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The United States vs. Billie Holiday - Digital-Start: 23.04.2021

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Billie Holiday war eine große Künstlerin und eine afroamerikanische Ikone ...
 
Trotzdem führte sie ein schrecklich trauriges Leben. Lee Daniels Film über diese faszinierende Frau macht auch traurig.
 
Strange Fruit
 
Billie Holiday ist am Ende. Für ein paar Dollar erzählt eine der größten Jazzsängerinnen aller Zeiten einem Reporter die Geschichte ihrer letzten Jahre. Harry Anslinger, der Chef der Bundesbehörde zur Drogenbekämpfung, hat sie über ein Jahrzehnt lang verfolgen, ständig bespitzeln und ihr Fallen stellen lassen. Aber die Sängerin macht es ihren Feinden auch immer wieder allzu leicht. Immer wieder nimmt sie Drogen. Immer wieder lässt sie sich mit den falschen Männern ein. Und immer wieder zerstört diese großartige Künstlerin sich selbst …
 
Nach „Lady Sings the Blues“, mit der großartigen Diana Ross, hat es fast Fünfzig Jahre gedauert, bis ein weiter Film über das Billie Holidays Leben gedreht wurde. Dabei hat die Geschichte dieser Ausnahmekünstlerin nach einer weiteren Verfilmung geschrien. Holiday war eine der größten Sängerinnen aller Zeiten, ihre Lebensgeschichte eine Tragödie, voll von Missbrauch, Drogensucht und Rassenhass. Theoretisch hätte es also nicht viel gebraucht, um nach dieser Vorlage ein packendes Filmdrama zu drehen.
 
Natürlich müssen Filmkritiker alle Filme unvoreingenommen sehen. Aber ich gebe es zu, „The United States vs. Billie Holiday“ lag mir am Herzen, weil mir Billie Holiday am Herzen liegt. Auch heute noch, Jahrzehnte nachdem ich ihre Aufnahme von „The Way You Look Tonight“ zum ersten Mal gehört habe, werden meine Augen immer noch feucht, wenn ich dieses Lied höre. Und Jahrzehnte nachdem ich ihre Autobiografie gelesen habe, möchte ich das kleine Mädchen beschützen und die erwachsene Frau trösten, die so viel Schmerz ertragen mussten. Theoretisch hätte es also nicht viel gebraucht, damit ich diesen Film positiv bewertet hätte. Praktisch funktioniert dieser Film leider nicht.
 
Dieser Film funktioniert nicht als Drama. Es gibt darin keinen dramatischen Entwicklungen. Pulitzerpreisträgerin Suzan-Lori Parks hat ein Drehbuch geschrieben, in dem alles einfach so ist wie es ist. Junkies nehmen Drogen, weil sie Junkies sind. Weiße Männer mit Macht unterdrücken Schwarze, weil sie weiße Männer mit Macht sind. Männer missbrauchen Frauen, weil sie Männer sind. Frauen lassen sich missbrauchen, weil sie Frauen sind. Billie Holiday singt, weil sie nichts anderes kann. In diesem Film gibt es kaum Gründe und schon gar keine Hintergründe. Es werden weder Zusammenhänge noch Entwicklungen gezeigt.
 
Dabei ist es nicht so, dass in diesem Film nichts erklärt würde. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, in wie vielen Szenen uns erklärt wird, Billie Holiday dürfe das Lied „Strange Fruit“ nicht singen. Aber trotz des vielen Dialogs wird nie so recht klar, warum der Vorsitzende einer mächtigen Regierungsorganisation Angst vor einer Sängerin und ihrem Lied hat. Bei diesem und vielen anderen Themen erinnert der Film an den Unterricht eines schlechten Lehrers, der immer wieder betont wie wichtig Stochastik oder die Bündnispolitik vor dem ersten Weltkrieg sind und es trotzdem nicht schafft seinen Schülern zu vermitteln, wofür man das eine braucht oder wozu das andere geführt hat.
 
God bless the Child
 
„The United States vs. Billie Holiday“ funktioniert aber auch nicht als Künstlerbiografie, weil wir Billie Holiday nie kennenlernen. Was uns Regisseur Lee Daniels („Der Butler“) von seiner Hauptdarstellerin Andra Day in ihrer ersten Hauptrolle vorführen lässt, ist keine große Künstlerin, keine Kämpferin, keine schwarze Ikone. Wir sehen eine zickige Diva, die immer wieder Heroin spritzt wenn ihr das Leben zu anstrengend wird und nebenbei einen furchtbaren Männergeschmack hat.
 
