What happens later - Kinostart: 16.05.2024

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Meg Ryan hat ihren zweiten Film als Regisseurin gedreht, sich selbst in ...
 
... der Hauptrolle besetzt und das Ganze ist auch noch eine romantische Komödie, die sich ganz klar auf die Filme von Nora Ephron bezieht, mit denen Ryan vor Jahrzehnten berühmt geworden ist ...
 
You have a disturbing appetite for chaos
 
Irgendwo auf einem amerikanischen Provinzflughafen treffen Wilhelmina und Wilhelm aufeinander, weil ihre beiden Flüge umgeleitet wurden. Die beiden waren vor 25 Jahren ein Liebespaar und haben einander seither nicht mehr gesehen. Leider sind diese beiden einzigen handelnden Personen des Films zwei furchtbar unsympathische, unreife Egozentriker, die auch nach 25 Jahren keinen Abstand zu irgendetwas gewonnen haben, weshalb sie einander und dem Publikum recht schnell mit feindseligen Sticheleien auf die Nerven gehen und ich habe schon gar keine Lust mehr, noch mehr von dem wiederzugeben, was der Film anstelle einer Handlung zu bieten hat.
 
Regelmäßige Leser*innen von cinepreview.de kennen das: immer wenn ein Film eher misslungen und/oder nur mäßig interessant ist, schreibt der alte Mann von cinepreview.de zunächst mal eine Weile über alles Mögliche: natürlich über andere, bessere und interessantere Filme, aber auch gerne über Autos, Hunde, meine Frau und Eva Green. Aber nicht diesmal.
 
„What happens later“ von und mit Meg Ryan ist eine so durch und durch unangenehme Erfahrung, jeder Vergleich mit anderen Filmen würde diesen Film in einem Maße aufwerten, wie er es einfach nicht verdient. Kein Auto war je so schlecht, dass man es mit diesem Film vergleichen könnte, denn so ein Fahrzeug Insassen während der Fahrt Schmerzen bereiten und gleichzeitig ans falsche Ziel bringen. Hunde, meine Frau und (ich gebe es gerne zu) auch Eva Green, liegen mir viel zu sehr am Herzen, als dass ich sie mit etwas so Furchtbarem wie diesem Film in Verbindung bringen möchte.
 
Alles wirklich alles an „What happens later“ ist furchtbar. Furchtbar misslungen. Furchtbar dilettantisch. Furchtbar fehlgeleitet. Furchtbar anstrengend. Ich habe während der Pressevorführung zu diesem Film etwas getan, was ich noch nie getan habe: ich bin einfach mal ein paar Minuten rausgegangen und habe vor dem Kino frische Luft geschöpft. Ich musste verschnaufen. Ach was, ich musste mich erholen. Dieser Film war emotional so anstrengend, ich habe mich körperlich unwohl gefühlt.
 
Das Drehbuch hat Meg Ryan zusammen mit einem unbekannten Drehbuchautor namens Kirk Lynn und Steven Dietz auf der Grundlage eines Zweipersonenstücks von Dietz verfasst. Und natürlich muss so ein Drehbuch nach einem Theaterstück dialoglastig ausfallen. Aber in einem solchen Film muss der Dialog dann eben witzig sein („The Sunny Boys“), oder spannend („Mord mit kleinen Fehlern“) oder berührend („Nacht, Mutter“). Die Dialoge von „What happens later“ bieten so einiges: unangenehme Gehässigkeiten, ekelhaftes Selbstmitleid und kompletten Unsinn. Witziges, Spannendes oder Berührendes bieten sie nicht.
 
Ich habe schon mehrmals in meinem Leben ehemalige Partnerinnen getroffen und nehme an, die geneigten Leser*innen sind auch schon mal jemandem begegnet, mit dem sie vor längerer Zeit liiert waren. Aber keine(r) von uns hat sich bei einer dieser Gelegenheiten jemals so kleinlich, so lächerlich feindselig benommen, wie die beiden Hauptfiguren dieses Films. Zunächst versuchen die beiden, so zu tun, als hätten sie einander nicht gesehen. Diese Szenen wurden von Ryan so plump inszeniert, man möchte bereits an dieser Stelle den Kinosaal verlassen.
 
 
Im Gespräch miteinander lassen diese beiden Charaktere schnell jede Höflichkeit, jeden Anstand, jeden Respekt füreinander und jeglichen Abstand zu lange zurückliegenden Erlebnissen vermissen. Zwei Siebzehnjährige, die einander am Tag nachdem sie Schluss gemacht haben begegnen, könnten sich unmöglich unreifer aufführen. Ein erwachsener Mensch, der jemandem, den er/sie Jahrzehnte nicht gesehen hat, nach wenigen Minuten Sätze wie „You were never good at sharing“ hinwirft, sollte nicht frei herumlaufen dürfen. Der Dialog in diesem Film ist so gehässig, so feindselig, die beiden Hauptfiguren quittieren ihre Gehässigkeiten an mehreren Stellen tatsächlich mit einem lauten „Ha!“.
 
Wenn die beiden Hauptfiguren einander nicht gerade angiften, ergehen sie sich in furchtbar anstrengendem Boomer-Selbstmitleid. Moderne Musik ist furchtbar, der jüngere Vorgesetzte ist furchtbar, die Art wie die Menschen heute sprechen ist furchtbar, ... einfach alles, was nicht mehr ganz so ist, wie während der Zeit als diese zwei Hauptfiguren jung waren, ist furchtbar.
 
