deensvtr

I, Tonya

Artikel bewerten
(45 Stimmen)
Man hätte Tonya Harding im Film als rücksichtsloses Biest darstellen können.
 
... Oder als armes Opfer der Menschen in ihrer Umgebung. Margot Robbie spielt sie in Craig Gillespies neuem Film einfach als echten Menschen mit echten Fehlern.
 
Die Pflicht
 
In einer der ersten Szenen des Films sehen wir, welche Karten das Leben der kleinen Tonya Harding ausgeteilt hat. In einer Familie der unteren Mittelschicht geboren, verlässt der Vater die Familie früh.
 
Die Mutter war bereits vorher ein Monster, wittert aber das Talent ihrer Tochter und lässt das Kind schon mit vier Jahren an Eiskunstlaufwettbewerben teilnehmen. Ihre gesamte Kindheit und Jugend widmet Tonya dem Sport. Dafür lässt ihre Mutter sie sogar auf Schulabschluss und Ausbildung verzichten. Als der junge Jeff Gillooly an dem Mädchen Interesse zeigt, verliebt sie sich sofort.
 
Obwohl auch er arm ist und recht bald gewalttätig wird, heiraten die beiden. Gewalttätigkeiten und Beleidigungen kennt Tonya bereits von ihrer Mutter zur Genüge. Die einzige Chance auf ein besseres Leben für die junge Frau ist also der Eiskunstlauf. Als es so aussieht, als würde sie hinter ihrer Teamkollegin Nancy Kerrigan nur knapp die Teilnahme an den Olympischen Spielen verpassen, denkt sich ihr Ehemann Jeff zusammen mit seinem Freund Shawn einen Plan aus …
 
Die Kür
 
Vor zwanzig Jahren kannte jedermann Tonya Hardings Geschichte. Oder glaubte sie zu kennen. Regisseur Craig Gillespie („Lars und die Frauen“) und Autor Steven Rogers schaffen es, diese Geschichte so zu erzählen, dass keiner der Beteiligten ein unschuldiges Opfer und trotzdem keiner von ihnen ein kaltherziger Verbrecher ist. Die Protagonisten sind arm und ungebildet. Sie denken nicht besonders viel über ihr Handeln nach (Ein Hauptsatz von Tonya ist immer wieder „Das war nicht meine Schuld“). Doch merken diese Figuren, wie sie immer wieder zu kurz kommen. In einer Szene sagt Tonya: „Wenn man vierte bei den olympischen Spielen wird, bekommt man keine Werbeverträge. Man bekommt die Frühschicht in einem Schnellrestaurant.“
 
Dieser Film zeigt uns echte Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung niemals das emotionale Rüstzeug entwickelt haben, um mit Enttäuschungen umzugehen. Dabei werden die Charaktere aber niemals vorgeführt. Ganz anders als das was man uns im Privatfernsehen tagsüber zeigt, lernen wir hier, was diese Menschen antreibt. „I‘ Tonya“ lässt uns mit ihnen mitfühlen und -leben, statt sich über sie zu erheben. Am Ende erkennen wir, wohin ein Mangel an Perspektiven die Menschen treiben kann.
 
Die Geschichte wird immer wieder von den Beteiligten kommentiert. Diese semidokumentarischen Szenen verhindern, dass die drastischen Darstellungen von Gewalt und Missbrauch aber auch von Opportunismus und Rücksichtslosigkeit den Film zur Farce werden lassen. Ganz nebenbei sehen wir auch noch ein fantastisches Sportdrama. Die Szenen auf dem Eis sind brillant in Szene gesetzt. Wenn Margot Robbie den dreifachen Axel in extremer Zeitlupe springt, wirkt das realistischer als die Archivaufnahmen der echten Tonya Harding. Für Filmfans ist es immer schön zu sehen, wenn computergenerierte Bilder ausnahmsweise mal verwendet werden, um eine echte Geschichten von echten Menschen zu erzählen, statt uns Superdinosaurier oder kämpfende Alienroboter zu zeigen.
 
 
Die Eisläufer
 
Margot Robbie kennen wir von ihrer fantastischen Nebenrolle in „The Wolf of Wall Street“ und ihren zwei furchtbaren Hauptrollen in „Suicide Squad“ und „Focus“. Wenn sie mittlerweile gelernt hat, Projekte mit Will Smith zu meiden, könnte ihre Darstellung der Tonya Harding der Grundstein zu einer großen Karriere werden. Sie spielt Tonya als extrem entschlossene junge Frau, die sehr früh lernen musste, aus dem Wenigen was sie hat, das Meiste zu machen. Wenn Tonya Furchtbares erleidet ohne sich zu beschweren um dann wiederum an anderer Stelle im Selbstmitleid zu baden, ist es Margot Robbies Darstellung, die uns diese Figur nahe bringt. Am Ende des Films haben wir die Tragödie eines echten Menschen erfahren und können sie emotional nachvollziehen. Diese Oscar-Nominierung ist wohlverdient.
 
Allison Janney hat bereits im Fernsehen in „Mom“ und im Film in „Juno“ die Mutter gespielt. Hier spielt sie Tonyas Mutter als emotional gestörte Frau, die Aggressivität mit Stärke verwechselt. Janney zeigt eine eindrucksvolle Leistung, die zwar eine enorme Wucht hat, aber im Laufe des Films dann doch etwas zu einseitig bleibt. Man gönnt ihr natürlich die Oscar-Nominierung, aber Laurie Metcalf hat in „Lady Bird“ viel mehr geleistet.
 
Sebastian Stan („Bucky Barnes“ in den „Captain America“-Filmen) zeigt als Tonyas Ehemann Jeff eine Darstellung die nicht nur wegen des Schnauzbarts und der Klamotten sicher Mut verlangt hat. Er zeigt uns einen Menschen, der seine eigenen Widersprüche tatsächlich aufrichtig glaubt.
 
Sämtliche Nebenrollen sind hervorragend besetzt. Julianne Nicholson („Law & Order: Criminal Intent“), Paul Walter Hauser („Kingdom“) und Bobby Cannavale („Ant-Man“) zeigen ihr Können in kleinen aber wichtigen Rollen.
 
Die elfjährige Mckenna Grace hat uns zuletzt in „Begabt – Die Gleichung eines Lebens“ beeindruckt (eine ebenso sachkundige wie überaus unterhaltsame Kritik zu diesem Film ist hier auf cinepreview.de zu finden). Hier legt sie mit ihrer berührenden Darstellung in einigen wenigen Szenen als kleine Tonya die emotionale Grundlage für die gesamte Geschichte.
 
 
Fazit
 
Viel zu selten bekommt ein fähiger Regisseur ein gut geschriebenes Drehbuch in die Hand um daraus mit kompetenten Darstellern den bestmöglichen Film zu machen. „I, Tonya“ ist ein seltener Glücksfall. Wir sehen ein bewegendes Drama über echte Menschen mit echten Fehlern und echten Geschichten. Nicht nur für Freunde des Eiskunstlaufs absolut empfehlenswert.
 
 
Unterstütze CinePreview.DE:
                                                                                                                                        
 
 

