Manchmal braucht man einen “Achtungserfolg”.
Suck it, Nature!
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Der mächtigste Mann der Welt begibt sich auf eine verzweifelte Mission, um zu beweisen, dass er der Retter der Menschheit ist, bevor die von ihm ausgelöste Katastrophe alles zerstört.“ Das war’s. Mehr gab es in der Einladung zur Handlung des Films nicht zu lesen. Das reicht aber auch. Denn ein Übermaß an echter Handlung hat dieser Film auch nicht zu bieten.
Im deutschen gibt es das Wort „Achtungserfolg“, das Englische ist da – wie so oft – genauer. Dort gibt es den Begriff des „Acclaimed Flop“ für Filme, die bei der Kritik gut ankommen und beim Publikum weniger. Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, „Digger“ von Alejandro G. Iñárritu mit Tom Cruise in der Titelrolle, hat alles, was es für einen richtigen „Achtungserfolg“ braucht und könnte vielleicht sogar ein „Acclaimed Flop“ werden. Da ist zunächst mal der enorme Aufwand, der in absolut jeder Hinsicht betrieben wird. Sowas kommt bei der Kritik immer an und davon bietet „Digger“ mehr als genug. Und dann noch mehr.
Der Look des Films ist wirklich hervorragend geeignet, die Schnösel vom Feuilleton zu blenden, … sorry, die etablierte Kritik zu beeindrucken. Visuell ist das Ganze ein Mix aus Terry Gilliams mittlerer Schaffensphase („Brazil“, „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“) und den Stop-Motion-Filmen von Wes Anderson. Immer wieder sehen wir hyperrealistische, schräge Bilder, deren Perspektive sich dann verschiebt, um die Künstlichkeit einer Theaterinszenierung im Film erkennen zu lassen. Und wieso auch nicht? Der alte Stück-im-Stück-Trick kommt seit „Hamlet“ immer wieder gut an. Und was Weiland Willi Shakespeare recht war, kann Alejandro G. Iñárritu und seinen Autor*innen nur billig sein.
Die vier Autor*innen stellen eine illustre Mischung dar. Alexander Dinelaris war bereits einer der Autoren von Iñárritus „Birdman“, genauso wie Nicolás Giacobone. Sabina Berman stammt, wie auch Iñárritu, aus Mexiko und ist dort seit langem eine bekannte und erfolgreiche Filmemacherin. Aber der vierte Co-Autor ist Jez Butterworth, der u.a. das Drehbuch für den Science-Fiction-Kriegsfilm „Edge of Tomorrow“ mit Tom Cruise verfasst hat, aber auch für „Spectre“. Wir erinnern uns, das ist der Film, in dem rauskommt, dass Blofeld Bonds lange verschollener Adoptivbruder ist und Bonds gesamte berufliche Laufbahn nur einen von vielen Teilen von Blofelds genialem Masterplan darstellt, eine Handlung so absurd, dass sie bereits Jahre zuvor im dritten Austin-Powers-Film parodiert wurde. Und als wäre das noch nicht genug, war Butterworth auch noch einer der Autoren von „Indiana Jones und die saublöde Zeitreise“.
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Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie diese vier unterschiedlichen Talente überhaupt zusammen ein anspruchsvolles Drehbuch verfasst haben wollen. Aber wie das fertige Ergebnis aussieht, überrascht mich wenig. Absurde Situationen aus denen sich noch absurdere Entwicklungen ergeben, Skurrilitäten (bereits nach wenigen Minuten wird einer Katze ein Thermometer rektal eingeführt), Nebenfiguren ohne jede Geschichte oder Aufgabe (nicht nur Sandra Hüllers Figur könnte ersatzlos gestrichen werden), Nebenhandlungen die nirgendwo hinführen (sorry, wenn es die Autor*innen offensichtlich nicht interessiert, wo die Tochter von Tom Cruise abgeblieben ist, kann es dem Publikum erst recht egal sein), eine plumpe Umweltschutzbotschaft (danke, aber dass die Welt von gierigen alten Männern in den Abgrund gerissen wird, hätten wir auch ohne den Film gewusst. Wir sehen es aktuell Tag für Tag in den Nachrichten) und Dialoge, die Gesellschaftskritik vermitteln, die man vielleicht als Teenager goutieren kann.
Das Herzstück des Films ist Diggers großer Monolog vor etwas, das vielleicht der Rat der Europäischen Union sein soll (so genau kommt das und vieles andere in diesem Film nicht raus). Wir denken bitte an große Film-Monologe wie „Coffee is for Closers“ oder besser noch „You can’t handle the truth“. Und nun stellen wir uns die Intensität ums Zehnfache gesteigert vor, also auf das übliche Level von Tom Cruise. Und weil wir es mit Tom Cruise zu tun haben, dauert dieser Monolog dreimal so lang wie nötig. Und natürlich kann er währenddessen nicht stillstehen. Nein, er muss dabei herumturnen, und -klettern und Angreifer abwehren. An einer Stelle wird er sogar verletzt und blutet, alles in einer Einstellung, damit wir auch sicher mitbekommen, was Tom Cruise hier leistet.
Wie bereits erwähnt, ist dieser Monolog lang. Sehr lang. Er ist laaaang. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, er dauert zehn Minuten, die einem aber wie eine Stunde vorkommen. Der Dialog ist so lang, dass das bisschen Wirkung seiner plumpen Gesellschafts- und Konsumkritik noch während des Dialogs wieder schwindet, eben weil das Ganze viel zu lang dauert und viel zu konfus ist. Stellen wir uns vor, Jack Nicholson hätte nach „You can‘t handle the truth“ elendslang salbadert, wie seine Figur als junger Mann zu den Marines gekommen ist, womit sich seine Schwester so die Zeit vertreibt, warum ihn das Gericht und alle Beteiligten mal die Sackhaare schamponieren können und das alles und noch mehr, während er auf den Lehnen der Bänke im Gerichtssaal herumturnt.
