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The Father - Kinostart: 26.08.2021

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Als Anthony Hopkins vor einigen Monaten den Oscar verliehen bekam, hätte man ...
 
... das einfach als eine Verbeugung vor dem Lebenswerk eines verdienten Alt-Schauspielers halten können. Aber vielleicht hat die Academy hier ja auch absolut korrekt entschieden?
 
Je crois entendre encore …
 
Ein älterer Herr bekommt Besuch von seiner Tochter. Die Tochter meint, der Vater brauche eine neue Pflegerin. Die letzte wurde zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt. Seine Uhr war nicht tatsächlich gestohlen, bloß verlegt. Aber der Vater meint, durchaus alleine in seiner Wohnung leben zu können. Die Tochter sieht das anders. Im Verlauf des Gesprächs reagiert der Vater unetr anderem herablassend, charmant, schlagfertig und weinerlich. Nicht immer erinnert sich der Vater an alles und nicht immer erinnert er sich richtig. Aber es gibt noch weitere Gespräche. Und immer wieder erinnert sich der Vater anders …
 
Mit Ausnahme einiger Sommerjobs während meiner Jugend habe ich mein ganzes Leben geistig gearbeitet. Meine Freizeit verbringe ich fast ausnahmslos mit geistigen Beschäftigungen. Obwohl ich Sport treiben sollte, beschäftige ich mich lieber mit Literatur oder Film. Ja, ich gehe spazieren und manchmal sogar Wandern. Aber meine Spaziergänge und Wanderungen führen mich oft zu Buchhandlungen, Kinos, Ausstellungen oder Plätzen, an denen ich nachdenken kann. Seit ich die Auswirkungen der Demenz an meinem Großvater erlebt habe, fürchte ich den geistigen Verfall im Alter mehr als jede körperliche Einschränkung. Trotzdem konnte ich mir bisher nie wirklich vorstellen, wie es sein muss, selbst an Demenz zu erkranken. Florian Zellers „The Father“ hat mir einen Eindruck davon vermittelt.
 
Zeller hat in seinem ersten Film als Regisseur sein eigenes Theaterstück verfilmt. Und er hat dabei einfach alles richtig gemacht. Wie hat ein unerfahrener Filmemacher dieses Kunststück zuwege gebracht? Ganz einfach; er hat sich für jeden einzelnen Job die besten Leute für dieses Projekt gesucht. Sein Co-Drehbuchautor Christopher Hampton hat nicht nur Zellers, sondern auch zahlreiche andere Theaterstücke ins Englische übersetzt. Hampton hat Drehbücher auf der Grundlage ganz unterschiedlicher Vorlagen zu so großartigen Filmen wie „Gefährliche Liebschaften“ oder „Abbitte“ verfasst. Zusammen haben Zeller und Hampton hier eines der besten Drehbücher der letzten Jahre verfasst.
 
Immer wieder zeigen sie Variationen von Szenen, die sich mal mehr, mal weniger voneinander unterscheiden. Die beiden Autoren nehmen uns mit in den Verstand eines intelligenten Mannes, der seiner Verwirrung Herr werden will. Immer wieder und immer verzweifelter versucht der Vater die unterschiedlichen Erinnerungen, die Widersprüche und auch die Lücken seiner Erinnerung zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen, um sich das Unbegreifliche, das Furchtbare nicht eingestehen zu müssen.
 
Die Dialoge sind brillant. In einzelnen kleinen Bemerkungen werden ganze Geschichten erzählt. Als die Tochter den Vater über die Gründe eines Umzugs informiert, besteht seine Antwort darauf zunächst aus einem einzigen Wort. Und doch vermittelt uns dieses eine einzelne Wort mehr über die Beziehung zwischen Vater und Tochter als zwanzig Zeilen Dialog anderer Autoren es könnten. In diesem Film ist das gesprochene Wort so wichtig, weil es im Leben des Vaters immer wichtig war. Wenn der bisher so eloquente Vater am Ende des Filmes eine Metapher nicht mehr vermitteln kann, verliert er mehr als bloß seine gewandte Ausdrucksweise.
 
