mir leicht fallen, mich mit der Wahrnehmung neurotischer, egozentrischer Frauen zu beschäftigen … aber lassen wir das, … es geht hier nicht um meine früheren Partnerinnen, sondern um die des britischen Thronfolgers. Trotzdem sei mir ein kleiner Tipp für Frischverliebte erlaubt, die diesen Film beim einem ersten Date sehen: wenn die Frau sich mit der Hauptfigur voll identifizieren kann, halte ich Vorsicht für geboten.
 
Vielleicht haben sich auch die Macher dieses Films zu sehr mit ihrer Hauptfigur identifiziert. Oder sie haben sich von ihrem originellen Konzept zu sehr mitreißen lassen. Denn in der zweiten Hälfte des Films sehen wir zu viel, das einfach gar nicht mehr zusammenpasst. Ganze Sequenzen, die einfach nicht stimmig sind, lassen sich auch mit der subjektiven Wahrnehmung einer neurotischen Person nicht mehr erklären.
 
Einerseits wird jeder Schritt Dianas überwacht. Andererseits stellt man ihr eine Drahtschere und später, während sie tatsächlich am Dinnertisch sitzen sollte, eine Taschenlampe und Gummistiefel für einen nächtlichen Ausflug zur Verfügung. Und warum sollte denn der Familiensitz der Spencers in diesem Film verbarrikadiert und baufällig sein? Das hat schon etwas von Realitätsverlust. Diana hatte sicher ihre Probleme, aber sie war nicht psychotisch. Und selbst das würde nicht erklären, warum ein Mitarbeiter am Drive-In- Schalter eines Fastfood-Restaurants nach dem Familiennamen fragt.
 
Es ist wirklich schade, dass der Film am Ende einfach zu viel Gas gibt und aus der Kurve getragen wird. „Spencer“ ist extrem hochwertig produziert. Die Drehorte wirken höchst authentisch, obwohl das britische Sandringham House von zwei deutschen Schlössern „gedoubelt“ wurde. Die Ausstattung ist erstklassig. Die Kopien von Dianas Kleidung wirken teilweise hyper-realistisch, weil sie nicht nur den bekannten Originalen nachempfunden wurden, sondern auch deren Epochen repräsentieren, für Abschnitte im Leben ihrer Trägerin stehen.
 
All I need is you
 
Auch die Besetzung ist erstklassig. Kristen Stewart ist zuletzt in „Jean Seberg – Against all Enemies“ an der Darstellung einer schwierigen berühmten Frauenfigur grandios gescheitert. Wer hätte gedacht, dass gerade sie Diana so hervorragend verkörpern könnte? Nachdem man „Spencer“ gesehen hat, kann man sich kaum eine andere Darstellerin in dieser Rolle vorstellen.
 
Stewart ahmt Diana nicht nach. Sie schafft es vielmehr, Dianas Wesen wiederzugeben. Diana wirkte in der Öffentlichkeit oft scheu und zerbrechlich. Im Blitzlicht der Kameras hatte sie etwas von einem Reh im Licht von Scheinwerfern. Stewart vermittelt in ihren Bewegungen genau das und zeigt dabei wie diese Figur sich ihrer Schönheit stets bewusst ist und sich trotzdem im eigenen Körper nicht wohl fühlt. Ihr Gesicht vermittelt immer wieder die ganze verwirrte Emotionalität dieser Frau, ohne jemals ins Hysterische zu kippen. Stewart leistet hier Erstaunliches und zeigt die mit Abstand reifste und komplexeste Darstellung ihrer Karriere.
 
„Spencer“ ist beinahe eine „One-Woman-Show“. Dabei kann man leicht die großartigen Leistungen der Nebendarsteller übersehen. Timothy Spall kennen die meisten von uns vor allem aus den „Harry Potter“-Filmen. Aber dieser erfahrene Theater- und Filmschauspieler kann viel mehr und zeigt das mit einer Darstellung, die vielleicht zum großen Teil bloß der Wahrnehmung der Hauptfigur entspricht und trotzdem immer realistisch bleibt.
 
Sean Harris („Prometheus“ und die letzten beiden „Mission: Impossible“-Filme) hat nur wenige Szenen als Küchenchef, der halb Unteroffizier, halb Poet ist. Aber er zelebriert jede dieser Szenen, sodass es eine Freude ist, ihm zuzusehen.
 
Sally Hawkins‘ Rolle als Zofe wurde leider nicht richtig zu Ende geschrieben. Hawkins kann dieses Fragment einer Figur nicht wirklich mit Leben füllen, versucht es aber redlich.
 
 
Fazit
 
Ein schwieriger, schwer zu verstehender aber mutiger Film über eine schwierige, schwer zu verstehende Person, kongenial dargestellt von Kristen Stewart. Leider gerät das originelle Konzept am Ende deutlich aus der Spur.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Pablo Larraín
  • Drehbuch: Steven Knight
  • Besetzung: Kristen Stewart, Timothy Spall