 
Die Qualität einer Künstlerbiografie zeigt sich vor allem, wenn sie auch Filmfans anspricht, die mit dem Leben und dem Werk des Künstlers nicht vertraut sind. Man muss kein Fan von Johnny Cash oder Elton John sein, um die Tragik von „Walk the Line“ oder den Wahnsinn von „Rocketman“ mitfühlen zu können. Ich fürchte, ein unbedarfter Zuseher könnte über die Hauptfigur von „The United States vs. Billie Holiday“ vermutlich denken: „Naja, wenn sie sich immer wieder Männer sucht, die sie verprügeln, ist die Junkie-Braut ja wohl selbst schuld.“.
 
Selbst der Zuseher, der mit Billie Holidays Geschichte vertraut ist, kann zwar die gute Absicht des Films erkennen, aber nicht ignorieren, wie selbst gut gemeinte Szenen einfach nicht funktionieren. Was sollen wir von der Szene halten, in der eine Figur zum ersten Mal zusammen mit Billie Holiday Heroin spritzt und dann von der Sängerin auf eine Traumreise zum Missbrauch in ihrer Kindheit mitgenommen wird? Holiday und Millionen anderer Menschen mit ähnlichen Geschichten nahmen und nehmen Drogen um ihre Traumata ausblenden zu können, nicht um sie zu teilen.
 
Eine Szene, in der die Sängerin Zeugin eines furchtbaren Verbrechens wird, führt nahtlos zum Drogenkonsum. Soll das eine die Begründung für das andere sein? Und falls ja, ist das nicht furchtbar plump? Noch viel plumper und damit kaum zu ertragen, ist eine Sexszene, in der die Hauptfigur wohl zum ersten Mal echte Intimität mit einem Mann erleben soll. Eine weitere Sequenz, an deren Ende Holiday wieder einmal verhaftet wird, ist purer Slapstick und man fragt sich, was soll denn das? Keine einzige Szene des Films ist aber so sinnlos und plump geraten, wie die in der ein Konzert wegen eines Todesfalls abgesagt wurde und wir anschließend die Information, wer beerdigt wurde, wie die Pointe eines schlechten Witzes serviert bekommen.
 
In einem Film, bei dem Drehbuch und Regie weder das Thema noch die Hauptfigur verstanden haben, gibt es für die Darsteller nichts zu gewinnen. Oder vielleicht doch? Immerhin wurde die Sängerin Andra Day in ihrer ersten Hauptrolle für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Warum ist unklar. Ja, Frau Day schlägt sich tapfer und muss in der Rolle einiges aushalten. Aber in den Gesangsszenen liefert sie bloß eine passable Holiday-Imitation. Und in den dramatischen Szenen wirkt sie abwechselnd zickig oder bedröhnt. Nie bekommen wir einen echten Charakter zu sehen, ganz zu schweigen von einer echten Billie Holiday.
 
Trevante Rhodes („Moonlight“) spielt den schwarzen Bundesbeamten, der bloß eine Marionette des weißen Mannes ist, zunächst als furchtbar dummen jungen Mann und im weiteren Verlauf des Films immer noch als recht dummen jungen Mann.
 
Der gutaussehende, gerade mal Sechsundreißigjährige Garrett Hedlund („Tron: Legacy“) spielt Harry Anslinger, den Chef der Drogenbehörde, der zur Zeit der Handlung um die Sechzig und übergewichtig war. Ich würde gerne sagen, Hedlunds Darstellung sei klischeehaft. Aber ein Klischee hätte vielleicht etwas zum Film beigetragen. Hedlunds Dialogzeilen hätte man auch als Untertitel einblenden oder aus dem Off einsprechen lassen können und der Film wäre dadurch vielleicht interessanter geworden.
 
Einige sehr gute afroamerikanische Darsteller verschwenden ihr Talent in der ewiggleichen Rolle des bösen, schwarzen Mannes, der seine Frau schlägt.
 
 
Fazit
 
Dieser Film macht traurig, weil seine Macher mit viel Aufwand eine großartige Gelegenheit verpasst haben. Ein gelungener Film über Billie Holiday steht noch aus und ist längst überfällig.
 
Ab 23. April digital zum Kauf erhältlich. Ab 30. April digital zum Leihen und ab 14. Mai auf Blu-ray/DVD.
 
 
Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Lee Daniels
  • Drehbuch: Suzan-Lori Parks
  • Besetzung: Andra Day, Trevante Rhodes