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David Copperfield: Einmal Reichtum und zurück - Kinostart: 24.09.2020

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Und wieder wird ein Klassiker der Weltliteratur verfilmt. Ob diese ...
 
... Adaption etwas Neues zu bieten haben wird …?
 
Ob ich mich als Held meiner eigenen Lebensgeschichte herausstelle …
 
David Copperfield wird im England des 19. Jahrhunderts ohne Vater geboren. Die verwitwete Mutter heiratet wieder und der böse Stiefvater schickt den kleinen David zur Arbeit in eine Flaschenfabrik. Nachdem die Mutter stirbt, zieht David zu einer schrulligen Tante. Just als sich sein Leben zum besseren zu wenden scheint, erleidet er weitere Schicksalsschläge …
 
Die Geschichte von David Copperfield wurde bereits mehrmals verfilmt. In jedem Jahrzehnt scheint eine neue Verfilmung von Dickens autobiografischem Roman zu erscheinen. Eine weitere Verfilmung steht vor dem gleichen Problem, wie der Held des Romans, der sich fragte, „ob ich mich als Held meiner eigenen Lebensgeschichte herausstelle oder ob jemand anderem diese Rolle zukommt …“.
 
Dickens pflegte alle seine Romane mit illustren, skurrilen Nebenfiguren zu bevölkern. Selten war er dabei kreativer als in „David Copperfield“. Und Regisseur und Co-Autor Armando Ianucci und sein langjähriger Autorenkollege Simon Blackwell („Veep“, „In the Loop“) haben, so weit ich das beurteilen kann, lassen jede einzelne der vielen Charaktäre der Vorlage auch im Film auflaufen.
 
Das lässt den Film bunt und manchmal etwas schrill wirken. Manchmal fühlt man sich an altmodische Schelmenstücke am Theater erinnert. Sehr viel öfter aber an die Filme von Wes Anderson, wie „Grand Budapest Hotel“. Man kann jetzt darüber sinnieren, ob Wes Anderson von Dickens beeinflusst wurde (sicher) und ob sich Iannuci nur von Dickens oder eben auch von Anderson beeinflussen ließ (ziemlich sicher).
 
So oder so kann man einen Film von zwei Stunden Länge nur mit so und so vielen illustren, skurrilen Nebenfiguren füllen bevor es ermüdend wird. Die Vorlage ist gut 1000 Seiten stark und ist zunächst als Fortsetzungsroman erschienen. Nicht bloß wird das alles im Film recht bald ein bisschen viel. Die Filmemacher werden diesen vielen Nebenfiguren irgendwann nicht mehr gerecht. Die unglückliche Geschichte der armen Emily, die dem verwöhnten Steerforth verfällt, verkommt zu einer bloßen Episode. Weder ihr Schicksal noch der Tod des Schnösels berühren uns auch nur halbwegs. Gute Menschen verlieren ihr Vermögen, bekommen es aber bald wieder zurück. Auch das geschieht alles viel zu schnell, um einen tieferen Eindruck zu hinterlassen.
 
... oder ob jemand anderem diese Rolle zukommt ...
 
Noch ein Wort zur bunten Schar der vielen Protagonisten: „David Copperfield“ (der dumme Untertitel „Einmal Reichtum und zurück“ verdeutlicht bloß wie wenig Ahnung man beim deutschen Verleih von Film, Literatur und Kultur ganz allgemein hat) ist ein löbliches Beispiel für „colorblind casting“. In der Oper lässt man seit Jahrzehnten immer die Sänger die Partien singen, die am besten dafür geeignet sind und zwar unabhängig von Abstammung. So war einer der größten Erfolge der schwarzen Sopranistin Jessye Norman Wagners „Isolde“. In Film und Fernsehen kannte man dafür jahrelang nur einzelne Beispiele, wie Morgan Freemans Rolle in „Die Verurteilten“ oder Mos Def in „Per Anhalter durch die Galaxis“.
 
