Für bequeme Hollywood-Konfektionsware stand David Lowery noch nie. Warum sollte das ...
... bei „Mother Mary“ anders sein?
Popstar vor Comeback
Ganz in der Nähe des Kölner Ebertplatzes schlägt das Herz der Produktionsfirma augenschein, die in den letzten Jahren mit einigen auf Englisch gedrehten, prominent besetzten internationalen Gemeinschaftsprojekten auf sich aufmerksam machen konnte. Unter anderem brachte das Unternehmen den Flugzeugthriller „7500“ mit Jospeh Gordon-Levitt, das Weltraumkammerspiel „Stowaway - Blinder Passagier“ mit Anna Kendrick und Toni Collette und das dystopische Drama „The Assessment“ mit Alice Vikander und Elizabeth Olsen auf den Weg. Deutsche Expertise, gepaart mit einer Prise Hollywood, hierzulande längst keine Selbstverständlichkeit.
„Mother Mary“ heißt nun die nächste starbesetzte Independent-Produktion aus dem Hause augenschein, die die hiesigen Leinwände erreicht. Konfektionskino sollte man dabei nicht erwarten. Steht hinter dem vorwiegend in Nordrhein-Westfalen gedrehten Film doch der meistens etwas am klassischen System vorbeiinszenierende David Lowery. Wer beispielsweise bei „The Green Knight“ (2021), einem Fantasy-Drama aus dem Sagenkomplex um König Artus, ein episches Ritterspektakel erwartete, dürfte angesichts eines fast meditativen Bilderreigens gehörig auf dem falschen Fuß erwischt worden sein.
Mit „Mother Mary“ biedert sich der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor abermals nicht dem Massengeschmack an. Im Gegenteil, der Genremix fordert das Publikum heraus, bietet sicherlich auch Angriffsfläche, hat aber eine seltsam faszinierende Anziehungskraft. Was hier visuell und darstellerisch abgefeuert wird, ist allemal bemerkenswert – auch wenn die Beteiligten ihr Können manchmal etwas zu demonstrativ ausstellen.
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Im Kern serviert uns Lowery ein Zwei-Personen-Stück, das die komplizierte Beziehung zwischen der titelgebenden (fiktiven) Popikone (Anne Hathaway) und ihrer früheren Modedesignerin Sam Anselm (Michaela Coel) seziert. Als Mother Mary nach einer unfallbedingten Auszeit vor ihrem Bühnencomeback steht, wird sie von Panik erfasst. Einzig Sam kann das perfekte Kleid für diesen Anlass konzipieren. Etwas anderes kommt für die Sängerin nicht in Frage. Das Problem: Ihre einstige Mitstreiterin ist nicht besonders gut auf sie zu sprechen. Immerhin endete ihre kreative Zusammenarbeit auf unangenehme Weise.
Eindrucksvolle Bilder
Mary versucht trotzdem ihr Glück, bekniet Sam auf deren Anwesen im englischen Hinterland (wie gesagt: gedreht in Deutschland), für sie noch einmal tätig zu werden. Denn die Zeit drängt. Bis zur Rückkehr ins Rampenlicht sind es nur noch wenige Tage. Widerwillig zieht sich die Modemacherin schließlich mit der Musikerin in eine Art Scheune, ihr persönliches Atelier, zurück. Wenig verwunderlich kochen dort schon bald die Emotionen über. Realität, Erinnerungen und Imagination verschwimmen mehr und mehr.
Hoch anrechnen muss man David Lowery, dass er genau im richtigen Moment die Kurve kriegt. Gerade als „Mother Mary“ in der Scheune zu sehr ins Dialoglastige und Theaterhafte kippt, öffnet er den filmischen Raum, die Bildebene. Vergangenheit und Gegenwart gehen fließend ineinander über. Mary und Sam stehen in dem großen Schuppen, und vor ihren Augen laufen plötzlich frühere Ereignisse ab. Es fällt schwer, sich der mit immer neuen Ideen aufwartenden Inszenierung zu entziehen. Vor allem in den Sequenzen, die die Titelheldin auf der Bühne zeigen, entsteht ein echter Sog. Pumpende Beats, irre Choreografien, zuckende Lichter und ins Ohr gehende Musiknummern (verantwortlich: Jack Antonoff und Charli XCX sowie FKA Twigs, die auch vor der Kamera zu sehen ist) erwecken tatsächlich den Eindruck, einer Popgröße à la Taylor Swift oder Lady Gaga bei der Arbeit zuzuschauen.
Spannend auch, wie der Film das Starphänomen umkreist, welche, teils kreativen, Fragen die Konfrontation zwischen Mary und Sam anschneidet: Was macht große Showkünstler aus? Wie entsteht eine Marke? Wessen Erfahrungen fließen in sie ein? Und wie bleibt man in der Glitzerwelt geistig gesund? Nach dem Kinobesuch gibt es auf jeden Fall einiges zu diskutieren. Nicht zuletzt, weil Lowery seine auch erotisch aufgeladene Beziehungsgeschichte in esoterische und horrorartige Gefilde ausdehnt. Dass Geister ihn faszinieren, zeigte schon sein sperrig-originelles Trauerdrama „A Ghost Story“ aus dem Jahr 2017. Auch in „Mother Mary“ spielt eine übersinnliche Präsenz eine zentrale Rolle. Nicht alle Zuschauer werden damit etwas anfangen können. Bisweilen wirkt das Ganze prätentiös. Mangelnde Experimentierfreude kann man dem Macher aber sicher nicht vorhalten.
Was dem Publikum das Eintauchen auf jeden Fall erleichtert, sind die Performances der beiden Hauptdarstellerinnen. Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway verleiht Mary auf der Bühne die nötige Starpräsenz, wirkt auf der Gegenwartsebene zugleich glaubhaft angegriffen und unsicher. Absolut überzeugend pendelt auch Michaela Coel, seit ihrer Serienschöpfung „I May Destroy You“ (2020) eine der gefragtesten britischen Branchenköpfe, zwischen Stärke und Verletzlichkeit. Wem das Drumherum auf die Nerven geht, kann sich zumindest an intensivem Schauspielkino erfreuen.
Fazit
Musikfilm, Beziehungsdrama, Spukgeschichte und Metakommentar aufs Popgeschäft – „Mother Mary“ will vieles sein, hat durchaus seine Schwächen, zieht einen aber immer wieder rein in den Strudel aus Emotionen, Eitelkeiten, Bildern und Tönen.
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