Anca Miruna Lăzărescu hat einen überraschenden Film inszeniert. Einen Film, ...
... der eine ganz gewöhnliche Geschichte auf ungewöhnliche Weise erzählt.
Tod – Tanz des Lebens
Jessica ist zwölf Jahre alt. Jessica leidet unter einer Zwangsstörung. Jessica wird von Mitschülern als „Neutrum“ bezeichnet. Jessicas Vater ist überfordert. Jessicas Schwester ist todkrank. Aber Jessica hat Fantasie. Und Jessica ist entschlossen ihre Schwester zu retten.
Anca Miruna Lăzărescu hat nach ihrem Erstling „Reise mit Vater“ nun einen Film voller Ecken und Kanten gemacht. Nach einem Drehbuch von Silvia Wolkan entstanden, erzählt der Film eine Tragödie mit viel Humor. Er zeigt uns ein Drama, das oft banal wirkt. Und wir sehen einen der wenigen Filme, die tatsächlich aus der Sicht einer Heranwachsenden erzählt werden.
Wenn uns Bilder, Szenen und Stimmungen in „Glück ist was für Weicheier“ zunächst schräg vorkommen, dann weil wir sie aus der Sicht der zwölfjährigen Jessica vermittelt bekommen. Der Vater sieht alt und verbraucht aus, weil er auf die Zwölfjährige so wirkt. Ihre Kleidung und die des Vaters sehen aus wie die Restposten des Sommerschlussverkaufs 1981, weil das junge Mädchen diese Kleidung so sieht. Alle anderen Teenager sehen schlank, verliebt und sorgenfrei aus, weil Jessica diesen Gegensatz zu ihrer eigenen Situation so wahrnimmt.
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Und so funktioniert der Film immer dann am besten, wenn er uns vermittelt wie Jessica die Welt sieht. Wunderbar berührend ist eine Szene, in der Jessicas Vater sie belehren will, wie unwichtig das Aussehen eines Menschen ist. „Im Leben zählen andere Dinge.“ „Welche denn?“ fragt das Mädchen. Als der Vater nicht antwortet, erkennt man die Hilflosigkeit des Erwachsenen, wenn seine Plattitüden hinterfragt werden.
„Kleinere Unverträglichkeiten sind völlig normal“
Leider kann der Film dieses Niveau nicht über seine ganze Länge halten. Das Drehbuch bietet großartige Dialoge und erfrischende Szenen, die ohne große Theatralik ihre Wirkung entfalten. Aber manche Teile des Drehbuchs wirken dann doch unausgereift. Die Szenen mit Jessicas Therapeuten hätten dringend überarbeitet werden müssen. Eine Szene mit einem Bibliothekar funktioniert gar nicht und bereitet beim Zusehen Unbehagen.
Auch die Regie zeigt immer wieder Schwächen. Einige Szenenübergänge sind so abrupt, dass man sich fragt, ob hier etwas herausgeschnitten wurde. Wieso sitzt Jessica an einer Stelle im Auto der Nachbarin? Wieso läuft sie plötzlich zu einem Mitschüler nach Hause, den wir zuvor nur einmal gezeigt bekommen haben? Wieso sieht das Hemd des Vaters plötzlich ganz anders aus?
Aber oft genug zeigt uns Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu wieder Bilder von herrlich unaufgeregter Schönheit. Der Hintergrund der westfälischen Provinz wirkt alltäglich, bis man das Verschrobene dieser Umwelt erkennt. Eine Szene mit einem Wildschaden passiert ebenso plötzlich und unangekündigt wie das auch im realen Leben der Fall wäre und bekommt dadurch eine enorme Wucht. Die anschließende Verzweiflung des Vaters berührt uns auf mehreren Ebenen. Ein Stabhochsprung in die Sonne vermittelt Hoffnung.
„Der Mensch verliert beim Sterben sein Menschsein“
Die hochwertige Besetzung wird von der dreizehnjährigen Ella Frey („Das Tagebuch der Anna Frank“) angeführt. Ihre Blicke lassen den Zuseher die Welt sehen. Ihre Dynamik bewegt die Handlung vorwärts. Ihre Energie steht im Kontrast zur Lethargie der Erwachsenenwelt.
Martin Wuttke kennen wir als Ermittler im Leipziger „Tatort“ oder als Hitler in „Inglorious Basterds“. Hier spielt er einen Mann, der einen zu langen und zu beschwerlichen Lebensweg mit zu viel Gepäck gehen muss.
Und das meistens bergauf. Es ist Wuttke zu verdanken, wenn sein Charakter nie lächerlich wirkt. Nicht einmal, wenn er die einfallslosesten Banalitäten von sich gibt.
Emilia Bernsdorf wirkt als Jessicas totkranke Schwester zunächst wie eine Prinzessin auf der ein Fluch lastet. Am Ende ist sie ein Engel, der ihrer Schwester und uns den Weg weist.
Sophie Rois („Die Manns – Ein Jahrhundertroman“) lässt uns nach bloß drei Szenen in einer winzigen Rolle wünschen, wir könnten einen ganzen Film mit ihr als Hauptfigur sehen.
Fazit
„Glück ist was für Weicheier“ ist kein gefälliger Film. Wer bereit ist, sich auf die Jessicas Geschichte und ihren Blickwinkel auf die Welt einzulassen, wird trotz einiger Schwächen des Drehbuchs und der Regie einen interessanten Kinoabend erleben.
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