Drive-Away Dolls - Kinostart: 07.03.2024

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Ethan Coen hat seinen ersten Film ganz ohne Beteiligung seines Bruders Joel gedreht.
 
Kann er seinen eigenen Stil gefunden haben? Oder hat er versucht, der bessere Coen-Brother zu sein?
 
I feel so bad, I got a worried mind
 
Jamie ist frech chaotisch und gerade absolut zu Recht von Ihrer Partnerin rausgeschmissen worden. Marian ist sozial ein bisschen unbeholfen und lebt ihr Leben nicht von einem Tag auf den anderen. Dieser Unterschied zwischen den beiden ungleichen Freundinnen bedeutet in einem Film wie diesem folgendes:
  1. Die zügellose, verantwortungslose Jamie muss Marian ständig vorwerfen verklemmt zu sein
  2. Die zügellose, verantwortungslose Jamie und Marian müssen gemeinsam einen Roadtrip unternehmen
  3. Die zügellose, verantwortungslose Jamie muss Marian ständig in unangenehme Situationen bringen
  4. Jamies verantwortungslose Art führt zu unnötigen Verwicklungen mit einigen Gangstern
  5. Besagte Gangster müssen komplett inkompetent sein
  6. Jamie kann während des gesamten Films einfach nicht die Klappe halten
Einige wirklich große Filmemacher haben im Lauf ihrer Karrieren selbst für ein allgemeines Nachlassen des Interesses an ihren Filmen gesorgt. Und zwar immer dann, wenn sie angefangen haben, für sie typische Filme zu machen. Woody Allen hat großartige Filme gemacht. Aber irgendwann im Laufe der Neunziger hatten die meisten von uns genug Filme über die neurotischen Beziehungen Intellektueller gesehen (komischerweise konnten die meisten von uns auch um diese Zeit nicht mehr ignorieren, was für ein merkwürdiger Mensch Woody Allen privat war, aber das ist eine andere Geschichte).
 
Vor mehr als dreißig Jahren brachte Tim Burton mit „Beetlejuice“, „Batman“ und „Edward mit den Scherenhänden“ frischen Wind nach Hollywood. Aber irgendwann hatten wir alle genug Filme mit Johnny Depp und/oder Burtons jeweils aktueller Partnerin in den für Burton typischen schrägen Kostümen und schrägen Settings gesehen.
 
Die Coen-Brothers haben mit „Fargo“ und „The Big Lebowski“ zwei Meisterwerke hintereinander geschaffen. „O Brother, Where Art Thou?“ mit seinen vielen exzentrischen Figuren war zwar schon sehr typisch für die Brüder. Aber ihre beiden nächsten Filme, „The Man who wasn’t there“ und „Ein (un)möglicher Härtefall“ hätten unterschiedlicher kaum ausfallen können. Ihr Remake von „Ladykillers“ war dann zwar wieder ein so typischer Coen-Brothers-Film, dass es kaum auszuhalten war, aber „No Country for Old Men“ war ein wunderbares, elegisches Meisterwerk. Später wechselten sich für sie typische Filme wie „Burn After Reading“ mit erfrischend anderen Filmen wie „True Grit“ ab, sodass die Coen-Brothers nie in die gleiche Falle tappten wie z.B. Woody Allen und Tim Burton.
 
Und diese - zugegebenermaßen recht lange - Einleitung führt zu einem Hauptkritikpunkt an „Drive-Away Dolls“. Vielleicht wollte Ethan Joels Abwesenheit kompensieren und hat dabei übertrieben. Vielleicht war es immer Joel, der ein Abrutschen des gemeinsamen Gesamtwerks ins „Typische“ verhindert hat. Jedenfalls ist „Drive-Away Dolls“ in absolut jeder Hinsicht so verdammt „typisch“ geraten, der Film wirkt fast wie eine Parodie auf Filme der Coen-Brothers. Und leider wie eine nicht besonders gelungene Parodie.
 
 
Saving nickles, saving dimes
 
„The Big Lebowsky“ kam 1998 heraus, spielte aber einige Jahre früher, zur Zeit des ersten Golfkriegs. Dieser historische Kontext bildete damals aber einen passenden Hintergrund für die Handlung. „Drive-Away Dolls“ spielt 1999, aber abgesehen von einer einzigen, nicht besonders subtilen Bemerkung über „Y2K“ (die jüngeren Filmfans ohnehin entgehen wird) hat nichts in der Handlung irgendeinen Bezug zu dieser Zeit. Ethan Coen und Co-Autorin Tricia Cooke wollte wohl nichts Besseres einfallen, warum die beiden Hauptfiguren an entscheidenden Stellen der Handlung keine Smartphones benutzen können. Sonst fällt mir kein Grund ein, warum die Handlung 1999 spielen müsste.
 
Steve Buscemis ständiges Gequatsche bildete in „Fargo“ einen superben Kontrapunkt zu Peter Stormares gefährlicher Schweigsamkeit. John Goodmans ebenso end- wie sinnlose Tiraden in „The Big Lebowski“ hört man sich auch fünfundzwanzig Jahre später immer wieder gerne an. Aber fünf Minuten nach Beginn von „Drive-Away Dolls“ schwante mir Böses. Drei Minuten später war klar, diese Figur der Jamie wird während des gesamten Films nicht die Klappe halten. Weitere fünf Minuten später wollte ich, dass die Gangster sie bald finden und erschießen. Nochmal fünf Minuten danach hätte ich Jamie an die Verfolger verpfiffen, wenn ich gekonnt hätte. Und bald danach wäre ich am liebsten in den Film gestiegen und hätte Jamie selbst kalt gemacht.
 
