Es spricht eigentlich nichts gegen eine weitere Quentin Tarantino/Robert ...
... Rodruigez-Kopie im Kino. Und auch nichts gegen Gewaltpornographie …
You little shit!
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Im Mittelpunkt des Films steht eine junge Frau, die eine Nacht im „Virgil“ überstehen muss – dem geheimnisvollen Unterschlupf einer dämonischen Sekte, in dem auf Schritt und Tritt todbringende Gefahren lauern. Um nicht zum nächsten Opfer zu werden, muss sich die Protagonistin in einer ebenso kompromisslosen wie bildgewaltigen Schlacht voller spektakulärer Kills und rabenschwarzem Humor behaupten.“ FUCK IT, BITCH! Vergesst die verfickte Handlung! Sie ist nur ein Vorwand für jede Menge Kraftausdrücke und noch mehr Verstümmelungen durch Hieb-, Stich- und Schusswaffen. Und das soll von mir aus auch in Ordnung gehen.
Vor über dreißig Jahren brachten zwei junge Filmemacher frischen Wind ins Filmgeschäft. Quentin Tarantino drehte mit einem recht kleinen Budget von 1,2 Millionen Dollar „Reservoir Dogs“, dessen Erfolg es ihm ermöglichte „Pulp Fiction“ zu drehen, einen der wichtigsten und einflussreichsten Filme der Filmgeschichte. Im gleichen Zeitraum drehte Robert Rodruigez für lächerliche 9.000,- Dollar „El Mariachi“. Der Film spielte zwar nur 2 Millionen Dollar ein, da das aber das zweihundertzweiundzwanzigfache (!) seines Budgets war, durfte Rodruigez bald danach mit einem knapp tausendmal höheren Budget den gleichen Film nochmal drehen. In „Four Rooms“ arbeiteten die beiden jungen Filmemacher erstmals am gleichen Projekt. Es folgten u.a. „From Dusk Till Dawn“ bevor die beiden mittlerweile etablierten Filmemacher vor knapp 20 Jahren ihr „Grindhouse“-Projekt umsetzten.
Sowohl Tarantinos „Death Proof“ als auch Rodruigez‘ „Planet Terror“ taten so als würden sie uns starke Frauen als Heldinnen präsentieren, obwohl beide Filme vor allem Gewalt- (und im Falle von „Planet Terror“ auch Ekel-)Pornographie waren. Sicher hervorragend gemachte Gewaltpornographie aber am Ende eben doch vor allem Gewaltpornographie (In diesem Zusammenhang möchte ich eine dringende Empfehlung an unsere weiblichen Leserinnen richten: Solltet Ihr jemals einen Mann kennenlernen, der meint, „Death Proof“ sei sein Lieblingsfilm oder auch nur der beste Film von Quentin Tarantino, LAUFT! BITTE LAUFT WEIT WEG!). Seither gibt es jede Menge Nachahmer dieser Filme, in denen ebenfalls so getan wird, als würde man den Kampf starker Frauen zeigen, während man einfach nur Gewaltpornographie liefert. Mit „Ready or Not 2“ kommt demnächst sogar die Fortsetzung eines solchen Films in die Kinos.
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https://cinepreview.de/index.php/item/1263-they-will-kill-you-kinostart-26-03-2026#sigProId3272f8b033
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Und mit „They will kill you“ kommt jetzt der Vorgänger zu einer recht wahrscheinlichen Fortsetzung eines solchen Films in die Kinos. Und warum auch nicht? Man kann durchaus Gewaltpornographie zeigen, solange zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Einerseits sollte der Betrachter sich dessen bewusst sein, dass er hier Gewaltpornographie konsumiert (Das klingt logisch. Ein kurzer Blick ins Internet lässt aber erkennen, wie selten diese Bedingung erfüllt wird). Die zweite Bedingung wäre, die Gewaltpornographie sollte gut gemacht sein.
Leider erfüllt „They will kill you“ diese zweite Bedingung kaum. Das liegt zunächst an der Regie von Kirill Sokolov, die während der gesamten, mit etwas über 90 Minuten angenehm überschaubaren Laufzeit des Films, bestenfalls so halbwegs funktioniert. Sokolov hat bisher in seiner Heimat Russland kleine, gewaltpornografische Filme gedreht. Das Budget seines bisher teuersten russischen Films lag bei ungefähr einer halben Million Euro. Und so leid es mir tut, bereits die allererste Szene seines ersten internationalen Films funktioniert schon rein gar nicht.
Wir sehen ein Schaufenster mit Schaufensterpuppen und davor eine junge Frau und ein noch jüngeres Mädchen. Natürlich wird sofort klar, was uns die Einstellung vermitteln soll: die beiden sind arm und haben keine richtige Familie, während das Schaufenster uns Wohlstand und klassisches Familienbild vermitteln soll. So weit so wenig subtil. Aber dieses Schaufenster sieht auf so lächerlich dilettantische Art und Weise fake aus, das man es kein bisschen ernst nehmen kann. Man fragt sich, ob Kirill Sokolov schon mal ein echtes Schaufenster gesehen hat? Die haben doch in Russland mittlerweile auch Schaufenster, oder? Was wir in diesem Film sehen, sieht aus, als hätte es vor vierzig Jahren ein sowjetischer Bühnenbildner nach einem vom Politoffizier zensierten Bericht aus dem Ausland entworfen.