Je crois encor la voir …
 
Aber Zeller hat sich nicht nur den besten Co-Autor für sein Projekt gesucht. Cathy Featherstone und Peter Francis waren u.a. für den Oscar für das beste Szenenbild nominiert. Und sie hätten diesen Oscar ebenso verdient wie Anthony Hopkins den seinen. Schon lange hat man keinen Film mehr gesehen, in dem die Dekoration so viel zur Wirkung des Films beigetragen hätte. Wir sehen eine wunderschöne, stilvoll eingerichtete, gemütliche Wohnung in einer der besseren Wohngegenden Londons. Von der ersten Szene an sind wir von dieser Wohnung beeindruckt. Wir alle würden gerne in dieser Wohnung leben und können es daher nachvollziehen, wenn der Vater seine Wohnung nicht aufgeben möchte.
 
 
Aber was hat es mit dieser Wohnung auf sich? Plötzlich sehen Teile der Wohnung anders aus. Andere Teile bleiben zunächst unverändert. Der Vater betont immer wieder: „Das ist meine Wohnung!“. Aber die Arbeit von Featherstone und Francis sät Zweifel an dieser Behauptung, noch bevor diese Zweifel ausgesprochen werden. Eine Küche sieht komplett anders aus. Aber das Glas auf dem anderen Tisch ist doch dasselbe, oder? Ist das die Wohnung des Vaters? Stehen wir vor der Tür der Wohnung? Nein, wir stehen vor einer Arztpraxis. In die Wohnung kehren wir später zurück. Oder etwa nicht?
 
Drehbuch, Regie, Szenenbild und auch Schnitt, Ton und Kamera arbeiten großartig zusammen, um uns zu vermitteln, wie der Vater die Welt wahrnehmen muss. Seine Wohnung ist sein Heim. Und ein Heim vermittelt Sicherheit und Geborgenheit. Aber wenn sich dieses Heim ständig verändert, bietet es weder Sicherheit noch Geborgenheit. Das Heim wendet sich gegen ihn, wie die Tochter sich in seiner Wahrnehmung gegen den Vater wendet. Wir verstehen völlig, warum er immer wieder betont, das sei seine Wohnung. Wäre das nicht seine Wohnung, würde das auch alles andere infrage stellen.
 
Oh souvenir charmant …
 
Wie bereits festgestellt, hat Zeller sich für jeden einzelnen Job die besten Leute für dieses Projekt gesucht. Olivia Colman kennen die meisten von uns erst seit ihrer oscarprämierten Leistung in „The Favourite“ oder als Queen Elisabeth II in „The Crown“. Diese Frau ist eine der besten Darstellerinnen unserer Zeit. Punkt. (Ganz nebenbei ist sie noch eine großartige Komödiantin. Als Beleg dafür möchte ich jedem Leser die britische Serie „Fleabag“ ans Herz legen). In „The Father“ meint man zunächst, sie hätte nichts anderes zu tun als auf Hopkins geniales Spiel zu reagieren. Aber wie sie diese Aufgabe erfüllt, ist großartig. Immer wieder reagiert sie wie ein echter Mensch, nicht wie eine Darstellerin, die Stichworte zu geben hat.
 
In wenigen kurzen Szenen, deren Echtheit wir ja zunehmend anzweifeln müssen, vermittelt Colman uns eine komplexe Figur in einer furchtbaren Situation. Sie ist eine Tochter, die mindestens ebenso unter der Demenz des Vaters leidet wie er selbst. Sie ist eine Schwester, die selbst trauert. Sie ist eine liebende Frau, die eine Ehe führen will … oder Hoffnung hegt. Sie ist eine erwachsene Frau mit eigenen Plänen und eigenen Wünschen. Und Colman vermittelt uns all das und die Zerrissenheit ihrer Figur ohne jemals gegen Hopkins anzuspielen. Auch wenn der Vater den nötigen Respekt für die Tochter vermissen lässt, Hopkins und Colman spielen miteinander, als gleichwertige Partner.
 
Weil die Gefahr besteht, die großartigen Leistungen von Imogen Poots (28 Weeks Later“), Rufus Sewell („The Man in the High Castle“), Mark Gatiss („Sherlock“) und vor allem Olivia Williams („The Sixth Sense“) zu übersehen, möchte ich jeden Leser ermutigen, sich „The Father“ zweimal anzusehen. Einmal um den Film als solchen auf sich wirken zu lassen. Und ein zweites Mal unter anderem, um großartige Profis bei der Arbeit zu beobachten. Sie leisten Erstaunliches in undankbaren Rollen. Ihre Figuren müssen den Vater und auch uns irritieren. Trotzdem spielt keiner von ihnen je irritierend. Vater und Publikum müssen jeden von Ihnen als Eindringling wahrnehmen. Trotzdem spielt jeder von ihnen absolut natürlich, alle liefern homogene Leistungen, die auf unspektakuläre Weise beindrucken.
 
