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Joker - Kinostart: 10.10.2019

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Dem Joker geht es seit bald 80 Jahren darum, das Chaos über die ...
 
... Ordnung siegen zu lassen. Mit dem neuen Film von Todd Phillips siegt das Marketing über die Filmkunst.
 
Warum denn so ernst?
 
Der Trailer zu Todd Phillips „Joker“ war einer der besten Trailer die je für einen Kinofilm produziert wurden. Die 17 Millionen Aufrufe auf youtube sind hochverdient. Tatsächlich kann ich jedem Filmfan bloß raten, sich dieses kleine, etwas über zwei Minuten lange Meisterwerk nochmal anzusehen. Und sei es bloß, um zu erkennen, wie langweilig und einfallslos die meisten Trailer heutzutage produziert werden. Wenn man den fertigen Film nun in Venedig mit minutenlangen stehenden Ovationen feiert, wenn der Film auf imdb mittlerweile von über 40.000 usern mit durchschnittlich 9,3 bewertet wurde obwohl er erst nächste Woche anläuft, dann sehe ich das Marketing siegen.
 
Der Regisseur Todd Phillips („Hangover“-Trilogie) hat am künstlerisch Scheitern von „Joker“ einen geringeren Anteil als die Drehbuchautoren Phillips und Scott Silver („The Wrestler“). Tatsächlich zeigt Phillips als Regisseur einige sehr schöne Ideen. Viele Kleinigkeiten wie die weinenden Blume, nachdem Arthur zum ersten Mal zusammengeschlagen wurde, bis zu dem wirklich gekonnten Einsatz aller technischen Mittel in diesem - mit einem Budget von 55 Millionen Dollar - vergleichsweise billigen Film, lassen die Fehler der Regie fast vergessen.
 
Leider haben wir erst vor wenigen Wochen ein durch und durch gelungenes „period-piece“ gesehen. Tarantinos „Once upon a time in Hollywood“ hat die späten Sechziger großartig wiederaufleben lassen. Die frühen Achtziger in „Joker“ wirken viel zu künstlich, um uns zu überzeugen. Wenn in einer der miesesten Gegenden Gothams ein VW Käfer auf der Straße parkt, dann dürfen die Chromteile nicht auf Hochglanz poliert blitzen. Und Graffiti sahen vor mehr als Fünfunddreißig Jahren auch anders aus als heute. So erinnert die Ausstattung dieses Films mehr an die von „Downton Abbey“ und kommt nicht an die Wirkung in Tarantinos jüngstem Meisterwerk heran.
 
Sehe ich aus wie ein Kerl, der immer einen Plan hat?
 
Aber die Verantwortung für das Scheitern des Films müssen sich die beiden Drehbuchautoren teilen. Selten hat man ein so nachlässig geschriebenes Drehbuch so ernst genommen und dann mit so großem Aufwand verfilmt. Die Handlungen der Nebenfiguren in diesem Film ergeben oft gar keinen Sinn und dienen nur dazu, den armen Arthur weiter in den Wahnsinn zu treiben. Die Sozialarbeiterin, die nicht zuhört. Der Boss, der Arthus feuert, ohne ihn anzuhören. Der Kollege, der ihm einfach eine Schusswaffe überlässt, …. sie alle sind keine echten Charaktere, sondern bloß Werkzeuge nachlässiger Drehbuchautoren.
 
Ich will nur kurz auf eines der größten Löcher in der Handlung eingehen (es gibt noch genug andere): Arthur hat seinen ersten Auftritt als Stand-up-Comedian an einem open-mic-Abend in einem kleinen Club im Jahr 1982. Ein Video dieses Auftritts gelangt zu den Produzenten einer großen TV-Show und wird in dieser Show gezeigt. Wie bitte soll das passiert sein? 1982 war eine Videokamera fast so teuer wie ein neuer Kleinwagen. Niemand hätte ein derart wertvolles Gerät in einen miesen kleinen Club mitgenommen, um dort auf Verdacht unbekannte Comedians zu filmen. Und selbst wenn, hätte man das Band nicht auf Verdacht an einen Fernsehsender geschickt. Dieser Film, in dem alles möglich immer und immer wieder erklärt wird, verrät uns nicht wie das alles funktioniert haben soll. Liebe Drehbuchautoren, wenn es 1982 nun mal kein youtube gegeben hat, muss man sich eben etwas einfallen lassen.
 
