Das Dream-Team aus Drehbuchautor und Hauptdarsteller von „Nobody“ ...
... hat wieder zugeschlagen …
Finished with my woman ´cause she couldn’t help me with my mind …
Ulysees ist ein Fremder im beschaulichen Städtchen „Normal“. Er ist vorübergehend hier beschäftigt, als Interims-Sheriff nach dem Tod des langjährigen Amtsinhabers und nur bis ein Nachfolger gewählt wurde. Und das obwohl die ganze Bevölkerung von „Normal“ ein gefährliches Geheimnis zu verbergen hat. Diese dämliche, jeder Logik widersprechende Lösung für ein Problem, das niemals eines gewesen sein sollte, ist das Beste, das sich Derek Kolstad, der Drehbuchautor von „Nobody“ als Ausgangssituation für den neuen Film mit Bob Odenkirk, den Hauptdarsteller von „Nobody“ einfallen lassen wollte …
Moment, vielleicht sollte ich mit meiner Kritik zeitlich früher ansetzen. In der Zeit bevor ich „Normal“ gesehen hatte. Für mich eine glückliche, unbeschwerte Zeit, voll naiver Hoffnung. „Nobody“ war nämlich einer der besten und originellsten Filme der letzten Jahre. Ich kann allen Leser*innen nur dringend raten, sich diesen großartigen Film von 2021 bei nächster Gelegenheit (wieder?) anzusehen. Mehr intelligente Kurzweil und Unterhaltung als dieser Film bietet eigentlich nur noch meine Rezension zu diesem Film, in der ich ausführe, warum „Nobody“ tatsächlich nichts weniger ist, als ein existentialistisches Drama und „John Wick“ für Erwachsene, die Jean-Paul Sartre gelesen haben.
Ich betrat also das Kino, in dem die Pressevorführung von „Normal“ stattfinden sollte, voll gespannter Erwartung und tiefempfundener, echter Vorfreude. Aber bereits während der allerersten Szene beschlich mich ein ungutes Gefühl, als ich das Intro zu „Paranoid“ von Black Sabbath hörte. Und bevor sich nun Fans des verstorbenen „Godfather of Metal“, „Prince of Darkness“ und Taubenmörders, Ozzy Osbourne beschweren, … Ich weiß auch, dass „Paranoid“ eine der wichtigsten Nummern der Rockmusik und ein echter Klassiker ist. Ich habe rein gar nichts gegen das Lied selbst. Ich kritisiere bloß seinen Einsatz in einem Spielfilm im Jahr 2026.
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https://cinepreview.de/index.php/item/1269-normal-kinostart-16-04-2026#sigProId7d86ff2e9f
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„Paranoid“ gehört zu einer langen Liste von Liedern, die für den Einsatz in Filmen einfach „durch“ sind. In einem Film beispielsweise zu zeigen, wie sich jemand zu den Klängen von James Browns „I feel good“ freut, den Auftritt einer Figur mit „Bad to the Bone“ zu untermalen (egal ob ironisch oder nicht) oder heitere Stimmung mit „Mr. Blue Sky“ vermitteln zu wollen, kommt einem kreativen Offenbarungseid gleich. Und daher schwante mir Böses, als ich bereits in der allerersten Szene von „Normal“ dieses Lied hörte, dessen Einsatz vor mehr als 30 Jahren in „Dazed and Confused“ noch okay war, das sein Limit bald danach in „Almost Famous“ erreicht und seither in unzähligen Filmen wie „Kong: Skull Island“ längst überschritten hat. Hinweis an alle Filmemacher weltweit: wenn ein Lied mal in einem „Angry Birds“-Film zu hören war, ist es einfach „durch“.
Nachdem die Eröffnungssequenz von „Normal“ mit einer klischeehaften Darstellung ritualisierter Gewalt innerhalb der Yakuza endete, wie wir sie auch schon Dutzende Male gesehen haben (am besten noch im unterschätzen „Black Rain“ von Ridley Scott), war mir klar: die subtile Originalität von „Nobody“ würde „Normal“ nicht zu bieten haben. Leider sollte sich im Laufe der folgenden 85 Minuten herausstellen, dass „Normal“ rein gar nichts an Originalität zu bieten hat. Weder subtil noch plump.
Der britische Regisseur Ben Wheatley hat vor einigen Jahren mit „Free Fire“ einen Film inszeniert, der bei gerade mal 90 Minuten Laufzeit, aus einer halben Stunde Exposition und einer einzigen, fast einstündigen Schießerei besteht. In „Normal“ liefert er nun 45 Minuten Set Up für nochmal 45 Minuten Gewaltszenen. Leider funktioniert schon die erste Hälfte nicht richtig und so hat die zweite Hälfte eine mehr als schiefe Ausgangssituation und fast keine Grundlage.