In einem der besten Filme aller Zeiten heißt es “Constantly talking isn't necessarily communicating”. Und man möchte hinzufügen „... and it isn’t necessarily entertaining“. Ethan Coen und Tricia Cooke haben für diese Jamie vorsichtig geschätzt zwölf Fantastilliarden Zeilen Dialog verfasst. Bei dieser Masse an Dialog sollte man annehmen, eine dieser Zeilen müsste aus purem Zufall unterhaltsam sein. Aber leider nein. Nix. Nüschdd. Nada. Niente. Rien. Rein gar nichts von dem, was diese Figur von sich gibt, ist unterhaltsam.
 
Schräge Nebenfiguren sind seit „Arizona Junior“ ein Markenzeichen der Coen-Brothers. Steve Buscemi und Peter Stormare als Entführer in „Fargo“ haben wir bereits erwähnt. Die „Nihilisten“ in „The Big Lebowski“ gehören sicher zu den skurrilsten Bad Guys der Filmgeschichte. Aber die Figuren der Gangster in „Drive-Away Dolls“ sind so sinnlos inkompetent, so krampfhaft auf Skurrilität bedacht geschrieben, dass man sie einerseits nicht als Bedrohung wahrnehmen aber andererseits auch nicht über sie lachen kann. Damit bleiben diese Figuren komplett überzogene Handlungselemente.
 
Aber nicht nur die Nebenfiguren, alles aber auch wirklich alles in und an diesem Film muss überzogen schräg und skurill sein. Typisch Coen-Brothers eben. Dieser Film beginnt mit einem Mord mit einem Korkenzieher und Kugelschreiber als Tatwaffen, Oralsex und einem Streit, wer nach der Trennung den an die Wand geschraubten Dildo behalten soll und er endet mit mehreren anderen Dildos und einem kleinen Hund, der einen vor Tagen abgeschnittenen menschlichen Kopf apportiert. So weit so schräg. So weit so skurril. So weit so typisch Coen-Brothers. So weit so langweilig.
 
Dabei zeigt Ethan Coen als Regisseur wieder was er kann. Er inszeniert die bemühten aber leider doch langweiligen Dialoge so, dass man fast meinen könnte, sie wären unterhaltsam. Aber eben leider nur fast. Zusammen mit Cutterin Tricia Cooke montiert er vorhersehbare Szenen, in denen kaum etwas passiert so, dass man auch darüber fast hinwegsehen könnte. Aber auch eben leider nur fast. Und am Ende bietet der ganze Film einfach nicht genug, um eine Laufzeit von 84 Minuten zu rechtfertigen, die einem beim Betrachten deutlich länger vorkommt.
 
I’m going back someday, come what may
 
Das ist vor allem für die beiden Hauptdarstellerinnen schade. Margaret Qualley war zauberhaft im unterschätzten „The Nice Guys“. Sie war gleichzeitig naiv, sexy und bedrohlich in „Once upon a Time in Hollywood“. In „Drive-Away Dolls“ kann sie nichts davon vermitteln. Manchmal schimmert leicht durch, was für eine interessante Darstellerin Margaret Qualley sein könnte. Aber ihre Rolle der Jamie ist so furchtbar geschrieben, dass sie uns dann doch vor allem auf die Nerven geht.
 
Nicht viel besser ergeht es in diesem Film der noch recht unbekannten und wunderbar sympathischen Geraldine Viswanathan. Ihre Figur der Marian ist sozial etwas unbeholfen und aus irgendeinem Grund mit Jamie befreundet. Sonst erfahren wir über die arme Frau nur, wie lange sie schon keinen Sex mehr hatte. Alles was wir über diese Figur wissen und auch ihre gesamte Entwicklung während des Films könnte man in dem alten frauenfeindlichen Klischee „Sie musste einfach nur mal wieder richtig ge..... werden“ zusammenfassen. Und das ist für eine der beiden Hauptfiguren in einem Spielfilm ein bisschen arg wenig.
 
Begabte Darsteller*innen wie Beanie Feldstein („Lady Bird“), Colman Domingo („Die Farbe Lila“), Joey Slotnick („Eve und der letzte Gentleman“) und Bill Camp („Joker“) verschwenden ihre Zeit und ihr Talent in unergiebigen, mehr oder weniger schrägen Nebenrollen.
 
Matt Damon hat eines der witzigsten Hobbies alles Hollywoodstars: er tritt gern in schrägen Nebenrollen auf. Aber jeder seiner Auftritte in Filmen wie „Eurotrip“, „Thor: Tag der Entscheidung“ oder auch „Unsane - Ausgeliefert“ war interessanter als der in „Drive-Away Dolls“. Warum jemand, der in letzter Zeit so viel Erfolg hatte wie Pedro Pascal („Massive Talent“), sich für einen Auftritt wie dem in diesem Film hier hergibt, muss er selbst wissen.
 
 
Fazit
 
Ich weiß nicht, ob Ethan Coen mit „Drive-Away Dolls“ versucht hat, der bessere Coen-Brother zu sein. Vielleicht hat er überkompensiert. Aber wenn das, was er uns hier in 84 sehr langen Minuten zeigt, sein eigener Stil sein soll, arbeitet er hoffentlich bald wieder mit seinem Bruder Joel zusammen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Ethan Coen
  • Drehbuch: Tricia Cooke
  • Besetzung: Margaret Qualley, Geraldine Viswanathan