Es folgt eine Eröffnungssequenz so voll überflüssigen, expositorischen Dialogs, das man fast meint, eine Parodie auf einen Hollywoodfilm zu sehen. Das Schlimmste an dieser ersten Sequenz ist, dass sie mit ungefähr 90% weniger Dialog ungefähr um 500% besser funktioniert hätte. Die Bilder, die uns Sokolov liefert, funktionieren durchaus und könnten für sich selbst bestehen. Der redundante, erklärende Dialog ruiniert einfach alles. Man möchte Sokolov eine DVD von Zack Snyders „Sucker Punch“ schicken, einem weiteren Beispiel für Quentin Tarantino und Robert Rodruigez kopierende Gewaltpornographie, aber eben einem mit einer wirklich gut gemachten Eröffnungssequenz.
Sokolov inszeniert vor allem dramatische Szenen leider sehr ungeschickt und plump. So lässt er es in ganz unterschiedlichen Szenen die über einem Zeitraum von mehreren Jahren an verschiedenen Orten der USA spielen, immer in Strömen regen, weil er seinem Publikum nicht zutraut, die Tragik und/oder Dramatik dieser Szenen zu erfassen. Und das Ausschalten von Deckenlampen erzeugt Geräusche wie zuschlagende Bunkertüren, damit das Publikum auch auf jeden Fall die Bedrohung der plötzlichen Dunkelheit erfassen kann.
Die Actionszenen mit all ihren Verstümmelungen sind dann durchaus flott und unterhaltsam gestaltet. In diesen Szenen lässt auch das Drehbuch von Sokolov und Co-Autor Alex Litvak („Predators“) durchaus originelle, visuelle Einfälle erkennen. Ich will nicht zu viel verraten. Aber selten wurden die Regenerationskräfte von Unsterblichen witziger umgesetzt, etwa wenn eine Enthauptete sich trotz offensichtlicher Einschränkungen nicht von der Jagd abhalten lässt und sie die Situation in weiterer Folge auf höchst kreative Art und Weise trotzdem im Auge behält.
Just a flesh wound
Für eine gelungene Quentin Tarantino/Robert Rodruigez-Kopie braucht es aber vor allem witzige Dialoge. Gewaltpornographie ohne unterhaltsame One-Liner hinterlässt leider immer einen fahlen Nachgeschmack. Hier vermag „They will kill you“ leider gar nicht zu punkten. Wie jedem Präpubertierenden hätte auch Sokolov und Litvak irgendjemand erklären müssen, dass Vulgärsprache alleine noch nicht witzig ist. Abgesehen von einer wirklich köstlichen Bemerkung beim Anblick einer Orgie und einem der berühmtesten Zitate aus „Die Ritter der Kokosnuss“ hat dieser Film nur wenig Wortwitz zu bieten.
Dafür dürfen die verschiedenen Darsteller*innen immer und immer wieder im Dialog erklären, was keinerlei Erklärung bedarf. So kompliziert ist diese ganze Gewaltpornographie nun wieder auch nicht. Wenn am Ende dann noch eine ohnehin vorhersehbare visuelle Pointe im Dialog erläutert wird, ist das längst zu viel des Guten. Die behäbige Inszenierung dieser ewigen Erklärungen beeinträchtigt nicht nur die Leistung der sonst so großartigen Patricia Arquette (Oscar für „Boyhood“). Man könnte fast sagen, Frau Arquette redet sich im Verlauf des Films um (Schweine-)Kopf und Kragen.
Und auch seine anderen Nebendarsteller*innen weiß Kirill Sokolov nicht richtig einzusetzen. Eine junge Darstellerin namens Myha’la Herrold bemüht sich als jüngere Schwester der Heldin. Aber weder sie noch Paterson Joseph („Wonka“) erreichen das Publikum emotional. Tom Felton, unser aller Lieblings-Schnösel aus dieser Serie um eine schwer zu erreichende Internatsschule, kann uns in diesem Film nicht einmal eine negative emotionale Reaktion entlocken.
Bitte beachten: Heather Graham spielt in diesem Film mit. Der Star aus Filmen wie „Boogie Nights“ oder „Hangover“ spielt in „They will kill you“ mit. Das ist eine wichtige Information für alle Filmfans, weil man die Dame mittlerweile leider bereits vor den vielen Verstümmelungen, die ihre Figur im Film erleidet, kaum noch zu erkennen vermag.
Das mit weitem Abstand größte Plus dieses Films ist sicher Hauptdarstellerin Zazie Beetz. Diese Darstellerin fiel vor einigen Jahren in „Deadpool 2“ erstmals positiv auf, bevor ihre Leistung noch das Beste am überschätzten „Joker“ war. Leider war sie seither vor allem in recht schwachen Rollen in Filmen wie „Bullet Train“ oder zuletzt in „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ zu sehen. Sollte „They will kill you“ gerade genug Geld einspielen, um die offensichtlich ohnehin bereits geplante Fortsetzung zu gewährleisten, dann wäre das allein Zazie Beetz‘ Verdienst.
Was Zazie Beetz aus ihrer wirklich lächerlichen Rolle macht und wie darüber hinaus spielt, wie sie immer wieder das Zentrum des Geschehens bildet und die Blicke der Kamera und des Publikums auf sich zieht, wie sie ihre Figur sich durch dieses Höllenhaus kämpfen lässt, während sie selbst sich mit eiserner Entschlossenheit durch diesen extrem mittelmäßigen Film kämpft, das alles macht „They will kill you“ dann doch noch ein bisschen sehenswert.
Fazit
Nichts gegen Quentin Tarantino/Robert Rodruigez-Kopien. Und auch nichts gegen Gewalt- und Ekelpornographie. Aber dann sollte das Ganze sehr gut gemacht sein. Das ist hier leider nicht wirklich der Fall. Allein die überaus begabte Hauptdarstellerin macht diesen Film halbwegs sehenswert.
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