Der größte der vielen Fehler des Drehbuchs ist aber, das Grundkonzept. Dieser Film will uns etwas erklären, das nie erklärt werden sollte. Der Joker in „The Dark Knight“ hat unter anderen deshalb so bedrohlich gewirkt, weil seine Figur nicht erklärt wurde. Er war wie Mephisto, der Geist, der stets verneint, denn alles was entsteht ist wert, dass es zugrunde geht. Hat Goethe uns mit einer Vorgeschichte des Mephisto gequält? Nein, der alte Johnny Wolf wusste genau, wie man Schurken schreibt. Jahrelang war Darth Vader einer der besten Schurken der Filmgeschichte. Meint irgendjemand tatsächlich, George Lucas hätte uns oder seiner Figur einen Gefallen getan, als er uns Vader zuerst als nerviges Grundschulkind und später als jammernden Spätpubertierenden gezeigt hat? „Ich mag Sand nicht“ Ja dann heul doch, Du Weichei!
 
 
Zurück zum Joker: Wir haben hier nicht bloß eine Origin-Story, die niemand braucht. Wir haben hier eine Origin-Story, die nicht funktioniert. Die Story könnte funktionieren, wenn wir gezeigt bekämen, wie ein ausgeglichener Mensch auf originelle Weise dem Wahnsinn verfällt. Aber zu Beginn des Films ist Arthur bereits schwer gestört. Später erfahren wir umständlich in lächerlich schlecht geschriebenen Szenen (in welcher Krankenakte liegen denn Adoptionspapiere?) eine Vorgeschichte von Missbrauch und Verdrängung. Aber so traurig das ist, ergibt das noch lange keine gute Entstehungsgeschichte für den Joker. Schonmal weil Ähnliches tagtäglich wirklich so passiert.
 
Die Origin-Story funktioniert auch deshalb nicht, weil Arthur am Ende des Films schlicht und einfach NICHT der Joker ist. Ist er nicht. Punkt. Der Joker ist ein wahnsinniger aber trotzdem genialer Verbrecher. Er ist ein Meister der Manipulation, der mit Menschen spielt wie mit Schachfiguren. Der Joker plant Millionendiebstähle, spielt Verbrechersyndikate gegeneinander aus und dann spielt er die Polizei gegen Batman aus. Arthur begeht in diesem Film bloß einige durchgeknallte Morde, mehr nicht. Es ist nur der Nachlässigkeit der Polizei (oder eben der Drehbuchautoren) zu verdanken, wenn er nicht lange vor Ende des Films bereits verhaftet wurde. Kurz vor dem Abspann ist Arthur zwar noch wahnsinniger als am Anfang des Films, allerdings hat er nichts von dem Genie des Jokers. Rein gar nichts.
 
Ich glaube, alles, was einen nicht tötet, macht einen komischer
 
Einer der Kritiker zeigt sich bereits vor der Pressevorführung begeistert von der Leistung Joaquin Phoenixs. Natürlich ist seine Performance beeindruckend. Wir sehen hier einen Darsteller, der alles gibt, um uns eine zutiefst gestörte Figur zu vermitteln. Und hier haben wir auch den Unterschied zur Leistung des verstorbenen Heath Ledger. Wir erkennen in „Joker“ immer den Schauspieler bei der Arbeit. In „The Dark Knight“ sahen wir einen genialen Wahnsinnigen, der uns Angst machte. Damals war keine Spur von Heath Ledger mehr auf der Leinwand zu sehen.
 
Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte mal: Phoenix wird für diese Darstellung mit dem Oscar nominiert und vielleicht sogar ausgezeichnet. Falls ich Recht behalten sollte, ändert das nichts daran, dass Ledger die größere Leistung gezeigt hat. Phoenix gibt alles für seine Rolle. Ledger ist in seiner Rolle verschwunden.
 
Die Besetzung von Robert De Niro als Talk-Show-Host ist wie bei jedem von De Niros Filmen in den letzten Jahren eine bloße Marketing-Maßnahme. De Niro bringt nichts Neues oder Originelles in seine Rolle ein. Er hat sich sicher nie alte Aufnahmen von Johnny Carson angesehen. Sein Part wirkt wie aus Outtakes von „Casino“ zusammengeschnitten. Der Altmeister ist für die größte Enttäuschung des Films verantwortlich.
 
 
Fazit
 
Ein furchtbar fehlerhaftes Drehbuch wurde halbwegs kompetent verfilmt. Sowas kommt in Hollywood öfter vor. Das moderne Marketing aber täuscht Kritik und Publikum ein Meisterwerk vor. Damit hat das Chaos die Ordnung besiegt. Nur der einsame Kritiker von cinepreview.de klärt auf. Weil er es ertragen kann. Denn er ist kein Held. Er ist ein stiller Wächter, ein wachsamer Beschützer. Ein dunkler Ritter.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Todd Phillips
  • Drehbuch: Scott Silver
  • Besetzung: Joaquin Phoenix, Robert De Niro
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