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Die Grundschullehrerin

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Aus Hollywood kam “Bad Teacher”. Hierzulande hat man Goethe bereits dreimal ...
 
... gesagt, was man von ihm hält. Aber aus Frankreich kommt nun ein Film, der uns eine echte Lehrerin und ihren Alltag zeigt.
 
Der Ernst des Lebens
 
Florence unterrichtet eine fünfte Klasse in einer Grundschule in Grenoble. Ihre Schüler werden am Ende des Jahres in eine weiterführende Schule wechseln. Die engagierte Lehrerin zeigt im Job echte Leidenschaft. Sie übt sogar daheim für den Unterricht. Eines Tages setzt man ihr Sacha, einen Schüler aus einer anderen Klasse, in ihren Klassenraum. Er darf nicht mit dem Rest seiner Klasse zum Schwimmunterricht mitkommen, weil er seine Badesachen nicht dabei hat. Als andere Schüler den ungepflegt wirkenden Jungen aufziehen weil er stinkt, wird er schnell gewalttätig. Erst Florence gelingt es, ihn zu beruhigen. Im Büro des Direktors erfährt sie, dass seine Mutter bereits seit einigen Tagen nicht mehr daheim war. Einen Vater gibt es nicht. Als Notfallkontakt ist Mathieu, ein alter Exfreund der Mutter, angegeben. Schnell ist Florence emotional involviert. Aber da ist auch noch ihrer eigener Sohn, der gleichzeitig ihr Schüler ist. Der Elfjährige will ein Jahr mit seinem Vater auf Weltreise gehen...
 
Anders als die obengenannten Beispiele aus den USA und Deutschland spielt „Die Grundschullehrerin“ in der Realität. Es gibt keine einfachen Antworten, keine schnellen Lösungen. Alles hat mindestens zwei Seiten. Ein Streit zwischen der engagierten Florence und einer emotional eher distanzierten Lehrerkollegin zeigt, wie nachvollziehbar ihre unterschiedlichen Haltungen sind. Als Florence Mathieu um Hilfe bittet, damit Sacha nicht vom Jugendamt abgeholt wird, antwortet dieser, genau das wäre das Beste für den Jungen. In einer anderen Szene gelingt es Florence endlich, mit Sachas Mutter zu sprechen. Wir sehen, diese Frau fühlt sich als Opfer nicht als Täterin. Damit hat die Mutter sicher Recht, aber anders als sie meint. Als die Lehrerin in einer Situation mit einer autistischen Schülerin nicht sehr sensibel entscheidet, reagiert die Mutter der Schülerin etwas empfindlich. Trotzdem hat jede der beiden Frauen recht mit dem was sie sagt.
 
 
Das Drehbuch wirkt an manchen Stellen ein wenig unausgereift. Manche Nebenhandlungsstränge werden dann doch zu einfach aufgelöst. Und die Regie lässt teilweise eine klare Linie vermissen. Aber „Die Grundschullehrerin“ zeigt echte Menschen in realen Situationen. Kinder sind hier nicht süß. Sie sind oft bemerkenswert, stellen sich manchmal dumm an und sind meistens anstrengend. Auch Florence ist keine strahlende Heldin. Sie macht Fehler, reagiert emotional wenn sie nachdenken sollte und ist verletzt, wenn ihr eigener Sohn nicht alles so sehen will wie sie. Matthieu ist trotz seines Helms kein Ritter in strahlender Rüstung. Er weiß, verantwortlich handeln kann auch bedeuten, eine Verantwortung nicht zu übernehmen. Wenn die Lehrer an der Schule eine Referendarin über die Feinheiten ihres Jobs aufklären, sehen wir weder großherzige Pädagogen, noch miese Pauker. Diese Menschen opfern sich für ihre Schüler nicht auf, sondern haben eigene Sorgen. Als die Lehrerin in einer Situation mit einer autistischen Schülerin etwas unsensibel entscheidet, reagiert die Mutter der Schülerin empfindlich. Trotzdem hat jede der beiden Frauen recht mit dem was sie sagt.
 
Lehrer und Schüler
 
Die gebürtige Dänin Sara Forestier haben wir u.a. als France Gall in „Gainsbourg“ gesehen. Hier spielt sie erfrischend natürlich. Selbst wenn das Drehbuch gegen sie arbeitet, bleibt sie immer glaubwürdig.
 
Vincent Elbaz („Madame Mallory und der Duft von Curry“) hätte man in seiner Rolle als Mathieu ein paar zusätzliche Szenen gewünscht. Seine Figur und der ganze Film hätten davon profitiert.
 
Der junge Ghillas Bendjoudi zeigt als Sacha eine angenehm zurückhaltende Darstellung. Dadurch wirken seine Gewaltausbrüche noch intensiver. Es berührt uns, wenn er mit kindlichem Fatalismus über seine Mutter sagt, „Sie kommt bald zurück. Sie kommt immer zurück.“
 
Besondere Erwähnung verdient die junge Hannah Brunt. Das tatsächlich autistische Mädchen zeigt trotz ihrer Einschränkung eine bemerkenswerte Leistung. Zusammen mit Guilaine Londez, die ihre Betreuerin spielt, ist sie für die schönste Szene des Films verantwortlich.
 
 
Fazit
 
„Die Grundschullehrerin“ ist ein kleiner, feiner Film, der sicher seine Schwächen hat. Die werden aber durch ein hervorragendes Ensemble ausgeglichen. Für Kinder, Lehrer und jeden der sich noch erinnert, wie es wirklich war, in die Grundschule zu gehen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Hélène Angel
  • Drehbuch: Hélène Angel
  • Besetzung: Sara Forestier, Vincent Elbaz