Problem is, I've been fooled before
Das liegt zum einen am Drehbuch von Derek Kolstad, an dem zunächst mal nichts Sinn ergibt. Die Bewohner von „Normal“ müssen samt und sonders komplette Vollidioten sein, wenn sie sich angesichts ihres überaus lukrativen aber gefährlichen Geheimnisses einen Außenseiter als Sherrif in die Stadt holen. Und spätestens wenn die Spendensammlung für das neue Rathaus einer Stadt von wenigen Tausend Einwohnern sage und schreibe 16,8 Millionen Dollar ergibt, sollte Sherrif Ulysees das FBI um Hilfe rufen. Ganz nebenbei ist der Name „Ulysses“ für einen Mann auf Reisen, ein wunderbares Beispiel für das Niveau der Scherze und den eklatanten Mangel an Subtilität des Drehbuchs.
Aber diesem Drehbuch mangelt es nicht nur an der Subtilität, sondern auch an der Originalität, die „Nobody“ zu etwas ganz Besonderem gemacht hatte. Denn die ersten 45 Minuten von „Normal“ sind nicht mehr als ein halbwegs passables „Fargo“-Imitat. Viele der Gags wirken wie verworfene Ideen der Coen-Brüder zu ihrem ewigen Meisterwerk von vor dreißig Jahren. Und wirklich witzig sind die wenigsten davon. Ich musste über das Stadtmotto schmunzeln („We like it here“). Aber bereits der Gag mit der lauten Lederjacke eines Deputy rechtfertigt sein aufwendig konstruiertes Set Up nicht annähernd. Eine Szene mit einem Elch wirkt zunächst ebenfalls wie ein Set Up, führt dann aber nirgendwohin.
Wo „Nobody“ auf wunderbare ironische Weise mit den altbekannten Klischees seines Genres gespielt hat, benutzt „Normal“ diese Klischees einfach auf komplett unironische und leider recht einfallslose Weise. Das sieht man vor allem während der zweiten letzte Hälfte des Films. Wenn hier wieder mal der Hahn einer Pistole gespannt wird, mit der doch ohnehin erst Sekunden vorher geschossen wurde, wenn während eines Kampfes wieder mal eine Sprinkleranlage ausgelöst wird, wenn wieder mal gleich mehrere verschiedene übervolle Lager voll Schusswaffen, Munition und Explosivstoffen zur Verfügung stehen, dann verkommt der Film einfach zu einem gerade mal passablen Vertreter des in den letzten Jahren so populären Subgenres „Mann-in-mittleren-Jahren-verprügelt-und-erschießt-ganz-viele-Leute“-Film.
Wenn „Normal“ wenigstens halbwegs unterhaltsam geraten ist, liegt das vor allem an der Besetzung. Henry Winkler ist eine Comedy-Legende und sein Gewicht in Gold wert. Warum weder Drehbuch noch Regie das Talent dieses Mannes richtig nutzen konnten oder wollten, müssen sie selbst wissen. Winkler wurde in jedem seiner von Happy-Madison produzierten Filme besser eingesetzt als hier.
Vor langer Zeit haben wir uns in Lena Headey in „Waterland“ verliebt. Danach war sie der Gegenpol zum wilden Testosteronüberschuss von „300“, die zweitbeste Sarah Connor der Filmgeschichte und brillierte in so unterschiedlichen Projekten wie „Dredd“, „The Purge“ und dieser Fernsehserie rund um Drachen, Inzest und Kaffeetassen. In „Normal“ macht Frau Headey das Beste aus etwas, das tatsächlich keine Rolle sondern bestenfalls ein Entwurf einer Rolle ist. Auch eine non-binäre Person namens Jess McLeod, die bisher vor allem in Fernsehproduktionen zu sehen war, schlägt sich wacker in einer Rolle, die leider wie ein interessanter, aber leider unfertiger, nachträglicher Einfall des Autors wirkt.
SPOILER: Die Stadt „Normal“ wird von Sherrif Ulysses gerettet, so wie der Film „Normal“ von Bob Odenkirk gerettet wird. Dieser großartige Darsteller hat sich spät aber doch eine Nische erobert, wenn er immer wieder in den Rollen von ganz normalen Menschen brilliert, die ein bisschen zu weit gehen und/oder getrieben werden. Wenn er uns nach „Nobody“ und „Nobody 2“ nun auch in dieser mittelmäßigen, unoriginellen Mischung aus „idiot-plot“ und alten Filmklischees nicht nur wieder überzeugen sondern sogar begeistern kann, ist das ein erneutes Zeugnis seines ganz besonderen Talents.
Fazit
Das Dream-Team aus Drehbuchautor und Hauptdarsteller von „Nobody“ hat wieder zugeschlagen. Aber leider ist das Ergebnis nur wenig traumhaft. Bob Odenkirks Leistung wertet diese gerade mal passable Mischung aus „Fargo“-Imitat und „Mann-in-mittleren-Jahren-verprügelt-und-erschießt-ganz-viele-Leute“-Film dann doch noch auf.
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