Taika Waititis neuester Film zeigt die Stärken und Schwächen dieses Filmemachers.
Hello sun!
Weil die Menschheit mit dem Internet einfach nie sinnvoll umzugehen gelernt hat, muss sie nach dem dritten Weltkrieg ohne auskommen. Dafür gibt es aber künstliche Freunde, äußerlich nicht von Menschen zu unterscheidende Maschinenmenschen mit eigenem Bewusstsein. Klara ist zwar kein ganz aktuelles Modell, macht diesen Mangel aber mit ihrer ganz besonderen Art und vielen charmanten Eigenheiten wieder wett (man stelle sich einfach ein iPhone 13 vor, das mit sehr viel Herz gegen die aktuellen Modelle bestehen will). Am letzten Tag eines Sonderverkaufs erregt sie die Aufmerksamkeit der jungen Josie, die sie gegen den Widerstand ihrer Mutter kauft und nach Hause holt. Aber Josie ist leider schwer krank …
Taika Waititi hat bisher ganz unterschiedliche Filme gedreht. Drei dieser Filme gehören zum Originellsten, das wir in den letzten Jahrzehnten im Kino gesehen haben. Sein erster Langfilm, der herrlich skurrile „What We do in the Shadows“ wurde noch in Neuseeland für ein lächerliches Budget gedreht und hat uns nicht nur zwei Fernsehserien, sondern auch Waititi seine Weltkarriere beschert. Sein erster Hollywood-Film, „Thor: Tag der Entscheidung“ ist einer der besten und ganz sicher der witzigste Beitrag zum MCU. Es folgte „Jojo Rabbit“ ein wunderbarer Film über das schrecklichste Kapitel unserer Geschichte, ein nonkonformistisches Meisterwerk über eine Zeit, als der geringste Regelverstoß den Tod bedeutete, ein Film voller Liebe über eine Zeit voller Hass.
Aber bereits sein nächster Film zeigte deutlich, wie schnell Waititis Stärken als Filmemacher zu Schwächen werden können. Immer und immer wieder tappte „Thor: Love und Thunder“ in die Ironie-Falle, verzettelte sich mit einem Übermaß an Skurrilität, sodass die großartige Einzelleistung von Christian Bale und die durchaus positive Botschaft von Lieben, Lernen und vom lieben-lernen fast untergingen. Ein fast kompletter Fehlschlag war dann „Next Goal Wins“, eine unentschlossene, überambitionierte Parodie auf ein Genre, das kaum zu parodieren ist. In diesem Film hat es Waititi auch zum ersten Mal geschafft, nicht das Beste aus seinen Darstellern herauszuholen. Michael Fassbender war selten unsympathischer oder langweiliger als in diesem Film.
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Und all diese Stärken und Schwächen dieses besonderen Filmemachers sind auch recht schnell wieder in „Klara und die Sonne“ erkennbar. Der Film hat einen traumhaften Look. Aber Waititi schafft es irgendwie uns gleichzeitig zu viel und zu wenig von dieser postapokalyptischen Welt zu zeigen. Einerseits besticht die Fülle visueller Details, andererseits bleiben viel zu viele interessante Fragen darüber offen, wie diese Gesellschaft funktioniert und wie die Menschen darin leben. Der wirklich zauberhaften Ausstattung des Teams rund um Ra Vincent (Oscar-Nominierungen für „Jojo Rabbit“ und „Der Hobbit“) mag es teilweise gelingen, uns davon abzulenken, dass sich die Welt, in der dieser Film spielt, nie richtig erschließt.
Es ist offensichtlich nicht die Schuld der Ausstattung, wenn die herrlich interessante Idee, wir Menschen hätten uns des Internets als unwürdig erwiesen, nur in einem einzigen Satz und dann nie wieder Erwähnung findet. Warum benutzt man in der Zukunft Vinylplattenspieler, hat aber selbstfahrende Autos und andere Maschinen? Warum sind die Künstlichen Freunde bereits vor dem Kauf mit eigener Persönlichkeit ausgestattet, wissen aber andererseits nicht wie man eine Treppe hoch oder runtergeht. Warum sind sie so anfällig, wenn sie doch offensichtlich für eine lange Lebensdauer ausgelegt sind? Und warum hat man in dieser Welt offensichtlich noch nie von Asimovs Robotergesetzen gehört?
Das Drehbuch, das Waititi zusammen mit Dahvi Waller verfasst hat, zeigt Stärken aber auch jede Menge weitere Schwächen. Waller hat bisher nur fürs Fernsehen geschrieben. Und das erkennt man in diesem Film, der sehr episodenhaft aufgebaut wirkt. Einzelne Inhalte und Handlungselemente werden eingeführt, dann teilweise so lange nicht mehr erwähnt, dass man sie schon fast vergessen hat, und am Ende wird alles zu einem Paket von Happy Ends verschnürt. Leider sind viele dieser Teile nicht so interessant wie andere. Einige sind so unergiebig, dass man sie besser zugunsten viel interessanterer Elemente gestrichen hätte, über die wir gerne mehr erfahren hätten. Der Film, der uns alles Möglich immer wieder erklärt, scheint auch oft das Interesse an vielen seiner Ideen zu verlieren.
