Wenn man in Ruhe darüber nachdenkt, haben Clowns und autobiografische ...
... Schicksalsgeschichten einiges gemeinsam …
Nachrichten bitte nach dem Furz
Aus dem Pressetext zum Film: „Barbara (Valerie Pachner) und ihr Partner Heli (Robert Stadlober) führen mit ihren beiden Kindern Fini und Thimo ein glückliches und liebevolles Familienleben. Als professionelle Clowns nehmen sie das Leben nicht zu ernst und wissen, dass man auch über das lachen kann, was misslingt. Als Barbara wie aus dem Nichts durch einen Unfall ihre Familie verliert, bricht eine Welt für sie zusammen. Der Verlust lässt sie am Clownsein und dem eigenen Lebenssinn zweifeln. Doch Barbara stellt sich ihrem Schicksal. Mutig und unkonventionell findet sie ihren Weg, mit der Trauer umzugehen. Schritt für Schritt erkennt sie, dass das Leben trotz allem weitergeht, wenn man es nur wagt, ihm neu zu begegnen.“
Vollständige Offenlegung: Ich konnte mit Clowns nie etwas anfangen. Wirklich noch nie. Für mich sind Clowns eine längst überholte, primitive Form der Unterhaltung. Ein Relikt aus einer Zeit, als wir noch Angst vor der Dunkelheit hatten und gegen andere Stämme in den Krieg zogen, weil in ihrem Tal mehr Mammuts zu jagen waren als in unserem. In unserer modernen Welt, mit ihrer nie dagewesenen Fülle an Möglichkeiten zur Unterhaltung, sollten Clowns mittlerweile die gleiche Popularität haben wie die Tierhatz, Steinigungen und Hexenverbrennungen. Und schlimmer als autobiografische Schicksalsgeschichten sind nur Filme auf der Grundlage autobiografischer Schicksalsgeschichten. In Verfilmungen werden Nabelschau und unkritische Beschäftigung mit dem eigenen Leid dann ja noch weiter dramatisiert, verdichtet und vereinfacht.
Vielleicht bin ich daher einfach nicht der richtige, um den neuen Film von Adrian Goiginger auf der Grundlage des autobiografischen Beststellers von Barbara Pachl-Eberhart zu rezensieren. Meine Kollegin Melanie hat neulich eine wirklich sehr nette und trotzdem informative Kritik zu „Song Sung Blue“, einer von vielen Verfilmungen autobiografischer Schicksalsgeschichten in letzter Zeit, verfasst. Und Peter hat reizend über einen Film mit lauter Clowns geschrieben … Ach so, die Protagonisten in „Extrawurst“ waren alle gar keine Clowns? Sie haben sich bloß so benommen? Sorry, mein Fehler. Ähm, … dann müssen unsere Leser*innen eben mit meinen Betrachtungen von „Vier minus drei“ vorliebnehmen.
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Regisseur Adiran Goiginger („Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“) und der Drehbuchautor Senad Halilbašić („7500“) zeigen Mut und Einfallsreichtum, nicht nur bei der Wahl ihrer Vorlage. Sie setzen den Schicksalsschlag gleich an den Anfang des Films und unterbrechen die Haupthandlung immer wieder mit Rückblenden, in denen Barbaras Leben vor dem Unfall ausgiebig gezeigt wird. So lernen wir die Hauptfigur sehr gut kennen. Und genau damit sorgen sie für ein wesentliches Problem ihres Films. Denn hier wäre weniger sicher mehr gewesen.
Im Laufe dieser vielen Rückblenden erfahren wir, wie Barbara sich nur der Clownerie zugewandt hat, weil sie die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule nicht geschafft hat. Wir bekommen gezeigt, wie sie ihre Clownsfigur findet und erfindet. Leider besteht diese Figur nur aus leidlich bunten Klamotten und einem Schweizer Akzent und sonst nix. Für den Schweizer Akzent wird in diesem Film, in dem ansonsten nun wirklich alles erklärt wird, übrigens nie eine Erklärung oder Begründung geliefert (wenn ich raten müsste, würde ich tippen, Barbara hatte einfach keinen anderen Akzent drauf).