Auf spektakuläre Weise beeindruckend ist die Leistung des über Achtzigjährigen Anthony Hopkins. Leider ist Hopkins für die meisten Menschen vor allem Dr. Hannibal Lecter, der geniale Kannibale. Und leider hat er in den Jahrzehnten seit „Das Schweigen der Lämmer“ immer wieder Genies („Hitchcock“, „Mein Mann Picasso“) oder andere überlebensgroße Figuren spielen müssen („Nixon“, „Die zwei Päpste“, „Thor“). Dabei ist Hopkins immer dann am besten, wenn er ganz normale Menschen spielen kann. Nur Hopkins konnte uns mit seinem stillen, zurückhaltenden Spiel die Figur des Butlers in „Was vom Tage übrig bleibt“ nahe bringen. Nur er konnte uns das Besondere an der Geschichte eines alten Mannes mit einem fast ebenso alten Motorrad in „The World’s Fastest Indian“ vermitteln.
 
In „The Father“ ist Hopkins unter anderem deshalb so großartig, weil er nicht das große Drama spielt, weil er auf die große Geste verzichtet. Als Vater reagiert er genervt, wie jedermann genervt reagiert, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Wenn die Tochter ihm von ihren Umzugsplänen erzählt, reagiert er zunächst herablassend. Sekunden später ist er egozentrisch und dann bald weinerlich, um dann bald wieder herrisch, eloquent und sogar charmant aufzutreten. Hopkins spielt jede dieser Situationen, jeden dieser Zustände mit einer mühelos wirkenden Präzision. Die Übergänge wirken immer natürlich, nichts an seiner Darstellung wirkt „gespielt“ oder „dargestellt“. Hopkins „ist“ einfach herablassend, eloquent, herrisch, charmant oder was immer der Vater gerade ist.
 
Wirklich herausragende Darsteller sind hinter ihren Rolle nicht mehr zu erkennen. Hopkins geht in „The Father“ vielleicht noch weiter. Er geht tatsächlich in der Rolle auf. Hopkins verliert sich in dem Vater. Hopkins vermischt sich mit dem Vater. Nicht nur trägt der Vater im Film ebenfalls den Vornamen „Anthony“. An einer Stelle nennt der Vater als sein Geburtsdatum den 31.12.1937. Das ist Hopkins‘ tatsächliches Geburtsdatum.
 
Zu Anfang sehen wir zwar vielleicht immer noch irgendwie einen Schauspieler, machen uns aber schnell sowohl Sorgen um die Figur des Vaters als auch um Anthony Hopkins, die ineinander übergehen. Gegen Ende fühlen wir nur noch die tiefempfundene Angst dieses alten Mannes auf der Leinwand. Der Trost einer Nebenfigur kann uns nicht mehr erreichen. Alles ist furchtbar, alles macht uns Angst. Und die Angst ist so groß, sie macht uns klein. Zusammen mit dem Vater werden wir zu kleinen Kindern.
 
Wenn wir uns am Ende des Films hilflos fühlen, dann weil dieser Film uns gezeigt hat, wie Demenz sich auf den Betroffenen auswirken muss. Wir haben nicht einfach nur eine Geschichte erzählt bekommen, wir haben eine Erfahrung gemacht. Das verdanken wir unter anderem der großartigen Zusammenarbeit sämtlicher Künstler und Künstlerinnen an diesem Film. Sie alle haben dafür gesorgt, dass Anthony Hopkins die vermutlich großartigste Leistung seiner Karriere zeigen konnte. Ganz sicher zeigt er die mit Abstand beste darstellerische Leistung des Jahres.
 
 
Fazit
 
Ein großartiger Darsteller zeigt eine der besten Leistungen seiner langen Karriere. Zusammen mit den fantastischen Leistungen aller anderen Mitwirkenden beschert uns das nicht bloß einen herausragenden Film sondern eine echte Erfahrung.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Florian Zeller
  • Drehbuch: Christopher Hampton
  • Besetzung: Anthony Hopkins, Olivia Colman