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Cruella - Kino/Disney +-Start: 27./28.05.2021

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Disney wagt mit der Live-Action-Verfilmung „Cruella“ eine erstaunlich ...
 
... düstere Origin-Story die als Überraschungshit des gerade wieder erwachenden Kinos gehandelt wird.
 
Für Kinder der 90er Jahre (und deren Eltern) mag es schwer vorstellbar klingen: Ein Film über Cruella de Vil? Die Cruella mit den schwarz-weißen Haaren und immer roten Lippen – meist erstarrt oder zu einem schaurig-grausamen Lachen verzerrt – die 101 putzigen Dalmatiner Welpen das Fell abziehen will, um sich einen Mantel zu schneidern? Warum sollte man über diese Frau einen Film sehen wollen, der dazu auch noch mehr als zwei Stunden dauert? Die Antwort: Es ist herrlich kompliziert.
 
Die junge Estella (Emma Stone) – immer im inneren Kampf mit ihrem bösen Alter-Ego Cruella- räubert sich mit ihren Freunden Jasper (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) durch das London der 70er Jahre. Estellas größte Leidenschaft, Mode, hilft der Gruppe, erfolgreich Diebstahl nach Diebstahl durchzuführen. Doch Estella will mehr als das Gaunerleben und so kommt sie durch ein wenig Trickserei an eine Stelle in einer bekannten Modeboutique. Durch einen „happy accident“ wird die Baroness von Hellmann (Emma Thompson), die Modeikone der Zeit, auf Estellas Talent aufmerksam. Bald jedoch beginnt Estellas Traum, die Modewelt der Punkrock Ära zu erobern, sich in ihren höchstpersönlichen Alptraum verwandelt. Sie muss sich die Frage stellen, ist Cruella - ihre böse, wahnwitzige, aber auch geniale Seite - der richtige Weg, der Welt zu begegnen?
 
Tempo, Tempo, Tempo
 
Anstelle des unverkennbaren himmelblauen Schlosses erscheint das Disney-Logo in düsterer, gewitterwolken-verhangener Atmosphäre am Bildschirm. Die Richtung ist von der ersten Sekunde an klar und von da an wird nicht lang gefackelt: die prägenden Kinderjahre der jungen und rebellischen Estella werden in wenigen Minuten im vollem Tempo erzählt. Der Film bleibt auf dem Gaspedal. Die Montage der Kindheitsrebellion wechselt zur Montage der diebischen, fantastisch gekleideten jungen Erwachsenen um sich wiederum in einem minutenlangen, künstlerischen Dollyshoot durch eine Modeboutique aufzulösen. Dazu eine Erzählstimme, die mit dem aufdringlichen Soundtrack – ein Mix aus Hits der späten 60er und 70er Jahren – um die Aufmerksamkeit der Zuschauer konkurriert.
 
Dass all der Überfluss an Sinneseindrücke nicht erschöpft liegt vor allem an der Schauspielleistung der zwei Hauptdarstellerinnen. Emma Stone ("La La Land“, "Birdman“) befindet sich in all dem Trubel konstant auf dem schmalen Grad zwischen Wahnsinn und Besinnung, zwischen grausamen Genie und angepasster Modeliebhaberin, zwischen Estella und Cruella. Der Monolog, der sie von der Schwelle von Estella zu Cruella treibt, ist so eindrucksvoll gespielt, dass das Zittern ihrer großen Augen in einer Weise an Joaquin Phoenix als „Joker“ erinnert. Zu dem inneren Kampf trifft von außen die Gewalt von Emma Thompson ("Tatsächlich...Liebe, "Saving Mr. Banks"), die als Baroness von Hellmann unerbittlich ihrem Mantra folgt, man dürfe sich nur um sich selbst kümmern.
 
Besonders in der ersten Stunde ist „Cruella“ gefühlt eine Mischung aus klassischen Marvel und Disney-Elementen. Zwar geht durch die Länge von fast zweieinhalb Stunden ein wenig der Atem aus (Tipp: unbedingt für den Abspann bleiben – er sind ein Meisterwerk für sich selbst – und ganz im Superhelden-Movie-Style gibt es außerdem eine Post-Credit-Szene) aber Regisseur Craig Gillespie ("I, Tonya“) hat einen Blick fürs Ganze: Bis ins Detail durchgeplante Inszenierungen von oft langen durchgängigen Aufnahmen stehen dem Aufwand klassischer, per Hand animierten Disneyfilmen wohl wenig nach.
 
Mit dem Filmmusikkomponisten Nicholas Britell ("Moonlight“, "The Big Short”) und der Kostümbildnerin Jenny Beavan (“Mad Max: Fury Road”) hat Gillepsie außerdem sichergestellt, die Atmosphäre des 70er Jahre Punkrock Londons mit Hits wie Clashs „Should i Stay or should i go“ und Nina Simone’s „Feeling Good“ in ein immersives Erlebnis zu verwandeln. Die Nebencharaktere (allen voran Kirby Howell-Baptiste als Artsy) sind mehr als die einfältigen Schergen der ersten Live-Action Version von 1996 – und vor allem haben sie alle ein Herz für Hunde .
 
 
„Normal ist der grausamste Kommentar“
 
Besonders als Erwachsener erntet man oft komischen Seitenblicke, erzählt man einen Disney-Film genossen zu haben. Man fürchtet abwertende, belächelnde Kommentare á la „Der oder die ist wohl noch nicht so weit für anspruchsvolle Unterhaltung – und weil es nichts Kluges zu sagen gibt, singt ständig jemand!“ . Die Geschichte mag nicht alle Hirnwindungen zum Rauchen bringen, doch sind in all dem Prunk und Pomp feine Nuancen eingearbeitet, die zeigen, Disney ist nicht gleich Disney. Es wäre vorschnell, neue Werke in die Reihe „normaler“ Disney-Klassiker einzuordnen. Und - Hardcore-Disney Fans müssen jetzt kurz stark sein – in diesem Film singt außerdem niemand.
 
Der neueste Live-Action-Film aus dem großen Studio ist ambivalenter als andere Disney-Filme. Es wirkt fast wie das Heranwachsen der Wahrnehmung eines Kindes– sprich, er ist ein Schritt heraus aus dem kindlichen Schwarz-Weiß- Denken hin zu Schattierungen und der Einsicht, dass Widersprüche zum Leben gehören. Dass wir sie aushalten müssen. Kann Grausamkeit der richtige Weg sein, den manchmal grausamen Schicksal entgegenzutreten? Führt Selbstbehauptung automatisch dazu, andere weniger wertzuschätzen? Die Antwort ist wohl: Es kommt drauf an. So erklärt der Film auch abschließend nicht, wie sich aus der mit Hunden verbündeten Cruella de Vil eine komplett skrupellose Figur entwickeln kann – es deutet aber alles auf eine Fortsetzung hin. Bis dahin müssen wir die Unsicherheit aushalten.
 
 
Fazit
 
„Cruella“ ist ein Film für alle, die mit ihrer besseren Hälfte darüber streiten, ob es für das Kinocomeback eher der düstere oder der heitere Film sein soll. Mit dem Live-Action Blockbuster haben beide etwas davon - und natürlich für alle, die nach einem harten Jahr des Heimkinos endlich in schweren Kinositzen für zwei Stunden in eine andere Welt versinken wollen.
 
 
 
 
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Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Nadine Zeiler
  • Regisseur: Craig Gillespie
  • Drehbuch: Aline Brosh McKenna
  • Besetzung: Emma Stone, Emma Thompson