Ich bin am Leben
Die vielen Rückblenden lassen uns Barbara sicher sehr gut kennenlernen. Aber was wir da kennenlernen, ist weder besonders originell noch besonders interessant und leider auch nicht besonders sympathisch. Dieser Eindruck wird in der Haupthandlung nicht besser. Natürlich kann Barbara die Ansichten ihrer unsensiblen Schwiegermutter nicht teilen. Aber ist die nicht auch eine trauernde Mutter (und Großmutter), die auch einfach nur auf ihre Art mit dem Verlust zurechtzukommen versucht? Barbara (und damit der Film) zeigt auch keinerlei Verständnis für einen Vorgesetzten, der sie natürlich nicht als Klinikclown mit kranken und vielleicht todkranken Kindern arbeiten lassen kann, nachdem ihr Bericht über den Tod ihrer Kinder in der Zeitung erschienen ist. Ebenso wenig wie für eine – zu recht – besorgte Freundin und andere wohlmeinende Figuren, die sie bloß von ihrem Leid ablenken.
Einen noch schlimmeren Bärendienst erweist die Ausführlichkeit der Rückblenden der Figur des verstorbenen Ehemanns Heli. Mit jeder einzelnen der viel zu langen und viel zu gründlichen Rückblenden wird uns dieser Heli ebenfalls immer unsympathischer. Es ist schlimm genug, wenn er uns eine seiner langweiligen Clownsnummern viel zu lang vorführen darf. Aber was hat die Filmemacher dazu bewogen, ihn diese Nummer dann nochmal im Dialog erklären zu lassen, als wäre sie das Tollste seit der Erfindung der roten Nase? Ihn dann noch Dialogzeilen wie „Ich bin ein Clown, verdammt nochmal! Ich will doch nicht erwachsen sein!“ aufsagen zu lassen, hilft weder der Figur noch dem Film.
Wie bei den Rückblenden wäre auch beim Dialog vielleicht weniger mehr gewesen. Sätze wie, „Es tut so gut, das Leben in all seinen Facetten zu spüren“ klingen in ihrer banalen Offensichtlichkeit beinahe ironisch. Aber Zeilen wie, „Ich habe meine Reise hinter mir, auch spirituell. Reiki, Meridian-Technik, Tantra, …“ oder „Danke, dass Du Deinen Schmerz mit der Welt teilst“ und ganz besonders mein Lieblingszitat über Clowns, „Im Vergleich zur Schauspielerei ist das Besondere, dass man sein Leben lang an einer Figur arbeitet“ haben die Grenze zur Ironie längst fröhlich winkend und in roten Clownsschuhen Größe 91 vor sich hin stolpernd hinter sich gelassen.
Das Drehbuch lässt also wenig sympathische Figuren banalen bis ungewollt ironisch klingenden Dialog aufsagen. Und die Regie fängt das alles in freudlos grauen Bildern ein, die an einen Tatort aus Gelsenkirchen erinnern. Hier gibt es für die begabten Darsteller*innen nichts zu gewinnen. Robert Stadlober hat bereits in jungen Jahren in Filmen wie „Sonnenallee“ und „Crazy“ beachtliches Talent gezeigt. Es liegt also vermutlich kaum an ihm, wenn man von seiner Figur gerne sehr viel weniger gesehen hätte.
Valerie Pachner ist eine erfolgreiche Bühnenschauspielerin, hat aber auch z.B. mit Terrence Malick „Ein verborgenes Leben“ gedreht. Sie zeigt noch größeren Mut als Regisseur und Drehbuchautor und man kann nur staunend beobachten, wie sie sich kopfüber und ohne jede Zurückhaltung in die Darstellung einer Figur stürzt, die uns in ihrer Egozentrik leider einfach nie sympathisch werden kann. Valerie Pachner ist sich für nichts zu schade, will sich nie beim Publikum anbiedern. Sie bleibt der Figur und ihrer Geschichte verpflichtet, bis zu einem kaum noch erträglichen Doktorspiel mit Clown, bis zu einer weiteren witzlosen Clownsnummer, bis zum bitteren Ende. Weil Barbara nur leidet und sich nur mit ihrem eigenen Leid beschäftigt, leidet auch Valerie Pachner. Und das Publikum muss mitleiden.
Fazit
Clowns tun so, als wäre es schon lustig, wenn jemand hinfällt. Autobiografische Schicksalsgeschichten tun so, als wäre es schon dramatisch, wenn jemandem Schlimmes widerfährt. Ein Film, der diese beiden Annahmen miteinander verbindet, wird schnell anstrengend. Und was am Ende rauskommt, ist weder die Anstrengung der Filmemacher noch die des Publikums wert.
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