Sinn und Sinnlichkeit - Kinostart: 15.10.2026

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Noch eine Verfilmung dieses Romans von Jane Austen? Ist das wirklich nötig?
 
I wish, as well as everybody else, to be perfectly happy …
 
Ich werde jetzt hier sicher keine CliffsNotes eines der berühmtesten Romane der englischen Literatur wiedergeben. Wer weder den Roman kennt noch die hervorragende Verfilmung von 1995, darf Google bemühen. Und weil ich eben die Version von 1995 erwähnt habe, darf ich gleich folgendes festhalten: dieser erste westliche Film von Ang Lee ist eine der besten Literaturverfilmungen in der Geschichte des Kinos. Kaum jemand hat jemals einen Oscar mehr verdient als Emma Thompson damals die Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch.
 
Und genau deshalb habe ich mich auch gefragt, ob eine weitere Verfilmung dieses Romans wirklich nötig sei? Und auch, weil ich die Meinung des großen Mark Twain über Jane Austens Prosa teile, der einmal geschrieben hat: „Everytime I read 'Pride and Prejudice' I want to dig her up and beat her over the skull with her own shin-bone.“. Jane Austen hat verhuschte Prosa über verhuschte Charaktere geschrieben, die nur ernst nehmen kann, wer selbst leicht neben der Spur läuft. Ich darf mir dieses Urteil erlauben, hatte ich doch Beziehungen zu nicht weniger als zwei verschiedenen Frauen, die glühende Jane-Austen-Verehrerinnen waren und das, obwohl Twain bereits vor einem Jahrhundert gewarnt hat: „Why I go so far as to say that any library is a good library that does not contain a volume by Jane Austen. Even if it contains no other book.“.
 
Wie konnte es also die junge Regisseurin Georgia Oakley für eine gute Idee halten, diese durch und durch altmodische (und ich wiederhole: verhuschte) Vorlage zu verfilmen und ihren Film dem Vergleich mit einer der besten Literaturverfilmungen aller Zeiten auszusetzen? Vielleicht weil die junge Frau Oakley einfach eine echte Künstlerin ist. Weil sie in ihrem Film den Mut, nein die Waghalsigkeit erkennen lässt, die nur echte Vollblutkünstler*innen zeigen. Weil sie das Auge einer kompromisslosen Künstlerin hat, die sieht und zeigen will, was wahr und von Belang ist, ganz egal ob es schön oder gefällig ist.
 
Georgia Oakley braucht den Vergleich ihres Films mit der Version von 1995 nicht zu scheuen, weil es da kaum etwas zu vergleichen gibt. Vor über dreißig Jahren hat ein bereits etablierter Regisseur einige der damals größten Talente des britischen Films versammelt (Hugh Laurie hatte eine lächerliche Nebenrolle und der großartige Tom Wilkinson genau eine Szene) um allen Fans von Jane Austen eine wunderschöne Verfilmung dessen zu bieten, was sie immer schon mochten. Gut dreißig Jahre später schafft es die junge, unbekannte Georgia Oakley mit jungen, aber noch wenig bekannten Talenten, diese reichlich angestaubte Vorlage in ein psychologisches Drama für die modere Zeit zu verwandeln. Die Version von 1995 war vor allem für Austen-Fans gemacht. Die aktuelle Version ist geeignet, jeden echten Filmfan zu begeistern.
 
Dazu trägt auch die ebenfalls noch unbekannte Autorin Diana Reid bei. Die junge Dame hat vorher noch nie ein Drehbuch verfasst. Und hat es nun unter anderem irgendwie geschafft aus den anstrengend gestelzten und weitgehend unlesbaren Dialogen des Originals etwas zu schaffen, dem man gerne und mit Interesse lauscht. Dabei hat sie Austens Sprache aus der Zeit um 1800 nicht wesentlich verändert. Die Dialoge des Films klingen immer zeitgemäß und an keiner einzigen Szelle anachronistisch oder modernisiert. Nein, Diana Reid hat Austens Dialoge bloß so verdichtet, dass uns die Substanz des Gesagten sofort erreicht. Einer der Kernsätze des Films, die verzweifelt klagende Frage der jungen Marianne an ihre ältere Schwester, „Must you always preach caution?!“ findet sich so an keiner Stelle der Vorlage und fängt trotzdem Ursache und Wirkung des Konflikts zwischen den Schwestern ein.
 
Diana Reid lässt sowohl „Sense“ als auch enorme „Sensibility“ erkennen, wenn es um die Figuren geht. Die jüngere Schwester Marianne ist hier nicht hysterisch verknallt. Sie liebt und lebt nur anders als ihre Schwester. Und Elinor ist nicht krampfhaft nüchtern und vernünftig, sie agiert nur umsichtiger und rücksichtsvoller. Und diese „Sensibilty“ endet nicht bei den Hauptfiguren. Wir sehen hier die erste Version dieses Stoffes, in der keine der Nebenfiguren der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Mrs. Jennings ist hier nicht einfach „die komische Alte“, sondern eine interessante Person mit Lebenserfahrung und Charakter. Auch der Halbbruder und leider rechtmäßige Erbe des Familiensitzes und seine Frau sind hier keine gierigen Witzfiguren, sondern Produkte ihrer Zeit und ihres Umfelds.
 
