Isst eigentlich irgendjemand wirklich gerne in einem Food-Court?
Everyone has weaknesses
(Achtung die folgenden Absätze enthalten Spoiler für alle Leser*innen, die erst gestern aus langjähriger Kerkerhaft entlassen wurden) Soundsoviele Jahre nach “Spider-Man: No Way Home” haben MJ und sein bester Kumpel immer noch keine Erinnerung an Peter Parker, der ganz allein in New York für Recht und Ordnung sorgt undsoweiterundsofort, … neuer Feind, neue Verbündete, et cetera, … irgendwas mit neuer Regierungsorganisation, blablabla, … Bösewicht ist vielleicht doch nicht so böse und die Guten sind vielleicht doch nicht so gut, … und zweieinhalb Stunden später endet ein weiteres Abenteuer dieses Spider-Man mit einer der unwitzigsten Post-Credit-Szenen des MCU und irgendwie ist das alles schon in Ordnung, aber so richtig toll war nichts von alldem.
Der, … Momentchen, mal nachzählen, … vierte Spider-Man-Solo-Film mit Tom Holland und der, … pfh, … 38. Spielfilm (!) des Marvel Cinematic Universe erinnert ein bisschen an einen Food-Court. Für alle die mit dem Konzept nicht vertraut sind: Food Courts gibt es meistens in Einkaufszentren. Mit ihrem zentralen Sitzbereich, in dem man sich von verschiedenen Restaurants und Anbietern Speisen und Getränke holen kann, befreien sie die Gäste von der schwierigen Auswahl eines einzigen Restaurants. Kleine Kinder bekommen ihre Junior-Tüte von McDonalds, Mama holt sich einen Salat beim Italiener, die ältere Tochter kann Sushi essen, der Papa holt sich gebratene Nudeln beim Thai-Imbiss und trotzdem können alle am gleichen Tisch sitzen und miteinander essen.
Und auch „Spider-Man: Brand New Day“ bietet für jeden nur möglichen Kinofan etwas. Es gibt eine gehörige Portion aufwendig inszenierte Action, die aber nie so richtig gefährlich oder gar bedrohlich und damit oft nur so halbwegs spannend wirkt. Für Exotik sorgt hier eine Gruppe asiatisch anmutender Gegner. Die Auseinandersetzung zwischen ihnen und Spider-Man erinnert an Wuxia-Klassiker wie „Tiger and Dragon“. Die Bilder sind den Vorbildern technisch sicher weit überlegen, erreichen aber nie wirklich deren poetische Brillanz.
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Es gibt natürlich jede Menge Fanservice, für die Leute die sich nicht nur die Serie über die Lohnbuchhaltung von S.H.I.E.L.D., sondern auch die Cartoons über die Marvel-Babys angesehen haben. So ist jetzt Frank Castle, „The Punisher“, Spider-Mans neuer Buddy und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Auswahl der Figur mit dem Marktwert des Darstellers zu tun hatte. Dass Bruce Banner/The Hulk auch wieder kurz mit dabei ist, hat bereits der Trailer verraten. Im gleichen Trailer sieht man auch, dass eine der Figuren andere Menschen telepathisch kontrollieren kann und manchmal kann man zwei und zwei einfach zusammenzählen.
Dazu kommt noch eine Portion dessen, was im modernen Blockbusterkino für Romantik oder Drama durchgeht. Gerade diese Szenen funktionieren am besten, wenn man keine Sekunde über sie nachdenkt. Dann gibt es noch einige witzige und jede Menge halbwitzige bis mittelmäßige Gags. Mir gefiel am besten die Szene, in der sich Peter Parker der Befragungsmethoden von Inspector Columbo bedient, aber ich bin auch der alte Mann, der sich im Food Court die gebratenen Nudeln holt. Daher meine ich auch, die Szenen im Büro der neuen „Black Widow“ wären viel witziger gewesen, wenn an ihrer Stelle zum Beispiel der „Red Guardian“ im Gemeinschaftsbad gezeigt worden wäre. Aber bei Marvel ist man mittlerweile offensichtlich verzweifelt und hat sich daher daran erinnert, wieviel erfreulicher der Anblick der badenden Florence Pugh auf viele Fans wirkt als vielleicht der ihres Filmvaters David Harbour. Dieser Food Court hat also jetzt sogar eine Filiale von „Hooters“.
Whatever this is, you need to fix it
Technisch ist das alles wirklich gut gemacht. Auf Spuren von Inspiration oder Originalität in der Inszenierung kann man lange warten. Regisseur Destin Daniel Cretton hat schon mit „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ gezeigt, dass er ein brauchbarer Handwerker ist, aber wohl nie ein Künstler werden wird. Das Drehbuch von Chris McKenna, Erik Sommers (beide haben bereits an den Büchern zu den letzten drei „Spider-Man“-Filmen mitgearbeitet) und Justin Kuritzkes („Challengers“) kann man getrost vergessen. Dass Peter langsam erwachsen werden muss, wissen wir bereits seit zwei Filmen. Und die Logiklöcher dieser neuesten Story sind so groß, durch die kann The Hulk aufrecht durchlaufen und dabei noch Thanos auf seinen Schultern reiten lassen.
Die Darsteller sind fast alle längst mit ihren Rollen vertraut. Das gilt vor allem Tom Holland, der spätestens beim nächsten Film bitte aufpassen muss, dass aus Routine nicht Langeweile wird. Die Rolle von Neuzugang Tramell Tillman („Mission: Impossible – The Final Reckoning”) ist viel zu unergiebig, um seine darstellerische Leistung zu bewerten. Eine noch unbekannte junge Schauspielerin namens Sadie Sink spielt eine Rolle, über die wir nicht zu viel verraten wollen, durchaus sympathisch und interessant. Wenn ich Sadie Sink mit zwei völlig willkürlich und zufällig ausgewählten anderen Schauspielerinnen vergleichen müsste, würde ich sagen, sie spielt ihre Rolle sehr viel sympathischer als zum Beispiel Sophie Turner, aber noch nicht ganz so interessant wie Famke Janssen.
Fazit
Ein Film wie Essen im Food Court. Die Fülle des Angebots bietet für alle und jeden etwas. Doch im Food Court wird zwar vieles, aber dann eben leider nicht immer unbedingt alles mit Liebe und Kreativität und aus den allerbesten Zutaten gekocht.
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