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Nur eine Frau - Kinostart: 09.05.2019

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Das Phänomen „Ehrenmord“ mag uns fremd und abstrakt erscheinen.
 
Der neue Film von Sherry Hormann schafft es, uns damit vertraut zu machen.
 
Ich war ein Ehrenmord
 
Am 07.02.2005 wurde Hatun Sürücü, genannt Aynur, von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen. Die Tochter sunnitischer Kurden musste sterben weil sie sich nicht in eine Zwangsehe fügen wollte. Weil sie selbst entscheiden wollte wie sie und ihr kleiner Sohn leben sollten, hatte ihre Familie beschlossen, dass die junge Frau sterben musste. Weil sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und einfach ihr Leben so leben wollte wie es für jeden Menschen im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein sollte, wurde sie mit gerade 23 Jahren erschossen.
 
Drehbuchautor Florian Oeller („Tatort“, „Polizeiruf 110“) lässt Ayur ihre Geschichte selbst erzählen. Und Regisseurin Sherry Hormann („“Wüstenblume“) lässt Aynur den Zuseher während des ganzen Films direkt ansprechen. Diese mutige Entscheidung der Filmemacher ist nur angemessen, wenn es darum geht der Geschichte einer mutigen jungen Frau gerecht zu werden.
 
Und dieses Konzept funktioniert. Es funktioniert vor allem wegen der großartigen Leistung von Almila Bagriacik („Borowski“). Sie spricht uns im doppelten Sinne des Wortes an. Sie ist nicht bloß Aynurs Stimme, wenn sie uns erklärt, wie es zu ihrer Ermordung kommen konnte. Sie ist als Aynur auch immer nahbar, lässt uns nachvollziehen, was mit ihr passiert. Wir spüren ihre Verwirrung, als sie mit gerade mal 15 Jahren plötzlich in der Türkei heiraten muss und von der Mutter furchtbare Ratschläge zur Hochzeitsnacht erhält. Wir können die Verzweiflung spüren, als sie mit 17 Jahren hochschwanger vor der Misshandlung durch den Ehemann zu ihren Eltern in Deutschland flieht und dort kein Verständnis erfährt.
 
Selbst in diesen frühen Szenen spielt Bagriacik die Figur der Aynur niemals als bloßes Opfer. Die Schauspielerin lässt uns erfahren, wie Aynur sie sich vor allem wegen ihres Kindes endlich an das Jugendamt wendet. Der Name des Sohnes, „Can“, bedeutet auf Türkisch „Leben“. Und weil sie für sich und ihr Kind das Leben wählt entwickelt Aynur die Kraft die nötig ist, um bei ihrer Familie auszuziehen, gleichzeitig zu arbeiten, den Schulabschluss nachzuholen und ein Kind großzuziehen. Wenn Aynur zum ersten Mal in ihrem Leben tanzen geht, sich zum ersten Mal verliebt, dann ist es immer Bagriaciks Darstellung, die uns zeigt, wie eine junge Frau als ganzer Mensch leben lernen muss.
 
Archivmaterial, Privatvideos und Fotografien
 
Regisseurin Hormann erzählt Aynurs kurzes Leben in einfachen Bildern und klar strukturierten Sequenzen. Regie, Drehbuch, die ganze filmische Gestaltung mag auf den ersten Blick nicht sehr anspruchsvoll wirken. Aber dieser Film hat den Anspruch zu dokumentieren und eine Geschichte zu vermitteln. Privatfotos und –videos der echten Aynur sind zwar einerseits dokumentarische Stilmittel, vermitteln aber auch auf berührende Weise, welches furchtbare Verbrechen begangen wurde als das Leben dieser jungen Frau ausgelöscht wurde.
 
Fast während des gesamten Films bleibt Judith Kaufmanns Kamera bei der Figur der Aynur. Wenn Aynur unter Druck steht, hat die Kameraführung etwas Gehetztes. Wenn die Figur endlich angenehme, glückliche Momente erlebt, entspannt die Kamera. Zusätzliche Wirkung erzeugen die Standbilder von Fotograf Mathias Bothor. Scharfe gezeichnete, hart wirkende Portraits der Protagonisten vermitteln deren Wesen eindrucksvoller als manche dramatische Szene.
 
Schnitt, Ton und Musik des Films sind angenehm zurückhaltend gestaltet. Der Ton arbeitet ausgezeichnet mit der Kamera zusammen. Nur selten wird in Filmen die Umgebung in der sich die Figuren befinden auch akustisch gezeigt. Dieser Film ist eine seltene Ausnahme. Hier klingen die Räume wie sie aussehen.
 
 
Es gibt die einen Muslime und es gibt die anderen
 
Die Besetzung ist sicher die größte Stärke des Films. Almila Bagriacik spielt Aynur vom 15-jährigen Mädchen bis zur starken, erwachsenen Frau immer glaubwürdig. Diese junge Schauspielerin hat eine große Karriere vor sich.
 
Rauand Taleb spielt den jüngsten Bruder Nuri. Leider hat er nur wenige Szenen als Teenager, der sich nur an seinen älteren Brüdern orientiert. In der zweiten Hälfte des Films vermittelt er intensiv die trotzige Unbeirrbarkeit und den Stolz die seine Figur zum Mörder werden lässt.
 
Eine ganz besondere Leistung zeigt Meral Perin als Aynurs Mutter. Sie lässt uns erfahren, wie Ehrenmorde nur funktionieren können, wenn es neben den hartherzigen altmodisch denkenden Männern auch noch desensibilisierte Frauen gibt die fanatisch an einem System festhalten, das sie und ihre Töchter unterdrückt.
 
Aram Arami und Mehmet Atesci spielen die Brüder Tarik und Sinan als Erfüllungsgehilfen und Nutznießer eines Systems, das ihnen erlaubt Macht über Frauen auszuüben.
 
Merve Aksoy spielt die jüngere Schwester Shirin als Fanatikerin. Lara Aylin Winkler zeigt als Nuris Verlobte Evin die Verwirrung einer behüteten jungen Frau, die plötzlich überfordert wird. Idil Üner („Gegen die Wand“) spielt in wenigen Szenen eine moderne Muslimin und verständnisvolle Mutter.
 
 
Fazit
 
Dieser Film erzählt nicht nur die tragische Geschichte einer jungen Frau, die einfach nur leben wollte. Er vermittelt auch, dass „Ehrenmorde“ rein gar nichts mit Ehre zu tun haben, sondern bloß mit Unterdrückung. Ein emotional starker Film über eine starke Frau.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Sherry Hormann
  • Drehbuch: Florian Oeller
  • Besetzung: Almila Bagriacik, Meral Perin
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