In „David Copperfield“ sehen wir „colorblind“ oder „nontraditional casting“ in seiner reinsten Form. So spielt zum Beispiel Benedict Wong, dessen Eltern aus China stammen, den Vater von Rosalind Eleazar, die offensichtlich afrikanischer Abstammung ist. Das ist sicher gut gemeint. Und in fast jedem anderen Film in fast jedem anderen Kontext wäre das auch wunderbar. Aber in einem historischen Film, in dem immer und immer wieder auch Standesunterschiede von großer Wichtigkeit sind, vermittelt dieser Film oft – ganz sicher unbeabsichtigt – widersprüchliche Botschaften.
 
 
Wenn eine verwitwete, weiße Frau ein Kind indischer Abstammung bekommt und der anwesende Arzt – sicher rein zufällig – auch Inder ist, wirkt das verwirrend. Wenn dieses indische Kind von einem weißen Arbeitgeber ausgebeutet wird, mag das ein Kommentar auf heutige Zustände sein. Aber was soll es uns sagen, wenn der weiße Arbeitgeber einen willfährigen Assistenten hat, der jedes seiner Worte wiederholt und offensichtlich auch Migrationshintergrund hat? Was sollen wir davon halten, wenn der indische David sich über Untergebene lustig macht, um sich bei einem europäischen Schnösel beliebt zu machen? Im Kontext dieser Handlung war „colorblind casting“ vielleicht nicht die beste Idee.
 
Leider hat der Film davon abgesehen nicht viel Neues zu bieten. Die Regie ist bemüht, wird der Vorlage aber nur selten gerecht. Visuell zeigt der Rahmen einer Erzählung in einem winzigen und trotzdem nicht gefüllten Theater bloß die Grenzen des Budgets auf. Am Anfang des Films sehen wir den Erzähler noch im Bild aber nicht als Teil des Geschehens. Dieser Einfall wird aber nach wenigen Minuten fallen gelassen. Die Drehorte sind nett gewählt, wirken aber teilweise nicht sehr realistisch. Das halb fertige Parlamentsgebäude wäre eine nette Idee gewesen, wenn es nur überzeugender ausgesehen hätte.
 
Einzelne Szenen sind zu grausam, um sie so zu inszenieren, wie Iannucci es getan hat. Körperliche Züchtigung und Kinderarbeit waren im 19 Jahrhundert grausamer Alltag. Eine Figur echten Hunger zu leiden zu lassen, ist eine Sache. Ihr von verständnislosen Verwandten nichts zu essen geben zu lassen, ist eine ganz andere, die man kaum witzig finden mag. Und Zeit im Schuldgefängnis abgesessen zu haben, war für niemanden eine bloße Lücke im Lebenslauf, die es eben zu verbergen galt.
 
Dev Patel ist sympathisch als David Copperfield, mehr aber auch nicht. Wie er verwirrt von Episode zu Episode stolpert, erinnert er an seine Figur aus „Best Exotic Marigold Hotel“ und nicht an einen „Held seiner eigenen Lebensgeschichte“.
 
Tilda Swinton („Dr. Strange“) und Hugh Laurie („Dr. House“) spielen wieder mal skurrile Sonderlinge und verlassen so niemals ihre Komfortzone. Ben Whishaw („Das Parfum“) ist fast zu gut als widerlicher Opportunist Uriah Heep. Der Rest der Besetzung wirkt ebenso kompetent wie sympathisch, teilweise aber eben leider fehlbesetzt.
 
 
Fazit
 
Abgesehen vom „colorblind casting“ bietet diese Neuverfilmung eines Klassikers nicht viel Neues. Regie und Drehbuch wollte zu Dickens Vorlage sonst nichts einfallen. Da helfen auch die durchqweg soliden Leistungen der Darsteller nur wenig.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Armando Iannucci
  • Drehbuch: Simon Blackwell
  • Besetzung: Dev Patel, Ben Whishaw
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