One Life - Kinostart: 28.03.2024

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Einer der besten Darsteller der Filmgeschichte, in einem Film der eine der ...
 
... berührendsten Geschichten eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit erzählt, ... „One Life“ hat einiges zu bieten.
 
Based on a true story
 
Nicholas Winton ist mit weit über Siebzig noch sehr rüstig. Er engagiert sich ehrenamtlich und hält seine geliebte Frau auf Trab. Und demnächst wird er sogar zum ersten Mal Großvater. Aber in einer alten Aktentasche in seinem Schreibtisch bewahrt er ganz besondere Dokumente auf. Als junger Mann hat er 1939 die Ausreise Hunderter Kinder hauptsächlich jüdischer Abstammung aus der damals bereits teilweise vom Dritten Reich besetzen Tschechoslowakei organisiert und sie an Pflegefamilien in Großbritannien vermittelt. Sollte diese Geschichte nie erzählt werden?
 
Wie jeder vernünftige Mensch, sehe ich lieber gelungene Filme als weniger gelungene. Und auch als Filmkritiker rate ich unseren Leser*innen lieber zu gelungenen Filmen als ihnen zu erläutern, wegen welcher Defizite sich der Kauf von Kinokarten eher nicht lohnt. Daher tut es mir immer leid, wenn ein Film hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
 
Im Fall von „One Life“ tut es mir nicht nur doppelt, sondern dreifach leid. Es tut mir doppelt leid, weil ich Anthony Hopkins seit langem schätze. Dieser großartige Menschendarsteller hat schon so manchen schwachen Film aufgewertet und es ist immer eine Freude, ihn auf der Leinwand zu sehen.
 
Es tut mir dreifach leid, weil das Thema des Films ebenso berührend wie wichtig und aktuell ist. Diese Geschichte eines einfachen, bescheidenen Mannes, der die Rettung so vieler Leben als etwas Selbstverständliches betrachtet hat, der nie stolz auf seine Taten war, sondern immer bedauert hat, nicht mehr erreicht zu haben, können eigentlich gar nicht genug Leute zu sehen bekommen. Aber wie der große Roger Ebert einmal meinte, “It’s not what a movie is about, it’s how it is about it.”.
 
Das Drehbuch, das Autorin Lucinda Coxon („The Danish Girl“) zusammen mit Jungautor Nick Drake verfasst hat, macht nichts wirklich falsch. Es macht aber auch nur wenig wirklich richtig. Die Parallel-Erzählung der Geschichten der Arbeit von Nicholas Winton und seinen Mitstreitern 1939 und wie diese Arbeit fünf Jahrzehnte später gewürdigt werden konnte, funktioniert durchaus. Beide Geschichten werden linear erzählt und die wichtigsten Punkte beider Geschichten werden der Reihe nach abgehakt.
 
Aber am Ende des Filmes kann man nicht ignorieren, wie vieles unter den Tisch gefallen ist. Wir sehen Nicholas Wintons Mitstreiter im Prag des Jahres 1939. Aber wir lernen keinen von ihnen wirklich kennen. Wintons resoluter Mutter haben die beiden Autoren eine kurze Dialogszene geschrieben, die gerade mal den Unterschied zwischen einer Nebenfigur und einer Statistenrolle ausmacht. Über die Frau, mit der Nicholas Winton fünfzig Jahre nach Kriegsende verheiratet ist, erfahren wir, dass sie es gerne hätte, wenn ihr Mann etwas ordentlicher wäre. Das trifft auf meine Frau genauso zu.
 
An einer Stelle des Films sprechen der junge Nicholas Winton und seine Kolleg*innen darüber, eine „Army of the Ordinary“ zu brauchen, um den Kindern helfen zu können. Ein wunderschöner Gedanke. Aber wir erfahren nichts über die vielen Helfer. Keine einzige Szene befasst sich mit den vielen Hundert britischen Familien, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs bereit waren, wildfremde Kinder auf unbestimmte Zeit bei sich aufzunehmen. Wir erfahren gar nichts über die vielen gewöhnlichen Menschen, ohne die diese wunderbare Rettungsaktion unmöglich gewesen wäre.
 
