In the Grey - Kinostart: 21.05.2026

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Wahrscheinlich hätte IN THE GREY mit nur wenigen Anpassungen problemlos als Fortsetzung von
 
... OPERATION FORTUNE funktionieren können. Beim neuesten Film von Guy Ritchie drängt sich dieser Gedanke jedenfalls schnell auf. Die Zutaten sind ähnlich: ein Team aus Spezialisten, eine globale Bedrohung, elegante Schauplätze und eine Handlung, die sich irgendwo zwischen Spionagethriller und Actionfilm bewegt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Ritchie diesmal deutlich geradliniger erzählt. Wo OPERATION FORTUNE noch verspielt, ironisch und voller exzentrischer Einfälle war, konzentriert sich IN THE GREY stärker auf Tempo und Action. Das macht den Film unmittelbarer, nimmt ihm aber auch einen Teil jener Eigenwilligkeit, die viele von Ritchies besten Werken auszeichnet.
 
Druck aufbauen
 
Im Mittelpunkt steht Rachel, die sich darauf spezialisiert hat, Banken und Großinvestoren verlorene Gelder zurückzubringen. Wenn riesige Kredite verschwinden oder Kriminelle sich mit Milliarden aus dem Staub machen, kommt sie ins Spiel. Nachdem ein Versuch scheitert, dem Gangster Salazar eine Milliarde Dollar wieder abzunehmen, übernimmt Rachel persönlich die Angelegenheit. Gemeinsam mit ihrem Team beginnt sie, Druck auf den Verbrecher auszuüben – mal auf legalem Weg, oft aber auch deutlich jenseits der Grenzen des Gesetzes. Genau dort liegt die titelgebende Grauzone, in der sich die Figuren bewegen.
 
Wenn man darüber nachdenkt …
 
Im Kern wirkt der Film wie eine hochbudgetierte und deutlich aggressivere Variante einer Serie wie LEVERAGE. Ein komplizierter Plan wird vorbereitet, dem Publikum ausführlich erklärt und anschließend Schritt für Schritt umgesetzt. Kleine Hindernisse tauchen zwar auf, dienen aber meist nur dazu, den Ablauf etwas aufregender zu gestalten. Alles, was zuvor eingeführt wurde, wird später auch genutzt. Ritchie konstruiert die Handlung wie ein Uhrwerk, dessen Zahnräder präzise ineinandergreifen. Dadurch entsteht ein enormes Tempo. Die knapp 98 Minuten Laufzeit vergehen tatsächlich wie im Flug. Der Film versteht es hervorragend, sein Publikum mit Aktion im Bann zu ziehen und kaum Zeit zum Nachdenken zu lassen.
 
Gerade darin liegt aber auch die größte Schwäche. Sobald man kurz innehält, merkt man schnell, dass IN THE GREY erstaunlich wenig Substanz besitzt. Die Figuren bleiben durchweg oberflächlich. Sie existieren fast ausschließlich, um cool auszusehen, Waffen abzufeuern oder den nächsten Teil des Plans zu erklären. Persönliche Hintergründe, innere Konflikte oder echte emotionale Momente sucht man vergeblich. Das gilt selbst für die Hauptrollen. Henry Cavill und Jake Gyllenhaal bringen zwar genug Star-Charisma mit, um jede Szene mühelos zu dominieren, doch ihre Figuren bleiben letztlich leere Hüllen. Eigentlich steht Rachel im Zentrum der Geschichte, gespielt von Eiza González, doch auch sie erhält kaum Eigenschaften, die über Professionalität und Coolness hinausgehen.
 
Keine skurrilen Figuren
 
Besonders auffällig ist zudem, dass die sonst für Ritchie typischen schrägen Nebenfiguren fast völlig fehlen. Seine besten Filme lebten immer auch von exzentrischen Charakteren, absurden Dialogen und kleinen Eigenheiten. IN THE GREY verzichtet darauf nahezu komplett. Dadurch wirkt der Film glatter und austauschbarer. Selbst wenn Mitglieder des Teams sterben, entfaltet das keinerlei emotionale Wirkung. Die Figuren bleiben zu anonym, als dass man wirklich mit ihnen mitfühlen könnte.
 
Hinzu kommt, dass die Handlung kaum echte Spannung entwickelt. Das Team scheint seinen Gegnern jederzeit überlegen zu sein. Für jede Situation existiert bereits ein Ersatzplan, oft sogar mehrere. Zwar geraten die Figuren gelegentlich unter Druck, doch ernsthafte Gefahr entsteht nie. Cavill und Gyllenhaal bewegen sich durch die Action beinahe wie Superhelden, während die Gegner meist nur als gesichtslose Masse auftreten, die ausgeschaltet werden muss. Genau hier verschenkt der Film enormes Potenzial. Denn Spannung entsteht nicht allein durch Explosionen oder Schießereien, sondern vor allem dadurch, dass man um die Figuren bangt. Dieses Mitfiebern bleibt IN THE GREY jedoch schuldig.
 
 
Fazit
 
So bleibt am Ende ein Film, der hervorragend aussieht, enorm schnell erzählt ist und zweifellos unterhält, dabei aber kaum länger im Gedächtnis bleibt. IN THE GREY funktioniert wie filmisches Fast Food: schnell konsumiert, kurzfristig befriedigend, aber ohne nachhaltigen Eindruck. Man hat Spaß während des Sehens, denkt danach jedoch kaum noch daran zurück.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Peter Osteried
  • Regie: Guy Ritchie
  • Drehbuch: Guy Ritchie
  • Besetzung: Henry Cavill, Jake Gyllenhaal