Waititi hat einmal im Interview zugegeben, die Vorlage zu seinem besten Film, „Jojo Rabbit“ nur zur Hälfte gelesen zu haben. „Klara und die Sonne“ ist nach einer Vorlage des Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro entstanden. Für die Leser, die sich weniger für Bücher als für Filme interessieren: der Mann hat u.a. die Vorlagen für „Was vom Tage übrig blieb“ und „Alles was wir geben mussten“ geschrieben. Es spricht also viel dafür, dass die Vorlage noch nicht die wilde Mischung aus zu wenig wirklich Interessantem und zu viel Unergiebigem war, die wir nun im Kino zu sehen bekommen.
Is love shiny?
Es ist schwer zu sagen, ob es daran liegt, dass das Drehbuch uns ihre Figur nie richtig kennenlernen lässt oder ob der Regisseur Waititi kein Interesse an der Arbeit dieser Darstellerin hatte. Aber Amy Adams zeigt in „Klara und die Sonne“ die schwächste Leistung ihrer Karriere. Die Schauspielerin, in die wir uns in so unterschiedlichen Filmen wie „Verwünscht“ oder „Sunshine Cleaning“ verliebt haben, die das Beste an schwachen Filmen wie „Nachts im Museum 2“ oder „Big Eyes“ war und die es sogar geschafft hat, in den Superman-Filmen von Zack Snyder zu bestehen, obwohl ihre Rolle dort praktisch vernachlässigbar war, diese Schauspielerin zeigt hier eine Leistung, wie man sie so selten im Kino zu sehen bekommt: Wie auf Autopilot markiert Adams die Szenen, sagt ihren Text auf und liefert dabei so wenig ab, man kann ihre Figur der Mutter nicht einmal als Klischee bezeichnen.
Wenn das Talent des großartigen Steve Buscemi („Fargo“, „Wild Horse Nine“) in einer Sprechkomparsenrolle verschwendet wird und auch Waititis Stamm-Schauspielerin Rachel House (großartig als Jeff Goldblum’s Handlangerin in „Thor: Tag der Entscheidung“) nur unmotivierte Feindseligkeit vermittelt, haben sowohl der Co-Autor Waititi als auch der Regisseur Waititi wohl über all den vielen Handlungselementen und schrulligen Einfällen mehr als bloß ein bisschen den Überblick verloren. Das ist besonders bitter für Mia Tharia, die junge Darstellerin der Rosie, die zu Beginn des Films Charme erkennen lassen darf, nur um dann von Szene zu Szene eine andere unmotivierte Stimmung, aber eine immer langweilige Figur darstellen zu müssen.
Es gibt einige kleine und einen großen Lichtblick, wenn es einzelnen Sonnenstrahlen gelingt, den Nebel und Rauch des unentschlossenen Drehbuchs und der Regie zu durchdringen. Einige unbekannte junge Talente spielen die Rollen der anderen Künstlichen Freunde mit erfrischendem Schwung, der die Szenen mit Klara und ihren „Kolleg*innen“ zu den Höhepunkten des Films macht. Natasha Lyonne („The Fantastic Four: First Steps“) schafft es, jeden noch so lahmen Gag des Drehbuchs mit Verve und Sinn für Timing aufzuwerten. Nachdem man ihre Nacherzählungen von „Grease“ und „Arielle“ gehört hat, möchte man eine lange Liste von Filmen verfassen, die sie doch bitte auch nacherzählen soll.
Der schönste und wärmste Lichtblick dieses Films geht aber von Jenna Ortega aus. Nachdem sie in der Fernsehserie „Wednesday“ brilliert hatte, konnte sie in Spielfilmen wie „Miller’s Girl“ oder „Beetlejuice Beetlejuice“ nie recht überzeugen. Das verhält sich in diesem Film ganz anders. Ihre berührende Leistung allein ist es, die diesen sonst so unausgewogenen und leider recht mittelmäßigen Film sehenswert macht. Ortega spielt hier über die Beschränkungen ihrer unbedarft geschriebenen Rolle hinaus. Sie lässt uns mit ihrem Charme, ihrem Witz und ihrer Emotionalität die vielen Ungereimtheiten ihrer Figur ignorieren. „Klara und die Sonne“ ist Jenna Ortegas Triumph über ein unentschlossenes Drehbuch und eine schwache Regie.
Fazit
Taika Waititis Stärken und Schwächen als Filmemacher lassen diesen Film leider sehr unausgewogen geraten. Unergiebiges und Interessantes stehen in einem merkwürdigen Missverhältnis zueinander. Sehenswert ist der Film nur wegen der Leistungen einiger weniger Darsteller*innen, allen voran der zauberhaften Jenna Ortega.
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