Regisseur James Hawes hat bisher vor allem Fernsehfilme und -serien inszeniert. Er arbeitet hier ähnlich wie die beiden Drehbuchautoren und hakt die wichtigsten Punkte der Geschichte ab, als hätte er eine Checkliste abzuarbeiten. Ja, wir sehen das Elend in den Flüchtlingsunterkünften 1939. Wir sehen die Helfer Namenslisten verbrennen, damit sie nicht der Gestapo in die Hände fallen. Wir sehen Nazischergen Züge kontrollieren und den letzten der geplanten Züge nicht mehr abfahren lassen. Und natürlich wirkt das alles furchtbar. Der Wahnsinn und die Sinnlosigkeit der größten und grausamsten Vernichtungsmaschinerie aller Zeiten werden jeden Menschen, der über Herz und/oder Hirn verfügt, immer wieder erschrecken. Das Schicksal so vieler unschuldiger Opfer wird uns immer wieder verzweifeln lassen.
 
Aber davon abgesehen zeigt uns Regisseur James Hawes nichts, was wir so oder so ähnlich nicht bereits leider in vielen anderen Filmen gesehen hätten.
 
Auch die Geschichte des älteren Nicholas Winton weißt so viele Lücken auf, dass sie unvollständig und fragmentarisch wirkt. Warum hatte es fünf Jahrzehnte gebraucht, bis diese Geschichte erzählt wurde? Nur mit der Bescheidenheit der Hauptfigur ist das kaum zu erklären. Wo waren all die Helfer von 1939 in den Jahrzehnten danach? Warum haben sie bis zu ihrem Tode geschwiegen?
 
Natürlich ist diese Geschichte von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft heute leider aktueller denn je. Aber eine Szene, in der wir eine Radiomeldung über die drohende Abschiebung von Tamilen aus Großbritannien hören, bleibt ohne jeden Anschluss oder Auflösung im Verlauf des Films. Wenn am Ende Kinder im Pool spielen, mag das als Happy End für die im Bild gezeigten Figuren ausreichen. Aber auch die Welt von 1988 war für Millionen Menschen ein gefährlicher Ort. Und 2024 sieht das nicht besser aus.
 
 
We cannot let these people down
 
Das Drehbuch gibt den Darsteller*innen nur wenig mehr zu tun als erklärenden Dialog zu sprechen. Johnny Flynn („Die Täuschung“) als junger Nicholas Winton muss diesen Dialog besonders dringlich vortragen und Angst um die Kinder zeigen. Dasselbe gilt für die anderen Darsteller der Helfer von 1939. Helena Bonham Carter („Ocean’s 8“) darf als Mutter Winton dazu noch schlagfertig sein. Mehr gibt es aber auch für sie nicht zu tun.
 
Die großartige Lena Olin („Romeo is Bleeding“) verschwendet Ihr Talent in der Rolle von Nicholas Wintons Ehefrau unter einer Maske, die nur betont und nicht verbirgt, wie fehlbesetzt Olin ist. Jonathan Pryce („Ronin“) hat einen kurzen Auftritt und es gibt ein Wiedersehen mit Marthe Keller („Der Marathon-Mann“). Aber auch diese beiden Legenden tragen nur ihren Dialog vor und gehen dann ab.
 
Wenn der Film doch halbwegs sehenswert ist, dann unter anderem wegen Anthony Hopkins. Der spätere Sir Anthony konnte bereits in einem seiner ersten Spielfilme, „Der Löwe im Winter“, an der Seite von Legenden wie Peter O’Toole und Katharine Hepburn überzeugen. Seither haben wir ihn in einigen Meisterwerken („Das Schweigen der Lämmer“, „Was vom Tage übrig blieb“, „The Father“) gesehen, aber auch in Blockbustern („Bram Stoker’s Dracula“, „Transformers: The Last Knight“, „Thor: Tag der Entscheidung“) und in einigen wirklich misslungenen Filmen („Freejack“, „Bad Company“, „The Son“). Nicht nur in diesen misslungenen Filmen waren Hopkins Leistungen regelmäßig das Beste am ganzen Film.
 