Dieses ganze ekelhafte „früher war alles besser“ wirkt umso schräger, weil die Chronologie des Films keinen Sinn ergibt. Im Dialog (an dem, das wollen wir mal nicht vergessen, Meg Ryan mitgeschrieben hat) wird immer und immer wieder der Eindruck erweckt, die beiden Protagonisten wären 50 Jahre alt. Die Trennung ist 25 Jahre her, sie waren damals gerade mal 25 Jahre alt, sie waren beide noch auf dem College, usw.
 
Aber Meg Ryan ist 62 und David Duchovny ist 63 Jahre alt. Und auch wenn vor allem Frau Ryan in der Vergangenheit verzweifelte Gegenmaßnahmen ergriffen hat, man sieht den beiden jedes Jahr an. Meg Ryan sieht ein bisschen wie die Großmutter des Jokers aus. Wenn Duchovnys Figur im Film zu ihr meint, „You look the same“, sorgt er damit für den einzigen Lacher des Films. Und David Duchovny sieht so sehr wie Walter Matthau aus, ich würde ihn wirklich gern mit U-Bahnentführern verhandeln oder eine Little League-Baseballmannschaft trainieren sehen.
 
Alles wäre besser, als ihn Gehässigkeiten, Selbstmitleid und Unsinn mit Meg Ryan austauschen zu sehen. Die Dialoge sind so unerträglich dumm und die beiden Hauptpersonen dieses Films sind so furchtbar unsympathisch, wenn die Handlung dann nach einer Stunde ein oder zwei absolut vorhersehbare Wendungen erfährt, ist uns das alles längst mehr als gleichgültig. Hätte ich den Gesprächen dieser beiden Personen tatsächlich auf einem Flughafen zugehört, hätte ich den Sicherheitsdienst gerufen und behauptet, sie hätten sich über ein Attentat unterhalten, bloß damit die beiden nicht am Ende noch im gleichen Flugzeug wie ich sitzen. Niemand kann vom Publikum verlangen, am Schicksal solcher Figuren Anteil zu nehmen.
 
Even your silent treatment is noisy
 
Wenn das von Meg Ryan mit-verfasste Drehbuch schrecklich ist, ist ihre Regie einfach nur dilettantisch. Als Establishing Shot für den namenlosen Flughafen lässt sie ein generisches Standbild eines Flughafens einblenden, für dessen Verwendung man von jeder Filmhochschule relegiert würde. Dieses Standbild lässt sie im Verlauf des Films noch weitere Male einblenden, zuweilen fallen darauf Schneeflocken, die an eine App auf einem älteren Smartphone erinnern. Unter Ryans Regie parken große Verkehrsflugzeuge näher aneinander als Familienkutschen auf einem ALDI-Parkplatz. Das und vieles mehr wirkt alles einfach nur lächerlich unbeholfen.
 
Egon Friedell schrieb einmal, „Dilettantismus und ehrliches Kunstbemühen schließen einander nicht aus“. Aber Friedell musste auch nie „What happens later“ sehen. Wie wenig Einsicht in die Kunst des Filmemachens Meg Ryan hat, lässt sie am Ende ihres Films erkennen, wenn sie die Widmung, „For Nora“ einblenden lässt. Damit ist ganz klar die leider 2012 verstorbene Nora Ephron gemeint, die Drehbuchautorin von Meg Ryans größten Erfolgen „Harry und Sally“, „Schlaflos in Seattle“ und „e-m@il für Dich“ (bei den beiden letzten hat Ephron auch Regie geführt).
 
Ephrons Filme waren natürlich auch Kitsch und die von ihr erfundenen Figuren auch alle Egozentriker. Ich würde z.B. weder Harry noch Sally im realen Leben kennenlernen wollen und bin bis heute überzeugt, die beiden waren nach drei, höchstens vier Jahren wieder geschieden. Aber Nora Ephron wusste was sie tat. Selbst ihre schwächsten Filme („Lifesavers“, eindeutig „Lifesavers“. „Michael“ war sehr schwach. Aber „Lifesavers“ funktioniert leider gar nicht richtig.) waren in ihren schwächsten Szenen noch immer als Werk einer echten Künstlerin erkennbar. Was immer „What happens later“ sein soll, man sollte es nicht mit dem Werk von Nora Ephron in Verbindung bringen.
 
Weil ich diese Rezension nicht einfach so beenden und unseren Leser*innen wenigstens irgendetwas Positives mitgeben möchte: Ein wunderschöner, reifer Film über zwei Menschen, die einander vor langer Zeit nahe gestanden haben und zufällig aufeinander treffen, ist „Blue Jay“ mit der großartigen Sarah Paulson und Mark Duplass, nach einem Drehbuch von Duplass selbst. Witzig, traurig und berührend nimmt der Film sein Publikum auf eine emotionale Reise mit. Bitte schaut Euch alle „Blue Jay“ an und lasst uns alle das Objekt dieser Rezension bitte gleich wieder vergessen und nie wieder erwähnen. Wenn einige von Euch dadurch „Blue Jay“ kennenlernen, beschließen wir diesen Text wenigstens mit einem positiven Ergebnis.
 
 
Fazit
 
Keine Ahnung, was Meg Ryan mit „What happens later“ erreichen wollte. Die Zeit zurückdrehen? Ihre Karriere wiederbeleben? Eine romantische Komödie drehen? Sie ist sicher in jeder Hinsicht auf ganzer Linie gescheitert. „What happens later“ ist nicht nur einer der schlechtesten, sondern tatsächlich einer der unangenehmsten Filme der letzten Zeit.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Meg Ryan
  • Drehbuch: Steven Dietz
  • Besetzung: Meg Ryan, David Duchovny