… but, like everybody else, it must be in my own way.
 
Nach dieser feinsinnigen Vorlage hat Georgia Oakley einen Film inszeniert, der trotz des vielen Dialogs die Handlung vor allem zeigt und nicht ständig erklärt. Bereits zu Beginn des Films finden wir uns innerhalb weniger Minuten zurecht und können die schwierige Situation der Hauptfiguren leicht nachvollziehen. Dabei zeigt uns Oakley immer wieder Bilder, die zuerst wahr sind und die Handlung vorantreiben und dadurch schön werden. Das Cottage, in das die Familie ziehen muss, ist nicht schön. Aber mehr als schön ist es, wenn wir sofort vermittelt bekommen, was es für die Charaktere bedeutet, dort einziehen zu müssen. Die Schwestern laufen nicht immer in den feinsten Kleidern herum und selbst während eines Ballbesuchs, sehen wir besser gekleidete Damen. Aber die Kleider, Frisuren und viele andere Kleinigkeiten wirken hier immer im höchsten Maße authentisch. So vermitteln uns die Bilder kaum jemals bloße Schauwerte, aber immer eine Geschichte, die sich stets interessant weiterentwickelt.
 
Wunderbar anzusehen ist auch die Arbeit der gesamten Besetzung. Wir sehen hier vielleicht (noch) keine großen Stars. Aber selbst die kleinsten Nebenrollen sind mit echten Könner*innen besetzt. Fiona Shaw ist in Großbritannien eine Theaterlegende. Die meisten von uns kennen sie vielleicht als Tante, die ihren Neffen unter der Treppe leben lässt, bis er endlich auf die Zauberschule gehen kann. Sie steckt Energie und Erfahrung in die vergleichsweise kleine Rolle der Mrs. Jennings, die sich auf den Rest der Besetzung zu übertragen scheint. Bodhi Rae Breathnach („Shelter“) ist hier kein nerviges Kind, sondern eine weitere junge Dame im Werden. Die Irin Caitríona Balfe war schon das emotionale Zentrum von „Le Mans 66“. Hier hält sie eine Familie und damit einen Film zusammen.
 
Der Norweger Herbert Nordrum wirkt zunächst stoisch und unnahbar, vermittelt aber großartig, was sein Colonel Brandon unter der beherrschten Oberfläche denkt und vor allem fühlt. Frank Dillane ist kein gedankenloser Hallodri, sondern ein Mann, dem es zu lange zu gut ergangen ist. George McKay zeigt hier auf ganz andere Art als in „1917“ eine Studie in Ehre und Pflichtgefühl. Die noch recht unbekannte Esmé Creed-Miles ist eine zauberhafte Marianne, die einfach zu viel fühlt und noch nicht genug versteht.
 
Womöglich waren „Der Gesang der Flusskrebse“ und „Twisters“ nicht wirklich geeignet zu zeigen, was Daisy Edgar-Jones als Darstellerin zu leisten vermag. Hier nimmt sie alles, was Drehbuch und Regie ihr zur Verfügung stellen und findet in sich selbst noch einiges mehr und versorgt uns mit einer der besten darstellerischen Leistungen des Jahres. Hier sieht man keine Schauspielerin bei der Arbeit. Hier erlebt man eine oft verzweifelte junge Frau, hin und hergerissen zwischen Wunsch und Konvention, Gefühl und Pflicht, Schmerz und Verständnis. Dabei spielt Daisy Edgar-Jones kaum jemals groß auf. Stets liefert sie die richtige Mischung aus „Sense and Sensibility“ und macht den Film auch wegen ihrer Leistung sehenswert.
 
 
Fazit
 
Ja, noch weitere eine Verfilmung dieses Romans von Jane Austen war dringend nötig. Weil hier begabte junge Filmemacherinnen etwas ganz Besonderes in dieser verhuschten alten Vorlage gesehen haben, das vorher niemand darin gesehen hat. Und zusammen mit einer begabten Besetzung lassen sie dieses Besondere nun auch das Kinopublikum sehen. Wir müssen uns jetzt bloß noch ein paar Kinokarten kaufen.
 
PS: Als kleinen Service, für alle Leser*innen, die so etwas goutieren, möchte ich noch mein Lieblingszitat von Mark Twain nachreichen. In einem Brief an einen Freund kritisiert Twain zunächst Edgar Allan Poe, kommt aber schnell wieder auf unsere gemeinsame Freundin: „To me his prose is unreadable -- like Jane Austin's [sic]. No there is a difference. I could read his prose on salary, but not Jane's. Jane is entirely impossible. It seems a great pity that they allowed her to die a natural death.“ Und da sagt unser Chefredakteur, ich soll nicht immer so hart urteilen ...
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Georgia Oakley
  • Drehbuch: Diana Reid
  • Besetzung: Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles