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Trautmann - Kinostart: 14.03.2019

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Fast jeder englische Fußballfan weiß, wer Bert Trautmann war.
 
In Deutschland weiß kaum jemand, dass einer der besten Torhüter aller Zeiten ein ehemaliger deutscher Kriegsgefangener war, der mit Manchester City zur Legende wurde.
 
A fucking German!
 
Bernhard Trautmann kommt 1945 als Kriegsgefangener nach England. Ein englischer Geschäftsmann sieht zufällig, wie der junge Deutsche jeden Elfmeter seiner Mitgefangenen halten kann, um damit Zigaretten zu gewinnen. Weil er dringend einen guten Torwart für seinen Provinzfußballclub sucht, holt der Kaufmann den Kriegsgefangenen zunächst tageweise aus dem Lager. Weil er die Mannschaft nicht im Stich lassen will und weil er sich in die Tochter des Ladeninhabers verliebt hat, bleibt Trautmann nach seiner Freilassung in England. Das herausragende Talent des Torwarts bleibt nicht unerkannt und so spielt „Bert“, wie er von den Briten genannt wird, bald für den Erstligaverein Manchester City. Natürlich stößt der ehemalige Feind zunächst auf Ablehnung. Aber die sportlichen Erfolge sprechen bald für ihn. Während des Finalspiels um den FA Cup wird Trautmann schwer verletzt, spielt aber trotz eines Genickbruchs weiter. Kurz nach seinem größten Triumph erleiden er und seine Frau einen verheerenden Schicksalsschlag …
 
Warum Bernhard Trautmanns Geschichte bisher noch nicht verfilmt wurde, ist ein Rätsel. Allein wie ein ehemaliger deutscher Fallschirmjäger direkt nach dem Krieg im Vereinigten Königreich so erfolgreich werden konnte, um 1956 zum „Fußballer des Jahres“ gewählt und später sogar mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet zu werden, liefert bereits genug Material für ein packendes Drama. Das Finalspiel von 1956 ist eines der legendären Spiele der Fußballgeschichte, vergleichbar mit dem Finale der WM 1954.
 
Nun hat sich Marcus H. Rosenmüller der Geschichte dieses Ausnahmesportlers angenommen. Rosenmüller ist selbst eine Art Wunderkind. Gleich mit seinem ersten Spielfilm hat er einen Überraschungserfolgt gelandet. „Wer früher stirbt ist länger tot“ war einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahres 2006. Mit „Schwere Jungs“, über die deutsche Olympia-Bobmannschaft von 1952 hat Rosenmüller schon einmal einen Film über ein sporthistorisches Ereignis gedreht. Man sollte also meinen, Rosenmüller weiß, was er tut.
 
Aber Rosenmüller, der in seinem ersten Spielfilm so erfrischend originelle Wege beschritten hat, arbeitet bei der Erzählung von Bernd Trautmanns Geschichte sowohl als Regisseur als auch als Co-Autor leider arg konventionell. Beinahe langweilig chronologisch wird Trautmanns Geschichte erzählt. Auf den Kampfeinsatz und das Gefecht folgt die Gefangenschaft, darauf folgt die Liebe zur Kaufmannstochter, auf die sportlichen Erfolge mit dem Provinzverein St. Helens Town folgt der Vertrag mit Manchester City, nach dem Triumph folgt die Tragödie … Das alles wirkt beinahe dokumentarisch. Zwei kurze Rückblenden lassen die wenig originelle Dramaturgie nicht spannender werden.
 
Eine nicht unbeträchtliche Anzahl kleiner und mittlerer Fehler stören das Gesamtbild weiter. Wenn ein Kriegsgefangener in einer Szene schmutzig und mit Vollbart vor uns steht, kann sein Gesicht in der nächsten Szene nicht schmutzig und glattrasiert sein. 1945 wurde mit Seife und Wasser rasiert. Und Seife und Wasser halfen auch damals bereits gegen Dreck im Gesicht. Trautmanns kindliche Schwägerin ist 1951 genauso alt wie 1945. Und auch die Hauptfigur selbst sieht als Kriegsgefangener mit Anfang Zwanzig genauso aus wie über ein Jahrzehnt später als Sportstar. Hier hätte der Regisseur Rosenmüller mal mit seinen Maskenbildnern sprechen müssen. Die sollten eigentlich wissen, wie man Schauspieler im Verlauf eines Filmes älter wirken lässt.
 
 
Genickbruch
 
Auch das Drehbuch von Rosenmüller und Co-Autor Robert Marciniak fällt arg konventionell aus. Einige Teile der Handlung sind auch nicht stimmig oder stimmen ganz einfach inhaltlich nicht. Die Szene, in der ein Vater seine hübsche junge Tochter ins Kriegsgefangenenlager mitnimmt ist kompletter Unsinn. Das Bild eines von seinem Kameraden ermordeten osteuropäischen Buben, das Trautmann immer wieder verfolgt, ist zu bemüht. Wenn dieses Bild dann sogar während Trautmanns größtem Spiel erscheint, funktioniert die ganze Sequenz nicht mehr richtig.
 
Natürlich dürfen wir bei einer Britisch-Deutschen Coproduktion über ein historisches Ereignis nicht die Spannung eines Rocky-Filmes erwarten. Aber man muss sich schon fragen, wie Rosenmüller auf die Idee kommen konnte, die Szene mit Trautmanns Genickbruch so zu gestalten, wie er es getan hat? Es gäbe sicher verschiedene Möglichkeiten, diese hochdramatische Szene zu zeigen. Einen Arzt den Befund erklären zu lassen, noch WÄHREND der Zuseher dieses einmalige Ereignis in der Geschichte des Sports zu sehen bekommt, ist sicher so ziemlich der langweiligste Ansatz, der einem Filmemacher einfallen konnte. Der ganze Film steuert auf dieses eine Ereignis hin. Und wenn wir es gezeigt bekommen, berührt es uns nur wenig, wenn dieser Mann mit einer Verletzung weiterspielt, die tatsächlich tödlich sein müsste.
 
Viele Auslassungen und Vereinfachungen des Drehbuchs sind entschuldbar. Wenn am Ende des Films impliziert wird, Trautmann und seine Frau hätten bis zu deren Tode zusammengelebt, ist das aber grenzwertig. Das Paar wurde tatsächlich bereits 1972 geschieden.
 
Noch schlimmer ist es, wenn Rosenmüller im Film die wichtigsten Aspekte von Trautmanns sportlicher Karriere kaum vermittelt. Trautmann war einer der modernsten Torhüter seiner Zeit. Damals war es noch üblich, den Torhüter den Ball einfach weit nach vorne kicken zu lassen. Trautmann war einer der ersten, der den Ball durch weite Würfe taktisch an seine Feldspieler abgab.
 
Auch wird im Film nicht einmal erwähnt, warum Trautmann niemals in die deutsche Nationalmannschaft berufen wurde. Sepp Herberger, der während des Dritten Reiches ja bereits „Reichstrainer“ gewesen war, weigerte sich nämlich „Legionäre“ in seinem Team spielen zu lassen. Es muss für Trautmann eine Tragödie gewesen sein, beim „Wunder von Bern“ nicht dabei gewesen zu sein. Von diesen sportlichen Hintergründen wird im Film nichts erwähnt.
 
Die Mannschaft
 
David Kross („Der Vorleser“) zeigt eine solide Leistung als Bert Trautmann. Wenn er selbst die hölzernsten Dialogzeilen natürlich vorträgt und dabei seine Figur immer sympathisch wirken lässt, empfiehlt er sich für bessere Filme als diesen.
 
Freya Mavor („The White Queen”) muss noch mehr als ihr Kollege Kross gegen ein unausgereiftes Drehbuch anspielen. Wenn wir am Anfang nicht nachvollziehen können, warum sie sich so plötzlich in den „Feind“ verliebt und am Ende nicht verstehen, warum sie nicht auf ihren Mann zugehen kann, ist das nicht die Schuld der Darstellerin.
 
 
Fazit
 
Die faszinierende Geschichte und die kompetenten, sympathischen Darsteller können nicht über die Mängel des Drehbuchs und der Regie hinwegtäuschen. Bert Trautmanns Geschichte hätte sehr viel besser erzählt werden müssen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Marcus H. Rosenmüller
  • Drehbuch: Robert Marciniak
  • Besetzung: David Kross, Freya Mavor
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