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Bruderherz - Disney+-Start: 11.12.2020

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Rechtzeitig zum Weihnachtsfest bringt Disney einen Film …
 
... naja, nicht ins Kino aber doch zumindest auf Disney+, der irgendwie an andere Filme erinnert. An praktisch alle anderen Filme …
 
Hey Ya
 
Ray Ray McElrathbey hat es fast geschafft. Der junge Mann aus der schwarzen Unterschicht hat ein Football-Stipendium an der Clemons University in South Carolina bekommen. Nun muss er nur noch ebenso fleißig studieren wie trainieren und einer strahlenden Zukunft steht nichts im Wege. Doch Ray Rays drogensüchtige Mutter soll eine stationäre Entziehungskur absolvieren, sonst muss sie ins Gefängnis. Damit sein kleiner Bruder Fahmarr nicht in ein Heim oder zu Pflegeeltern kommt, nimmt Ray Ray den Elfjährigen mit auf die Uni und versteckt ihn dort im Wohnheim. Aber kann der junge Mann auf die Art für seinen Bruder sorgen und trotzdem studieren und trainieren?
 
Disney hat, ebenso wie jedes andere Filmstudio, ein berechtigtes Interesse daran, das Filmerlebnis für die Zuseher frisch und unverdorben zu gestalten. Filmkritiker bekommen die Filme natürlich vorab gezeigt, werden aber immer wieder daran erinnert, ihre Rezensionen möglichst frei von „Spoilern“ zu verfassen. Das ist bei den meisten Filmen absolut nachvollziehbar. Wenn Disney aber in der Presseaussendung zu „Bruderherz“ (englischer Originaltitel: „Safety“) wieder darum bittet „“auf Spoiler zu verzichten“, kann das nur ironisch gemeint sein.
 
Der großartige Autor und Comedian Richard Ayoade meinte einmal über „Flight Girls“ mit Gwyneth Paltrow: „If you’ve seen any film, you’ve seen this film. It is very similar to all films.“. Das könnte man auch über „Bruderherz“ sagen. Jeder Mensch, der schon einmal irgendeinen Film gesehen hat, hat „Bruderherz“ gesehen. Nicht nur die Handlung sondern der gesamte Film hat enorme Ähnlichkeit mit allen Filmen die man je gesehen hat. Dadurch ist dieser Film so frei von Überraschungen, dass er praktisch nicht „gespoilert“ werden kann. Dieser Film ist „unspoilable“!
 
Hier eine kurze Liste von Erfahrungen die ähnlich frei von Überraschungen verlaufen, wie „Bruderherz“ zu sehen: Ein Glas Wasser trinken (vertrauter Geschmack und man ist danach weniger durstig als vorher), kurz vor Morgengrauen eine Weile Richtung Osten schauen (es wird heller werden), einen Hamburger bei McDonald’s bestellen (2 Brötchenscheiben, eine Scheibe Fleisch, Senf, Ketchup, exakt eine Gurkenscheibe und nichts davon bietet den Zähnen nennenswerten Widerstand), …
 
Ich habe beim Einkaufen bei Aldi schon Überraschenderes gesehen als in diesem Film (einmal hatte die alte Dame vor mir ihre Einkäufe tatsächlich in den Wagen geräumt BEVOR die Kassenkraft angefangen hat, meine Einkäufe über den Scanner zu ziehen. Das war vielleicht überraschend! Ich wusste gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte.). In diesem Film kommt nichts, aber auch rein gar nichts überraschend. Alles kommt genauso wie man es erwartet. Jede Entwicklung der Handlung ist komplett vorhersehbar.
 
Wird Ray Ray seinen kleinen Bruder zu sich nehmen? Wird Ray Rays Zimmergenosse an der Uni ihm helfen? Wird der knallharte Football-Trainer ein weiches Herz UND ein persönliches Interesse an Ray Rays Situation zeigen? Wird das ganze Team und später die ganze Uni Ray Ray und seinem Bruder helfen wollen? Wird das hübsche Mädchen Ray Ray verzeihen? Wird auch die Krise im dritten Akt gemeinsam überwunden werden? Wird der kleine Fahmarr zu einem Maskottchen des Footballteams? Wird das Team das entscheidende Spiel gewinnen? Die Antworten auf all diese Fragen sind ebenso offensichtlich wie langweilig. Alles geht am Ende gut aus, niemand muss leiden und alles ist nicht nur sauber sondern rein.
 