Die Szene mit dem Monolog ist auch ein wunderbares Beispiel für die immer wieder konfus wirkende Regie. Die ersten zwei Drittel dieses Monologs sind in einer einzigen langen und sicher aufwendigen Einstellung aufgenommen, hauptsächlich damit das Feuilleton über Tom Cruise’s „Tour de Force“ schreiben kann. Aber plötzlich, nach mehreren Minuten, aber lange vor dem Ende des Monologs (wie gesagt, der Monolog ist lang), sind mehrere Schnitte zu sehen, die dort nicht sein müssten. Dem Betrachter erschließt sich nicht, wieso diese Schnitte sein müssen. Sollten sie aus technischen Gründen nötig gewesen sein, hätte Iñárritu sich bei Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ abschauen können, wie man solche Schnitte leicht verbergen kann.
Mother Nature, she loves a Winner!
Aber nicht nur filmtechnisch wird hier enormer aber wirrer Aufwand betrieben, der durch das bisserl Substanz nie richtig gerechtfertigt wirkt. Auch die erstklassige Besetzung macht viel und erreicht nur wenig. Seit langer Zeit lieben und schätzen wir den großartigen Michael Stuhlbarg für seine feinen, subtilen Darstellungen in Filmen wie „A Serious Man“ oder „Shape of Water“. Hier sehen wir ihn eine Nebenrolle spielen, wie man sie in jedem Kasperltheater subtiler gestaltet sieht. Riz Ahmed („The Negotiator“) wirkt in diesem Film nervös und trägt eine falsche Nase. Warum er eine falsche Nase tragen muss, ist unklar. „Digger“ ist nicht die Art von Film, in der sich solche Feinheiten erschließen.
Jesse Plemons („Bugonia“) ist sicher einer der besten Schauspieler unserer Zeit. Er hat in diesem Film vier Szenen, eine davon großartig. Diese Szene ist aber nur deshalb großartig, weil Jesse Plemons sie spielt. Und deshalb wirkt sie auch wie aus einem ganz anderen Film hier hineingeschnitten. Der großartige John Goodman spielt eine Art schlampige Parodie auf all seine großartigen Nebenrollen in so unterschiedlichen Filmen wie „The Big Lebowski“, „10 Cloverfield Lane“, „Kong: Skull Island“ usw. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.
Ich gönne Sandra Hüller ihren internationalen Erfolg der letzten Jahre vom ganzen Herzen. Und ich bin sicher, sie wird im Feuilleton jede Menge Lob für ihre Leistung in „Digger“ ernten. Ich kann trotzdem nur wiederholen, die Rolle hätte ersatzlos gestrichen werden können.
Aber keine und keiner der Beteiligten wird vom Feuilleton so viel Lob für „Digger“ ernten wie Tom Cruise. Und es ist ja auch wirklich schön, wenn er sich endlich daran erinnert, was für ein guter Schauspieler er mal war, bevor er seine Karriere darauf beschränkt hat, schnell durch die Hauptstädte der Welt zu laufen und auf ihren Wahrzeichen herumzuklettern.
Für die jüngeren Leser*innen, die Tom Cruise nur als Weltretter in Eile kennen: der Mann kann auch anders. Dustin Hoffman hat seinen Oscar für „Rain Man“ mindestens zur Hälfte Tom Cruise zu verdanken, der eine fantastische, subtile Leistung gezeigt hat, während Hoffman daneben einfach aufgespielt hat. Später war Cruise großartig in so unterschiedlichen Filmen wie „Geboren am 4. Juli“ und „Eine Frage der Ehre“. Vor mehr als 25 Jahren wirkte er als Teil einer der besten Besetzungen aller Zeiten in einem der besten Filme aller Zeiten mit. Und obwohl ich Sir Michael Caine immer geschätzt habe, muss ich festhalten, den Oscar für die beste Nebenrolle hätte damals Tom Cruise für „Magnolia“ verdient.
Natürlich ist Herrn Cruise’s Rückkehr ins sogenannte „ernste Fach“ begrüßenswert. Aber diese Rückkehr geschieht ja doch leider sehr im Tom Cruise-Stil. Statt einer subtilen Charakter-Studie wie in „Magnolia“ oder „Rain Man“ überfällt er uns mit Bombast, Aufwand und Überschwang. Sechs Stunden soll es jeden Tag gedauert haben, um den 64-jährigen Tom Cruise mit viel Make-Up und Prothesen an Gesicht und Körper in einen Mann von Mitte Sechzig zu verwandeln. Na, wenn das Feuilleton davon nicht beeindruckt ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Und am Ende passt auch seine Darstellung zum enormen Aufwand und dem ganzen Rest des Films. Mit viel Energie wird viel Wirkung nach außen getragen. Mal sehen, wer sich davon vom allgemeinen Mangel an Substanz ablenken lässt.
Fazit
Tom Cruise braucht einen Achtungserfolg. Den wird ihm dieser Film bescheren. Die internationale Kritik wird seine Leistung loben, das steht fest. Bei allem wirklich beachtenswerten Aufwand zeigt der Film am Ende leider die inhaltliche Substanz einer besseren „Southpark“-Folge.
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