Ähnliche Kritiken

Niemandsland: The Aftermath - Kinostart: 11.04.2019 Das zeitgenössische Kino befasst sich zumeist mit dem Zweiten Weltkrieg an sich, ...   ... vielleicht noch mit der Zeit, bis der Krieg begann. Die Nachkriegszeit wird aber nur selten thematisiert. In diese Kerbe schlägt NIEMANDSLAND – THE AFTERMATH, der auf einem Roman ...
Simpel Berührend und Hochemotional!! Bei „Simpel“, inszeniert von Regisseur ...   ... Markus Goller , erwartet uns ein herzerwärmendes Drama über einen geistig behinderten Jungen. In den Hauptrollen dürfen wir uns dabei neben Frederick Lau und Emilia Schül...
Song to Song Das neue Projekt von Terrence Malick ist ganz im Stil seiner bisherigen Produktionen. Song to Song ist ein ...   ... dokumentarisch anmutendes Filmfragment ohne klares Ziel, mit dabei sind wie immer hochkarätige Schauspieler.   Die Welt kreist nun einmal um sich selbst   ...
Tigermilch Man mischt Maracujasaft mit Milch und schmeckt das Ganze ...     ... mit einer ordentlichen Portion Weinbrand ab. Das ist Tigermilch, das liebste Getränkt von Jameelah und Nini, den beiden jugendlichen Protagonisten des auf einem Roman basierenden Films.   Der letzte Somme...

Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Craig Gillespie
  • Drehbuch: Steven Rogers
  • Besetzung: Margot Robbie, Sebastian Stan
wss hnews
Das erste Filmfoto von Oscar®-Gewinner Steven Spielbergs WEST SIDE STORY wurde veröffentlicht. Die Adaption des Original Broadway Musicals WEST SIDE…
traffikant hnews
"Der Trafikant": Bruno Ganz' letzter Film feiert seine Los Angeles Premiere auf dem Jüdischen Filmfestival Es sollte seine letzte Rolle werden: Bruno…
hnews pa bond25
Die James-Bond-Produzenten, Michael G. Wilson und Barbara Broccoli, haben am 25. April 2019 angekündigt, dass die Dreharbeiten zum 25. offiziellen…
swc hnews
Greg Pak und Phil Noto werden ab Juli die monatliche Comic-Kernserie übernehmen. Auf der diesjährigen Star Wars Celebration wurden Details zu der…
os019 hnews header
Endlich wieder Glamour, endlich wieder Popcorn-Feeling, endlich wieder erfahren, welche Filme für die Academy besonders hervorgestochen sind – ja, es…
hnews gg019 header
In der Nacht zum 07. Januar 2019 fand in Los Angeles wie in jedem Jahr die Verleihung der „Golden Globes“ statt. Und das bereits zum 76. Mal.…
hnews moma
Bei einer Benefitzveranstaltung des Museum of Modern Art 2018 ehrten Robert De Niro, Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Emily Mortimer und weitere Stars…
hnews joker
Nachdem Alec Baldwin letzten Monat den Cast verlassen hatte, übernimmt Brett Cullen die Rolle von Thomas Wayne im kommenden "Joker"-Film. Joaquin…
hnews hbfm18
Freddie Mercury, der legendäre Rocksänger der Siebziger und Achtziger Jahre, wurde heute vor zweiundsiebzig Jahren auf der Insel Sansibar (heute…
hnews tg2c
Jennifer Conelly soll neben Tom Cruise die weibliche Hauptrolle im "Top Gun" - Sequel spielen, welches 2019 in die Kinos kommen wird. Und zwar eine…
hnews dumbo tburton
Diese Woche hat Disney den Teaser-Trailer für seine neueste Live-Action-Adaption eines animierten Klassikers veröffentlicht: Dumbo. Basierend auf dem…
hnews 007ds
Daniel Craig wird als 007, der legendäre britische Geheimagent, zurückkehren. Und der mit dem Oscar® ausgezeichnete Regisseur Danny Boyle (Slumdog…
hnews 2019
2019 scheint gefühlt noch ziemlich weit weg zu sein, aber in Hollywood ist man schon jetzt damit beschäftigt, die nächsten Blockbuster zu…
hnews i5ds
Regisseur Steven Spielberg höchstpersönlich hat in seiner Dankesrede am 18.03.2018 bei den „Rakuten TV Empire Awards“ bestätigt, dass die…
hnews oscar2018
Die Oscars haben ihren 90. Geburtstag gefeiert. Und das politisch sehr korrekt und anfangs auch noch ziemlich unterhaltsam, doch dann wurde die…