 
Just the two of us
 
Regisseur Reginald Hudlin (dessen bekanntester Film „Boomerang“ eine der unbekanntesten Komödien mit Eddie Murphy ist) und Drehbuchautor Nick Santora („berühmt“ geworden als einer von drei Autoren von „Punisher: War Zone“) haben es geschafft, diesen Film selbst für Disney-Verhältnisse klinisch rein zu gestalten. In diesem Film über eine durch Drogen zerrüttete Familie sind weder Drogen noch Drogenmissbrauch zu sehen. Über Drogenkonsum und was dieser anrichtet wird nur gesprochen. Selbst die drogensüchtige Mutter wird nur sauber und adrett gekleidet gezeigt. Die einzigen sichtbaren Folgen von Drogenmissbrauch sind eine etwas unordentliche Wohnung und ein fehlender Fernseher.
 
Hudlin und Santora zeigen uns aber auch eine Liebesgeschichte zwischen College-Studenten, die komplett frei von körperlicher Intimität bleibt. Ray Ray und die ebenso attraktive wie blitzgescheite Studentin mit dem großen Herzen dürfen einander während des ganzen Films nicht einmal küssen. Kein einziges Mal. Auch über ihre Beziehung wird nur gesprochen. Und das bloß während gemeinsamer Spaziergänge oder auf einer Bank sitzend. Als die junge Frau mal einen Abend in Ray Rays Wohnung verbringt, ist die ganze Zeit der kleine Bruder anwesend. Ja, so läuft das bei frischverliebten Neunzehnjährigen. Alles ganz platonisch und vor allem sauber, bei den jungen Leuten …
 
Auch sonst läuft in der Welt von „Bruderherz“ alles wunderbar glatt und sauber. Gut, Ray Ray darf nicht gleich in der ersten Mannschaft des Footballteams mitspielen. Aber kurze Zeit später ist seine Mitwirkung bereits spielentscheidend. Und soweit ich mich erinnere, verliert das Team während des Films kein einziges Spiel. Selbst der miese Teamkamerad, der am Anfang des Films die Frischlinge erniedrigt und mobbt, wird recht schnell Ray Rays Freund. Warum und wieso, kommt im Film nicht ganz deutlich raus. Ebenso wenig wird klar, warum das halbe Team einem Elfjährigen zusieht, wie er auf einem Schulball mit einem Mädchen aus seiner Klasse tanzt.
 
In einem Film der so vorhersehbar und sauber wie eine Waschmittelwerbung ausfällt, gibt es für Schauspieler praktisch nichts zu tun. Jay Reeves, der Darsteller des Ray Ray, hat bisher in einigen TV-Serien und Filmen mitgewirkt, die mir alle unbekannt sind. Er wirkt halbwegs überzeugend als Footballspieler, nicht ganz so überzeugend als begabter Student und kaum überzeugend als verantwortungsvoller großer Bruder.
 
Der junge Thaddeus J. Mixson ist sicher ein netter Junge. Aber wenn seine Figur des kleinen Bruders wohl rebellisch wirken soll, wirkt er vor allem anstrengend. Wenn der kleine Bruder fröhlich wirken soll, wirkt er nervig. Und wenn sein Charakter verwirrt oder traurig wirken soll, wirkt er angepisst. Vermutlich hätte der junge Darsteller einen sehr viel besseren Regisseur gebraucht. Unter der Führung von Reginald Hudlin schafft er es nicht, seine Rolle sympathisch zu gestalten.
 
Falls Corinne Foxx das Talent ihres Vaters Jamie Foxx geerbt haben sollte, hat sie das in diesem Film gut verborgen. Die junge Dame ist bildhübsch, aber frei von Ausstrahlung. Sie und Jay Reeves bilden ein Liebespaar, das nicht bloß sauber oder rein sondern antiseptisch wirkt. Zwischen den beiden Darstellern ist keinerlei Chemie erkennbar.
 
 
Fazit
 
Wer noch nie einen Film gesehen hat, kann sich diesen Film ansehen … oder kann es auch lassen. Wer aber in seinem Leben schon mal einen Film gesehen hat, kann es einfach nur lassen.
 
 
Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Reginald Hudlin
  • Drehbuch: Nick Santora
  • Besetzung: Jay Reeves, Thaddeus J. Mixson