Ich möchte unsere Leser*innen an „Die Brücke von Arnheim“ erinnern, ein überlanges Kriegsspektakel voller Heldenverehrung, undifferenzierter Gewaltdarstellungen und Sentimentalität in dem alles mitspielen durfte, was zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Rang und Namen hatte. Michael Caine, Edward Fox, Dirk Bogarde und Sean Connery zeigten, dass britische Offiziere allesamt Gentlemen waren, während Robert Redford, James Caan, Elliott Gould und Ryan O’Neal als G.I.s natürlich alle Cowboys waren. Liv Ullmann und Sir Laurence Olivier zeigten uns, dass Zivilisten im zweiten Weltkrieg alle tapfer waren. Und alle gemeinsam zeigten uns, wie wenig Leistung man für sehr viel Gage erbringen konnte.
 
Inmitten dieser Riege von Weltstars und Legenden zeigte nur Anthony Hopkins eine sensible schauspielerische Leistung. Seine Darstellung des Offiziers, der sich um seine eingeschlossene Truppe sorgt, berührte uns als einzige menschliche Qualität dieses überlangen, überteuren Machwerks. Nur Hopkins hat es geschafft, zwischen all den Panzern, Flugzeugen, Explosionen und überbezahlten und unterforderten Hollywoodstars einen echten Menschen und seine Entwicklung auf die Leinwand zu bringen.
 
Genau diese Qualität Hopkins ist es, mit der er ganz allein auch „One Life“ vor der Mittelmäßigkeit rettet. Wie bereits beschrieben, hakt das Drehbuch nur die wichtigsten Punkte der Geschichte des gealterten Nicholas Winton der Reihe nach ab und liefert uns praktisch nichts, das uns diese Figur näher kennenlernen ließe. Wenn uns dieser feine, ältere Herrn trotzdem recht schnell vertraut wirkt, dann ist das allein Hopkins Verdienst.
 
Hopkins kann natürlich nicht die erzählerischen Lücken füllen. Die Geschichte seiner Figur bleibt ein Fragment. Der wikipedia-Artikel zu Nicholas Winton ist informativer als dieser Film. Aber Hopkins füllt ganz alleine die emotionalen Lücken des Drehbuchs. Mit feinsten Veränderungen seines Gesichts, kleinsten Bewegungen seines Körpers, kaum wahrnehmbaren Reaktionen auf sein Gegenüber und seine Umwelt, lässt er uns in jeder Szene mitfühlen, wie es seiner Figur gerade ergeht, wie sie sich fühlt. Wenn wir recht bald mit diesem alten Mann mitfühlen und ihn am liebsten gar nicht mehr verlassen möchten, dann nur weil Hopkins hier eine Darstellung zeigt, die das Drehbuch so gar nicht anbietet.
 
Hopkins Darstellung ist offensichtlich zum allergrößten Teil sein Werk. Das Drehbuch hat ihm dafür kaum mehr als ein Gerüst geboten. Und der ganze Rest des Films verrät, wie gering auch der Beitrag der Regie zu Hopkins‘ Leistung wohl zu bewerten ist. Wenn dieser Film doch noch sehenswert ist, dann nur wegen Hopkins‘ Darstellung. Wenn der Film doch noch interessant ist, dann nur weil Hopkins zeigt, was gute Schauspieler von großartigen Schauspielern unterscheidet. Großartige Schauspieler können sich selbst über schwaches Material erheben.
 
 
Fazit
 
Dieser Film erzählt eine der berührendsten Geschichten eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit leider recht uninspiriert und lückenhaft. Ein einfacher, bescheidener Mann hat 1939 Hunderte Kinder gerettet. Und einer der besten Darsteller der Filmgeschichte hat diesen Film gerettet.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: James Hawes
  • Drehbuch: Lucinda Coxon
  • Besetzung: Anthony Hopkins, Johnny Flynn